Im Herzen Deutschlands ragt das facettenreiche Mittelgebirge Rhön in die Höhe: Grenzenlos touren über die weiten Ebenen und sanften Kuppen im Land der offenen Fernen.
Unterwegs im Biosphärenreservat Rhön.
Unentschlossenheit ist nicht mein Ding – eigentlich! Doch heute schwanke ich zwischen einem entspannten Tag am hoteleigenen Schwimmteich und einer kurvenreichen Tour über die Kuppen der Rhön. Kaum habe ich Mellrichstadt verlassen, empfinde ich die Entscheidung, meinem Bayernboxer etwas Auslauf zu verschaffen, als goldrichtig. Die wohlgeformten Rhönrundungen tauchen vor meinem Lenker auf, als ich nach Filke abbiege. Matthias, der Sturm-Wirt, kennt die Gegend wie seine Westentasche und gab mir den Tipp, nach Schmerbach „rüberzumachen“.
Am Beginn der mittelstreifenlosen Trasse weist ein Schild darauf hin, dass es sich hier nur um eine Verbindungsstraße handelt, die weder geräumt, noch gestreut wird! Macht nichts, wir haben Hochsommer und mein Bordthermometer zeigt schon 23 Grad im Schatten an, da dürfte längst kein Schnee mehr liegen. Der verschlungene Weg hat Ähnlichkeit mit einem Schmugglerpfad, kein Wunder, war doch bis zur Wiedervereinigung die freie westliche Welt hier zu Ende. Ein Gedenkstein erinnert an den Weiler Schmerbach, der 1973 auf Befehl der SED-Parteiführung von der Landkarte getilgt wurde, weil der Ort zu nahe am bösen Klassenfeind lag.
Aktion Ungeziefer: Das DDR-Regime ließ alle zu nah am Klassenfeind liegenden Dörfer räumen und abreißen.
In der vorderen Rhön
Guten Morgen Thüringen! Beim zweiten Blick auf die Straßenkarte muss ich schmunzeln, weil meine Route durch Helmershausen, Stepfershausen, Oepfershausen und Hümpfershausen führen soll. Das lässt Langeweile vermuten, doch genau das Gegenteil ist der Fall: Auf einer herrlich geschwungenen und unerwartet steilen Passage erklimme ich den über 700 Meter hohen Gebaberg und genieße dabei ganz großes Landschaftskino. So alt wie die Streckenführung scheint auch das historische Hinweisschild zu sein, das ich später im Vorbeiflug entdecke. Ganz geschickt in eine steinerne Bank integriert, liefert es völlig ohne Strom immer verlässliche Informationen, jedenfalls solange es hell ist. Erinnerungen an italienische Bergdörfer werden in mir wach, als ich die GS durch die verwinkelten und engen Orte tanzen lasse. Dann strebe ich nach Vacha, dem nördlichen Wendepunkt meiner Tour.
Rot-weißer Schlagbaum am ehemaligen Grenzstreifen.
Schattig und angenehm kühl geht es am rechten Berghang entlang, während knuffiger Teer unter meinen Pneus rumpelt. Deutlich breiter und komfortabler spult sich wenig später die „Erlebnisstraße der Deutschen Einheit“ vor mir ab, Ziel ist das Haus auf der Grenze.
Ein Stückchen heile Welt: Die betagte Johannisbrücke führt im malerischen Nordheim über die Streu, behütet von einem Brückenheiligen.
In der Kuppenrhön
Ausgeschildert ist der bekannte „Point Alpha“, doch vorerst lässt mich eine mit Blicken, Steigungen und Kurven gesegnete Anfahrt das 2003 eröffnete Haus auf der Grenze erreichen. Die Bezeichnung kommt nicht von ungefähr, steht das Gebäude doch direkt auf dem ehemaligen Kolonnenweg, einem befestigten Fahrstreifen der DDR-Grenztruppen in unmittelbarer Nähe zum sogenannten antiimperialistischen Schutzwall. In sehenswerten Ausstellungen wird das Leben und Leiden der Thüringischen Bevölkerung an und mit der innerdeutschen Grenze eindrucksvoll dargestellt. Wie nahe wir einem dritten Weltkrieg waren, wird mir bewusst, als ich ein paar Schaltvorgänge später am US-Beobachtungsstützpunkt Point Alpha Halt mache, dem heißesten Punkt des kalten Krieges.
Nach dem Zerfall der Anti-Hitler-Koalition und der Blockbildung von Nato und Warschauer Pakt gingen Strategen davon aus, dass ein Angriff auf Westdeutschland mit starken sowjetischen Panzerverbänden im nahen Fulda erfolgen würde. US-Truppen schufen den Stützpunkt Point Alpha und waren dort in ständiger Gefechtsbereitschaft, um beim ersten Anzeichen einer gegnerischen Mobilmachung Alarm auszulösen. In Steinwurfweite, nur durch den Grenzzaun getrennt, lagen die Einheiten der Volksarmee in Stellung. Mit der gewaltfreien Wiedervereinigung beider deutscher Staaten und der Abrüstung der Weltmächte wurde 2005 der Point-Alpha-Preis für friedliche Konfliktlösungen aus der Taufe gehoben. Zu den ersten Preisträgern zählten die Macher der deutschen Einheit: George W. Bush senior, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl. Glück gehabt, denke ich und schwinge mich wieder in den Sattel, drücke den Anlasserknopf, lege den ersten Gang ein und fahre los – in Freiheit.
Der heißeste Punkt des kalten Krieges: Am grenznahen Point Alpha wurde ständig mit dem Ausbruch des 3. Weltkrieges gerechnet.Go west! Vom ehemaligen Todesstreifen aus genießt man eine fantastische Aussicht auf die Kuppenrhön.
In der Hochrhön
Nur für einen kurzen Moment bin ich auf der B 84 unterwegs, ehe ich wieder dem Reiz der Nebenstrecke erliege. Die Etappe über Hofbieber bis Dipperz entpuppt sich als Bikers Paradise: Auf tadellosem Teer wieselflink durch übersichtliche Kurven kratzen. Ein paar Kilometer östlich liegt das kleine Nest Brand, von hier aus scheuche ich meine Adventure zur Fuldaquelle am Südhang unterhalb der Wasserkuppe. Im Halbschatten gluckert kristallklares, eiskaltes Nass aus dem Quellbrunnen, das ich mir an diesem heißen Rhönsommertag nur allzu gern ins Gesicht spritze. Erfrischt erreiche ich die nur wenige hundert Meter entfernte Wasserkuppe und klappe an den kostenlosen Motorradparkplätzen vor dem Luftsportzentrum den Seitenständer aus.
Kaum sind Jacke und Helm in den leeren Aluboxen verstaut, mache ich mich auf den Weg zum 950 Meter hohen Gipfel. Nach rund 15 Minuten stehe ich an der riesigen Radarkuppel, dahinter tut sich ein fantastisches Panorama bewaldeter Rhönkuppen auf. Nur ein paar Schritte noch und erreiche das am Westhang gelegene historische Fliegerdenkmal. 1923 wurde ein imposanter Bronzeadler aufgestellt und eine Tafel angebracht, auf der an jene erinnert wird, „die im Frieden und im Kriege im Kampf um die Eroberung der Luft ihr Leben gewagt und eingesetzt, mit ihrem Tode ihr Streben besiegelt haben“.
Fliegää, grüß mir die Sonne: Der Rhöner Himmel über dem 1923 aufgestellten Bronzeadler gilt als Mekka der Segelflieger.
Fliegää, grüß mir die Sonne …
Ein Sirren lässt meinen Blick in den blauen, fast wolkenlosen Himmel wandern, ein eleganter Segelflieger kurvt über mir und sucht nach Thermik, aufsteigender Warmluft. Vor rund hundert Jahren fanden auf der Wasserkuppe erste Flugversuche statt. Die einfachen Gleiter wurden von starken Männern an langen Seilen den Hang hinab gezogen, bis sich das primitive Luftfahrzeug für ein paar Meter vom Boden löste. Nach und nach wurden die Apparate verbessert, es gelangen längere und gelenkte Flüge. In den 1930er Jahren nutzen die braunen Machthaber das Gelände als Ausbildungslager für künftige Kampfflieger, Flugzeugschuppen und Kaserne wurden errichtet.
Die militärische Nutzung der Wasserkuppe wurde mit Ende des kalten Krieges eingestellt. An die tollkühnen Kerle in ihren klapprigen Kisten erinnern Ausstellungsstücke in „Peterchens Mondfahrt“ und im „Deutschen Flieger“, auf deren Sonnenterrassen Kaffee und Kuchen besonders gut schmecken. Spannende Ausblicke auf den laufenden Flugbetrieb bieten sich vom Restaurant „Weltensegler“ im Luftsportzentrum direkt an der Start- und Landebahn. Fast schon einem Absturz gleicht meine abschüssige Fahrt hinunter nach Dietges, von wo aus ich den 42 Kilometer langen Hochrhönring, die hiesige Route 66, gegen den Uhrzeigersinn umfahren möchte. Die mit grün-weißen Schildern gekennzeichnete Aussichtsrunde um den Berg Milseburg erreicht Höhen von bis zu 800 Metern und bietet ganz nebenbei wunderschöne Fernblicke über die gesamte Region.
Auf der Wasserkuppe: Motorrad und Segelflieger Seite an Seite.Prima Arbeitsteilung: Während die Flieger am Himmel ihre Kreise ziehen, machen die Biker die Rhön-Straßen unsicher.
In der südlichen Rhön
Völlig ohne Panoramen muss der schmale Weg auskommen, den ich dann in der Nähe von Gersfeld am Rande des Truppenübungsplatzes Wildflecken entdecke. Ohne Mittelstreifen und Verkehrsteilnehmer rausche ich auf picobello Asphalt durch eine verträumte Feldwaldundwiesenlandschaft über Dalherda nach Thalau an der B 279. Kaum bin ich auf die benachbarte B 27 abgebogen, darf auch mal wieder der hohe Gang mitspielen. Während mich der Wechsel über die Landesgrenze von Hessen nach Bayern völlig unbeeindruckt lässt, staune ich über die vielfach geschwungene Auffahrt zum Höhenzug bei Motten, auf dessen Scheitelhöhe sich die Rhein/Weser-Wasserscheide befindet. Das besondere Wasser seiner Heilquellen hat dem nicht weit entfernten Kurort Bad Brückenau den Titel „Bayerisches Staatsbad“ beschert.
Und weil ich nicht kuren, sondern kurven möchte, setze ich hier meinen südlichen Wendepunkt. Auf der anderen Seite des Truppenübungsplatzes in Richtung Bischofsheim unterwegs, achte ich auf den Weiler Oberbach, mein Tor zur grünen Hölle in den Schwarzen Bergen. Zwischen den Hängen von Totnansberg und Schwarzenberg quetscht sich der schmale Fahrweg hindurch nach Gefäll. Wenige Aussichten, viele Emotionen, zehn Kilometer lang kommen Hände und Füße nicht zur Ruhe. Der Adrenalinpegel bleibt konstant hoch, weil die sich anschließende Etappe über Sandberg zum Kloster Kreuzberg als fahrerisches Schmankerl erweist: Biegungen aller Güteklassen und ein perfekter Belag lassen meinen Boxer durch den Wald bergauf röhren, hohe Tannen stehen wortlos Spalier.
Auf dem heiligen Berg
In welch imponierender Höhe Franziskanermönche ihr Kloster im 17. Jahrhundert errichteten wird klar, als ich Bezeichnungen wie „höchstes Gasthaus Nordbayerns und höchste Bushaltestelle Frankens“ lese. Leise knisternd lasse ich die GS auf dem Parkplatz zurück und schlendere zum nahen klostereigenen Biergarten, wo der bei Wanderern und Wallfahrern beliebte Gerstensaft ausgeschenkt wird. Weil Flüssiges das Fasten nicht bricht, wird auch in diesem Gotteshaus mit viel Geschick süffiges Bier gebraut. Nachdem ich mich an einem Mineralwasser erfreut habe, mache ich mich auf den steilen Weg zum 928 Meter hohen Gipfel des „Heiligen Berges der Franken“ – mein Ziel ist die bekannte Kreuzigungsgruppe.
Die Sommerwärme, die Motorradstiefel, der Tankrucksack und scheinbar unendlich viele Treppenstufen lassen mein Herz rasen und den Atem keuchen, doch oben an den drei Kreuzen angekommen, entschädigt ein sagenhafter Ausblick für die Mühe: Weite Teile der Rhön liegt mir zu Füßen, selbst die Wasserkuppe ist deutlich zu erkennen. Nach längerer Zeit werde ich durch die Gesprächsfetzen einer sich nähernden Wandergruppe aus meiner fast schon meditativen Stille gerissen, Zeit zu gehen.
Flüssiges bricht das Fasten nicht: Nicht nur Pilger lassen sich gern das hier gebraute Bier im schattigen Innenhof des Klosters Kreuzberg schmecken.Oben angekommen: Die markante Kreuzigungsgruppe auf dem aussichtsreichen Gipfel des Kreuzbergs, dem heiligen Berg der Franken.
In der langen Rhön
Den Kreuzberg habe ich über die westliche Abfahrt nach Oberwildflecken verlassen, um in einem kleinen Bogen nach Bischofsheim zu kurven, dort nimmt die Hochrhönstraße ihren Anfang. So wie die Nationalsozialisten die Wasserkuppe für ihre Zwecke entdeckten, wurde vor dem Zweiten Weltkrieg der ehrgeizige Plan in die Tat umgesetzt, die bis dahin ärmliche Rhön stärker zu fördern. Männer des Reichsarbeitsdienstes schufen dabei die 25 Kilometer lange Verbindung nordwärts bis nach Fladungen, die damals allerdings nur geschottert war.
In weiten Schleifen komme ich dem weiß-blauen Rhönhimmel näher, bis ich die zentrale Hochfläche erreiche. Hier zeigt sich das Biosphärenreservat Rhön von seiner schönsten Seite: Die recht einsame und herrlich verkehrsarme Straße verläuft auf 800 Höhenmetern durch Wiesen, Weiden und Moore, die immer wieder durch die typischen lila Pflanzenteppiche unterbrochen werden. Weil es häufig stur geradeaus geht, kann ich die Panoramen rechts und links des Lenkers voll auskosten. Hemmungslose Rodungen und lebensfeindliche Bedingungen schufen jene karge Landschaft, die der Rhön den Ruf als Land der offenen Fernen einbrachte.
Heute keine Horrorgeschichten: Das Schwarze Moor am Beginn der Hochrhönstraße präsentiert sich genreuntypisch ohne wabernden Nebel.
Lebensfeindlich ging es auch im Lager Schwarzes Moor zu: Nach dem Abzug des Reichsarbeitsdienstes zum Beginn des Krieges wurden Zwangsarbeiter eingesetzt, das Moor urbar zu machen, viele von ihnen starben durch die harte Arbeit. Vom einstigen Lager blieb nur noch der Torbogen des Eingangs als Mahnmal erhalten.
Ich verlasse das Dreiländereck, hier stoßen Hessen, Bayern und Thüringen aneinander, und freue mich darauf, auf der Rückreise zum Bio-Hotel Sturm einen weiteren Höhepunkt anzusteuern. Die kleine aber feine Familienbrauerei Roth verschwindet im Rückspiegel, als ich zur bewaldeten Rother Kuppe abbiege und die Maschine von einer Schräglage in die andere lege. Oben an der Turmgaststätte angekommen, steige ich die vielen Stufen bis zur Aussichtsplattform hinauf und lasse meinen Blick über die vordere Rhön bis zum Thüringer Wald schweifen. Mit der tiefstehenden Sonne im Rücken nehme ich wenig später Kurs auf Mellrichstadt.
Im Dreiländereck: Der Aussichtsturm auf der Rother Kuppe ermöglicht ein tolles Rundumpanorama über Hessen, Thüringen und Bayern.
Die Rhön im Überblick
Die Rhön erstreckt sich von der Werra im Norden bis an die Fränkische Saale im Süden über rund 80 Kilometer, von der Stadt Fulda im Westen bis nach Mellrichstadt im Osten über circa 50 Kilometer und verteilt sich auf die drei Bundesländer Bayern, Hessen und Thüringen, der größte Teil liegt im Freistaat. Das Mittelgebirge ist überwiegend vulkanischen Ursprungs, die höchsten und bekanntesten Erhebungen sind die Wasserkuppe (950 m) und der Kreuzberg (928 m). Während die historisch belegten dichten Buchenwälder gnadenlosen Rodungen zum Opfer fielen, sorgte das raue Klima in den Höhenlagen für jene weiten baumlosen Flächen, die der Rhön den Beinamen „Land der offenen Fernen“ einbrachte.
Diese schützenswerte Kulturlandschaft wurde 1991 als UNESCO-Biosphärenreservat anerkannt. Die Region ist touristisch voll erschlossen, es lohnt sich, die Ortskerne der Kleinstädte zu erkunden, viele Marktplätze glänzen mit hübschen Brunnen und werden von malerischen Fachwerkbauten eingerahmt. Neben der deftigen Küche Hessens und Frankens seien die süffigen Biere der Brauerei Roth und die charaktervollen Weine aus dem Saaletal empfohlen. Für die Rhön sollten mindestens drei Fahrtage eingeplant werden, um ausreichend Zeit für einige ausgesuchte Höhepunkte zu haben. Das Straßennetz ist dicht, aber von sehr unterschiedlicher Qualität, die Beschilderung durchgehend gut. Während in der östlichen Rhön die Nebenstrecken durch verwinkelte und enge Ortschaften führen, wurden im westlichen Teil viele Verläufe begradigt. An Wochenenden und Feiertagen sind die typischen Bikerziele wie Hochrhönring und Wasserkuppe stark frequentiert und sollten gemieden werden. Die sehr abwechslungsreiche Tour ist trotz der Kurvenzahl und Höhenunterschiede auch für Anfänger und Wiedereinsteiger geeignet.
Im liebevoll geführten Haus von Matthias und Christa Schulze Dieckhoff, das zu den bekannten und renommierten Motor-Bike-Hotels gehört, beginnt und endet ein Fahrtag, wie man es sich als anspruchsvoller Gast nur wünschen kann: Komfortable Zimmer; ein aufmerksamer aber unaufdringlicher Service; eine ausgezeichnete, kreative Bio-Küche; der große schattige Garten mit dem Schwimmteich und eine Wohlfühlecke für das Motorrad.
Unter den vielen interessanten Ländern Afrikas nimmt Namibia eine Sonderstellung ein: großartige Landschaften, pittoreske Siedlungen, eindrucksvolle Stadtbilder, liebenswerte Menschen. Dazu noch eine Geschichte, die besonders uns Deutsche nicht kalt lassen kann, war das Land als „Deutsch-Südwest“ doch einst eine deutsche Kolonie.
Namibia: Dünen, Gravelroads und weite Landschaften.Unterwegs in Namibia.
Regen am Spreetshoogte-Pass
Fahrer-Briefing am frühen Morgen in der Sossusvlei Lodge. Tourguide Jürgen will uns die Wahl lassen: „Über den 1.676 Meter hohen Spreetshoogte-Pass verläuft die schönere Route. Aber es hat in der Nacht extrem stark geregnet, weshalb man nicht ausschließen kann, dass Teile der Straße überschwemmt sind. Wir könnten richtig nasse Füße kriegen…“ Noch bevor er die Alternative darstellen kann, ruft Freund Rainer wie aus der Pistole geschossen: „Das machen wir! Die fahren wir!“ Ganz so, als wolle er einen möglichen Widerspruch erst gar nicht zulassen. Zwar gibt es noch einige nachdenkliche Mienen in der Fahrergruppe, aber warum nicht diese Herausforderung annehmen? Wenn sich Rainer mit seinen 52 Jahren schon nicht vor nassen Füßen oder Schlimmerem fürchtet…
Es kommt, wie es unter solchen Umständen kommen muss, bloß noch heftiger. Denn wir haben es nicht nur mit den Überbleibseln des gestrigen Niederschlags zu tun, sondern mit dem heutigen Starkregen. Ein Gewitter entwickelt sich über dem mächtigen Bergrücken, den wir auf der Westseite erklimmen. Bis zu 22 Prozent beträgt die Steigung der Naturstraße, die immer wieder von Wasserläufen zerschnitten wird. Doch kaum sind wir oben, bricht das Gewitter los.
Blitz und Donner im Sekundentakt, kaum eine Pause. Es gießt wie aus Kübeln. Wir sind schutzlos, denn eine F 800 GS besitzt zwar Heizgriffe, aber keinen Faraday’schen Käfig. „Dort drüben ist eine Steinmauer, vor die setzen wir uns ins Gras!“ Es ist Rainer, der diesen Vorschlag macht. So bleiben die Motorräder etwa 20 Meter entfernt am Rand der „Straße“, einer lehm- und sanddurchsetzten Pfützensammlung, stehen und dienen – hoffentlich – im Fall des Falles als Blitzableiter. Wir kauern uns auf den Boden, die Mauer im Rücken. Kuschelig ist die Situation nicht gerade.
Bei 25 Grad nicht so schlimm: Namibias Savannen halten feuchte Überraschungen bereit.
Einige Minuten später beruhigt sich die Atmosphäre, das Donnerkrachen erscheint weiter entfernt. Weil ein Teil der Gruppe ein wenig Vorsprung hatte, versuchen wir, ihnen zu folgen. Nach kaum einem Kilometer Fahrstrecke sehen wir die parkenden Motorräder. „Mirinda’s Verandah“ steht in schwarzen Buchstaben auf gelbem Grund an der ansonsten weiß getünchten Ziegelwand eines Gebäudes, das schon bessere Tage gesehen hat. Die Veranda ist zwar mit einem Sonnensegel versehen, doch als Regenschutz ist dieses untauglich: Das Wasser steht fast knöcheltief auf der Veranda. Mirinda ist eine offenbar äußerst abgeschieden lebende alte Dame weißer Hautfarbe.
Freundlich bittet sie uns ins Haus und gewährt uns damit unfreiwillig einen Einblick in eine, sagen wir mal, bemerkenswerte Umgebung. Unordnung ist milde formuliert, Chaos keineswegs zu hoch gegriffen. Für uns bereitet Mirinda heißen Tee, der sehr willkommen ist. Dazu vertilgen die meisten den Inhalt ihrer morgens eingepackten Lunchpakete. Weil das nächste Gewitter bereits wieder laut auf sich aufmerksam macht, brechen wir auf, ohne Mirindas zweifellos höchst interessante Lebensgeschichte detaillierter erfahren zu haben. Das Chaos im Haus wie auch im Garten lässt so manchen von uns still fragen, wie lange sie dieses Leben in Abgeschiedenheit wohl noch durchstehen kann.
Kaum sind wir aufgesessen, wird der Regen erneut stärker. Die Naturstraße, in trockenem Zustand gut für ein Tempo von 100 bis 120 km/h, zwingt uns, die Geschwindigkeit deutlich zu drosseln. Die Oberfläche ist schmierig, teils sind große, viertelmetertiefe Pfützen zu durchfahren. Angesichts der Umstände sind wir mehr als froh, nicht auf Straßen-Enduroreifen unterwegs sein zu müssen, sondern auf die Metzeler Karoo T vertrauen zu können.
So sind sowohl Seitenführung wie Traktion kein Problem. In der Stadt Rehoboth machen wir Pause. Der Regen hat aufgehört, aber wir sind von den letzten 100 Kilometern klatschnass, zumindest unterhalb der Regenjacken. Denn natürlich hat keiner dermaßen intensive, lang anhaltende Niederschläge erwartet. Bei nur noch 12 Grad Umgebungstemperatur und – zuletzt – 80 km/h Tempo auf nassem, schlaglochverziertem Asphalt kriecht die Kälte in die Knochen.
Die Tanke scheint eine Art Mitfahrzentrum für die Locals zu sein. Schüler in ihren Uniformen warten auf Anschluss, Trucker füllen die großen Tanks ihrer Lkw. Und natürlich fahren die mit oft deutlich mehr als zehn Personen besetzten Vans ein und aus, die den öffentlichen Nahverkehr bedienen. Ein Mitarbeiter der Station versucht, das in großen Lacken stehende Wasser mit Hilfe eines Besens wegzuschieben, damit der Untergrund abtrocknen kann. Hier lässt sich trefflich über die bisherigen Eindrücke dieser Reise durch Namibia reflektieren.
Windhoek und die deutsche Spur
Zumeist fahren wir jeweils eine F 800 GS. Kein Netz, kein doppelter Boden. Natur pur, Sand und Steine satt. Klar gibt es einen täglichen Gepäcktransport, aber das bietet ja bekanntlich selbst jeder nur halbwegs ordentliche Reiseveranstalter. Jürgen, Chef von Karoo Biking, hat alles im Griff – außer Rainer. Beginn der Tour ist Namibias Hauptstadt Windhoek. Dieser Name ist Afrikaans, einer im 17. Jahrhundert aus dem Neuniederländischen entstandenen Sprache, die im südlichen Afrika relativ weit verbreitet worden ist. Windhoek ist gut 120 Jahre alt; gegründet wurde die Stadt 1890 in der deutschen Kolonialzeit.
Das Zentrum der seinerzeitigen Stadtgründung, die Alte Feste, ist noch heute mittels zahlreicher Wegweiser in der Innenstadt ausgeschildert. Und zwar auf Deutsch: „Alte Feste“ lesen wir, und wir sehen, direkt vor ihrem Eingang an der Robert-Mugabe-Avenue, auch das alte Reiterdenkmal. Es wurde im Januar 1912 eingeweiht und erinnert an die Kolonialkriege des deutschen Kaiserreichs gegen die Stämme der Herero und Nama von 1903 bis 1907. Eine deutschsprachige Inschrift hält die Zahl der Opfer dieses Krieges fest. Erstaunlicherweise ist dieses Reiterdenkmal, von einem Berliner Bildhauer entworfen, auch heute noch ein Nationaldenkmal; viele Namibier, vor allem Schwarze, stehen ihm jedoch sehr kritisch gegenüber.
Die Stadt hat heute samt ihrer Vororte etwa 450.000 Einwohner; künftig, so die Schätzung der Bürgermeisterin, dürften dort eine Million Menschen leben. Mindestens ebenso bemerkenswert erscheint uns, dass die Benennung der Straßen eine äußerst bunte Mischung darstellt: So stoßen wir nicht nur auf eine Fidel Castro Street, sondern auch auf die Lüderitzstraße; der Herr mit diesem Nachnamen rief 1884 „Deutsch-Südwestafrika“ als Kolonie aus. Die viertägige Rundtour, etwa 1.200 Kilometer lang, führt uns von Windhoek aus anfangs nach Norden. „Zum Einfahren bei Linksverkehr“, so Tourguide Jürgen, schade es ja nicht, wenn wir erst mal ein wenig Asphalt unter den Stollenrädern hätten.
Für die 66 Kilometer bis Okahandja brauchen wir weniger als eine Dreiviertelstunde, ein Schnitt von gut 90 km/h. Für eine Überlandstraße, wenn auch asphaltiert, eher flott. Freilich ist die Verkehrsdichte gering – und die Namibier sind zudem äußerst rücksichtsvolle Autofahrer. Ist im Rückspiegel ein schnelleres Fahrzeug zu sehen, wird vom Langsameren so weit als möglich links gefahren, um zügiges und gefahrloses Überholen zu ermöglichen. Dafür bedankt sich der Überholende anschließend mit einem kurzen Betätigen der Warnblinkanlage. Wär’ auch in Europa nicht schlecht… Wir kommen vorwärts wie das gern zitierte Messer durch warme Butter.
Namibias Geschichte ist genauso vielseitig wie ihre Gesichter.
Gravelroads nach Norden
Gleich hinter Okahandja schlagen wir uns in die Büsche. Die Straße trägt ein „D“ als Hauptbezeichnung, was laut Karte um eine „sonstige Straße (nicht asphaltiert)“ darstellt. So ist es denn auch: Die „Straße“ ist über weite Strecken eine Art einspuriger Feldweg, der durch von Büschen bestandene Savanne führt. Die Oberfläche des Fahrwegs ist aber nicht steinig, sondern von Sand bedeckt, der meist grobkörnig und deshalb hart ist. Immer wieder gibt es mehr oder minder tiefe Senken, die ab und zu feucht oder sogar von Wasser bestanden sind. Wer nicht permanent im Stehen fahren will, ist dankbar, wenn er den Vordermann im Blick hat; dessen Reaktionen verraten einiges über die Fahrbahnbeschaffenheit.
Schlammpackung: Wetbikes sind im BMW Sortiment noch relativ neu.
„Fahrt keinesfalls schneller als 120 km/h“, hat Jürgen uns eingebläut. Nicht, weil das GS-Fahrwerk nicht mehr vertragen würde, sondern weil stets die Gefahr besteht, dass überraschend Tiere die Straße überqueren. Angesichts der Übersichtlichkeit des Straßenverlaufs liegt es nahe, diese Mahnung zu vergessen, aber es sollte im Verlauf der Reise nicht nur eine Situation geben, in der sich Zurückhaltung beim Gasgeben vorteilhaft ausgewirkt hat.
Rund eine Stunde dauert das fröhliche Treiben auf einem Geläuf, das es in dieser Form in Europa lediglich in manchen Regionen Spaniens gibt. Die F 800 GS mit den Karoo T schnurrt grad’ so dahin, der Himmel ist blau, die Luft angenehm warm, die Gegend hübsch anzusehen und überraschend grün. „Namibia erlebt ein außergewöhnlich feuchtes Jahr“, erklärt Jürgen dieses Phänomen. Wir sollten eben dieses noch zu spüren kriegen…
Von Erindi zur Küste
Für uns mit der Gegend nicht vertraute Besucher erscheint die Straßensperre plötzlich: Ein massives Steintor, ein Wachhaus, eine Schranke. „Erindi“ ist zu lesen. Richtig, wir steuern ja eine „Game Reserve“, ein Wildreservat an. Unvorstellbare 77.000 Hektar misst das rundum eingezäunte Gelände, 770 Quadratkilometer privater Fläche! Schilder am Straßenrand warnen nicht vor schnödem Wildwechsel, sondern vor Elefanten. Denn diese riesigen Tiere residieren genauso in Erindi wie die anderen vier Arten, die zusammen die berühmten „Big Five“ ausmachen: Nashörner, Löwen, Büffel und Leoparden.
Nicht alle von ihnen zeigen sich uns auf der dreistündigen nachmittäglichen Safari-Fahrt, dafür kriegen wir aber Geparde, zahlreiche Giraffen und unterschiedliche Arten von Antilopen sowie Zebras zu sehen. Stark. Die Krokodile verharren zum Glück hinter dem Elektrozaun der Lodge von Erindi. Das nächtliche Tierstimmenkonzert ist ein vibrierendes Erlebnis, die Frühmorgenstimmung könnte auch im Paradies nicht schöner sein.
Das Tor zum Wildreservat Erindi.Eine vielköpfige Herde von Langhälsen im Tierreservat „Erindi“.
„Der erste Abschnitt bis Omaruru, etwa 60 Kilometer, wird etwas schwieriger“, verheißt uns Jürgen beim morgendlichen Briefing. In der Tat werden die sandigen Passagen länger und tiefer, es gilt sich zu konzentrieren und die richtige Linie auszuwählen, ohne das Tempo so weit zu reduzieren, dass die GS in dem verspurten Sand allzu instabil wird. Hinter Omaruru wird die Straße breiter und ihre Oberfläche fester, so dass das Tempo gefahrlos erhöht werden kann.
Allerdings staubt es über weite Strecken wirklich dramatisch. Wer nicht zumindest einen halben Kilometer Abstand zum Vordermann hält, hat wenig Freude am Fahren. Und überhaupt keinen Spaß macht es auch, wenn Lkws in voller Fahrt entgegenkommen; zumindest einige Sekunden ist völliger Blindflug unvermeidlich. Die Temperaturen liegen tagsüber zumeist um die 30 Grad, so dass wir bei der Kleidung auf maximale Durchlüftung schalten.
Der 1.200-Kilometer-Trip durch die Weiten Namibias führt größtenteils über gepflegte Schotterpisten, sogenannte Gravelroads.
Nachdem wir in Uis in Richtung Südwesten zum 120 Kilometer entfernten Ort Henties Bay abgebogen sind, beginnt die Fahrt meditativ zu werden. Über weite Passagen geht es schnurgerade dahin, die fast weiße Straßenoberfläche unterscheidet sich kaum von der vollkommen vegetationslosen, ebenfalls hellen Umgebung. Einzig eine einsame Stromleitung links der Straße zeigt uns, auf Kilometer sichtbar, den Weg. 120, 130, auch mal 140 km/h liegen an. Die F 800 GS schwänzelt fast ständig, doch das regt niemanden mehr auf. Oftmals fahren wir zu zweit nebeneinander; das Brummen der Motoren und das Prasseln der Steine sind neben den Windgeräuschen die dominierenden Wahrnehmungen. Alle fünf bis zehn Minuten ist entweder ein Auto zu überholen oder es kommt ein Fahrzeug entgegen. Dörfer, Menschen, Tiere? Hier scheint niemand zu leben.
Henties Bay bietet den Tempobolzern einen hübschen Spielplatz: Am Strand gibt es Tiefsand, der den Könnern am Lenker ein breites Lachen entlockt. Hin und her, rauf und runter geht’s – bis einer der Spanier im Eifer des Gefechts zu spät bemerkt, dass der Tankinhalt seiner F 800 GS zur Neige geht. Zehn Kilometer von der nächsten Tanke entfernt, im Tiefsand, direkt am Atlantikstrand. Da ist kameradschaftliche Hilfe angesagt.
„Swakop“, wie die Stadt Swakopmund in Namibia kurz genannt wird, fällt optisch aus dem Rahmen. Fachwerkhäuser, deutsche Namen an fast jedem Eck, dazu Palmen und Sand. Manches erinnert an Disneyland. Auch die Hansa-Brauerei, in der seit 1929 nach dem deutschen Reinheitsgebot Bier gebraut wurde. Es gibt nach wie vor eine Brauereigaststätte in der Stadt am Atlantik, doch das dort ausgeschenkte Bier kommt mittlerweile aus Windhoek. Immerhin werden fünf Sorten Bier noch immer nach dem deutschen Reinheitsgebot hergestellt, worauf man sehr stolz ist. Überbleibsel der Historie in der Stadt ist das Swakopmund Brauhaus, in dem nicht nur das Bier deutsche Kriterien erfüllt, sondern auch das Essen: Schweinshaxe, Schnitzel sowie Eisbein mit Sauerkraut dominieren die Speisenkarte.
Es ist nicht weit zur bekannten „Düne 7“ bei Walvis Bay, wo Könner mit der GS immer wieder die weit über 100 Meter hohen Dünenkämme ersprinten. Diesmal hat ein fahrtechnisch eigentlich brillanter, aber wohl etwas übermütiger Mitfahrer Pech: Bei 100 km/h überschlägt er sich, dünaufwärts fahrend mehrfach und staucht sich mächtig das Genick. Das abgerissene Cockpit-Instrument zeigt nicht nur die Geschwindigkeit im Moment des Abreißens, sondern auch die dazugehörende Drehzahl von 7.000 Touren. Die Achthunderter ist Schrott, kommt auf den Hänger des Begleitfahrzeugs. Dann ist Schluss mit Lustig an Düne 7, der Spezi reist ins nächste Krankenhaus, die anderen machen sich auf den Weg zum Kuiseb Canyon.
Am Anfang war das Feuer. Der Atompilz ist nur Tarnung, das Land sieht immer wie nach einem Krieg aus.Sandspektakel ohne Ende. Engagierte GS-Vernichtungsversuche an der Düne 7.
Der ist nach Überzeugung jener, die schon öfter hier waren, im Herbst noch nie so wasserreich gewesen wie jetzt. Fettes Grün allerorten, brummende Insekten, blühende Gräser inmitten des Namib Naukluft Nationalparks, der ja eine Wüstenlandschaft darstellt. Im Schatten einer Felswand verzehren alle ihr Sandwich und etwas Obst. Und staunen ob dieses Wunders der Natur.
Sossusvlei
Knapp zwei Stunden Fahrt noch für die 120 Kilometer bis zum Dorf Sesriem, Eingangspforte zur weltberühmten Sossusvlei-Dünenlandschaft. Auf dieser Etappe macht Rainer mal wieder einen seiner legendären „Ausbruchsversuche“, gibt Gas, was das Zeug hält. Beim Kaffeestopp in Solitaire – die Tank- und Raststation liegt so einsam wie ihr Name das vermuten lässt – bekennt er brummend: „Musste doch mal wissen, was die Achthunderter wirklich bringt.“ Was bringt sie auf einer zwar übersichtlichen, aber teils doch ganz unruhigen Gravelroad? „Fängt mit einer Zwei am Tacho an…“ Sagt’s und grinst sich eins. Zum Glück sind ja 190er Stollen montiert.
Welcome to Solitaire.
Sossusvlei darf seit einigen Jahren nicht mehr mit dem Motorrad befahren werden. Die 64 Kilometer lange Straße, einst ein echtes Fahrkönnen erfordernde Sandpiste, ist bis hin zum Parkplatz durchgehend asphaltiert. Sightseeing-4×4’s ohne Seitenfenster transportieren auch uns ins Naturwunder. Düne 45 darf als Einzige erstiegen werden, was natürlich jeder tut. Zum Glück sind wir Frühstarter, die meisten anderen Touristen sind später dran. Anschließend dann noch der Fußmarsch zum eindrucksvollen Deadvlei, dem Wald der toten Bäume. Und nachmittags dann ein weiterer Höhenpunkt dieser Reise: Der Blick von oben auf Sossusvlei.
Mit einer Cessna geht es über die grandiose Dünenlandschaft bis hinaus zum etwa 100 Kilometer entfernten Atlantik. Die Küste versteckt sich freilich, wie so oft, in dickem Nebel. Das Gefühl, ohne die nötige Instrumentenflug-Ausrüstung bei drei Metern Sichtweite mit Tempo 200 durch den Nebel zu rasen, ist ziemlich speziell. Rainer macht es nichts aus, genauso wenig wie die teils recht anspruchsvollen Flugmanöver des Piloten, der „seine“ Landschaft natürlich besonders eindrucksvoll präsentieren möchte. „Der macht das gut“, freut sich Rainer über das Engagement des Mannes am Cessna-Steuerknüppel – und kann es ja auch beurteilen, besitzt er doch selbst Fluglizenzen.
Luftnummer: Das riesige Dünengebiet Sossusvlei vom Flugzeug aus.
So schnell können 1.200 Kilometer vorbei sein. Deren 80 sind es noch von unserer Tanke in Rehoboth bis zurück nach Windhoek. 80 eiskalte Kilometer. Die heiße Dusche im Hotel wirkt aber zum Glück Wunder, die Mundwinkel steigen wieder aufs übliche Namibia-Maß. „Da fahren wir! Das machen wir!“ Nachträglich erntet der Initiator ausnahmslos Zustimmung, ohne vorher auf Ablehnung gestoßen zu sein. Ist auch eine Kunst.
Hochsommer in Namibia ist im Dezember und Januar, die kältesten Monate sind Juli und August. Dabei ist das Klima generell heiß und trocken. Am Atlantik ist es oft anhaltend nebelig und auch im Sommer kühl, im Winter kalt. Die wetterstabilsten Reisemonate sind Mai und Juni sowie September und Oktober, doch kann man mit Ausnahme des Hochsommers eigentlich das ganze Jahr gut Motorrad fahren.
Das Land
Namibia liegt im südlichen Afrika, ist mehr als doppelt so groß wie Deutschland und sehr dünn besiedelt. Im Wesentlichen wird das Land von den beiden Wüsten Namib (im Westen) und Kalahari (im Osten) geprägt. Das Binnenland mit der Hauptstadt Windhoek liegt durchschnittlich 1.700 Meter hoch, die höchsten Berge erreichen etwa 2.600 Meter. Der Großteil des Straßennetzes besteht aus Gravel Roads, nur Windhoeks Innenstadt sowie die wichtigsten Nationalstraßen sind asphaltiert.
Organisierte Reisen
Wer nur über ein schmales Zeitbudget verfügt, sollte sich an eine organisierte Reise anschließen. Sehr gute Erfahrungen haben wir mit Karoo Biking gemacht; dieser in Kapstadt beheimatete, also südafrikanische Veranstalter wird von dem Deutschen Jürgen Muess geleitet. Er bietet auch Namibia-Touren unterschiedlicher Länge und Schwierigkeit sowie BMW-Mietmotorräder an; verfügbar sind zahlreiche Modelle von der G 650 GS bis zur R 1200 GS Adventure und RT. Darüber hinaus gibt es diverse weitere Angebote.
Ausrüstung
Je nach Reisezeit und Reisedauer wechseln die Anforderungen. Regen ist zwar seltener als hierzulande, kann aber – je nach Region – durchaus ergiebig sein. Insgesamt sind die Temperaturdifferenzen zwischen Inlands- und Küstenregionen oft sehr groß, was große Variabilität bei der Bekleidung erfordert. Auf eher offroadig geplanten Routen sind gute Stollenreifen (wir fuhren mit Metzeler Karoo T, zugelassen auch für hohes Tempo) vorteilhaft, weil viele Pisten bei Nässe recht glitschig werden.
Text & Fotos: Ulf Böhringer · GS:MotorradMagazin, Ausgabe Nr. 16. Alle Angaben ohne Gewähr.
Eine unbekannte Welt vor unserer Haustür: Man fühlt sich ins späte Mittelalter zurückversetzt, wenn man die Altstadt von Tallinn, das früher Reval hieß, durchstreift.
Unterwegs auf den Landstraßen Estlands.
Auch auf dem Lande scheint mancherorts die Zeit stehengeblieben zu sein. Davon zeugen einige wundervoll gelegene und inzwischen zum Teil restaurierte Gutsanlagen wie Palmse mit alten landwirtschaftlichen Traditionen ebenso wie die Universitätsstadt Tartu, in der die estnische kulturelle und geistige Elite ihre Heimat hatte.
Eindrucksvolle Landschaften wie im Nationalpark Lahemaa und ein beeindruckender Küstenbereich mit zahllosen Buchten und über 3000 Inseln – es gibt so viel zu ‚er-fahren‘.
Typisches Bild im Norden Estlands.
Unterwegs im Osten
Nach Estland käme man auch über Land, auf dem alten Handelsweg Brügge-Nowgorod, doch entspannter ist eine Anreise mit der Fähre.
Eine direkte Fährverbindung aus Deutschland in die estnische Hauptstadt Tallinn gibt es schon lange nicht mehr. Tallinn ist nur über die finnische Hauptstadt Helsinki zu erreichen, ab Travemünde über Liepaja in Lettland oder ab Kiel über Klaipeda / Memel. Hierhin geht es mit den Fähren der DFDS am schnellsten. Durch Kurland fahren wir an der lettischen Hauptstadt Riga vorbei nach Nordosten durch den Gauja Nationalpark.
Ab Sigulda wird die Landschaft hügeliger, die Landstraße deutlich geschwungener. Über die Bier-Stadt Cesis und Valmiera, der größten Stadt in der Region Livland, erreichen wir bei Valka / Valga die Grenze zu Estland. 1920 wurde die Stadt in einen lettischen und einen estnischen Teil gespalten. Durch den Ort geht bis heute eine Staatsgrenze. Aber seit dem Beitritt beider Länder zur Europäischen Union und dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens ist es wieder möglich, ohne Kontrollen innerhalb des Stadtgebietes die Länder zu wechseln.
Die folgende Region bis zur Universitätsstadt Tartu wird den meisten von uns am unbekanntesten sein. Während wir durch Südestland cruisen, merken wir schnell, wie dünn das Land besiedelt ist. Mit 35 Einwohnern pro km² ist die Bevölkerungsdichte nur 1/7 so hoch wie in Deutschland. Die höchste Erhebung Estlands, gleichzeitig die höchste des gesamten Baltikums, ist der Suur Munamägi, der „Große Eiberg“, mit 318 Metern eher ein Hügel als ein Berg. Wir fahren durch endlos erscheinende Wälder – fast 50% des Landes ist mit Wald bedeckt, ein Viertel davon steht unter Naturschutz.
Die Landschaft ist mit Hügeln und kleinen Seen übersät, entspricht in Vielem dem, was wir aus Norddeutschland kennen. Mit dem Gefühl, nirgendwo etwas Großartiges versäumt zu haben, öffnet sich unser Auge schnell für das Farbenspiel zwischen Himmel, Wasser und Land.
Über Tolliste gelangen wir nach Sangaste und erreichen dann den heiligen See Pühajärv, von dem die Legende erzählt, dass dieser See aus den Tränen einer trauernden Mutter entstand, deren fünf Söhne im Krieg gefallen waren. Kleiner Zwischenstopp in Otepää, der am höchsten gelegenen Stadt in Estland, 152 m über dem Meeresspiegel, zu allen Jahreszeiten eine bekannte Sport- und Urlaubsregion. Das älteste Bauwerk von Otepää ist die Kirche. Im Pfarrhaus befinden sich ein kleines Skimuseum und das Flaggenmuseum. Hier wurde 1884 die blau-schwarzweiße Fahne der Korporation der estnischen Studenten geweiht. 30 Jahre später wurde sie als die Fahne der Estnischen Republik angenommen.
Irgendwann wird die Landschaft offener, die Orte folgen dichter aufeinander, Gewerbegebiete nehmen zu.
Das geistige Zentrum Estlands
Nur gut 104.000 Einwohner zählt die Universitätsstadt Tartu, das alte Dorpat, zweitgrößte Stadt Estlands. Die hier vom schwedischen König Gustav Adolf gegründete Universität hat für das geistige Leben Estlands eine ganz entscheidende Rolle gespielt. Auch heute noch bestimmt sie das intellektuelle Leben des Landes und wird weit über die Grenzen Estlands geschätzt. Der Rathausplatz ist von klassizistischen Gebäuden umrahmt, unter denen das „schiefe Haus“ eine Besonderheit ist. Es wurde auf Pfählen in feuchtem Untergrund errichtet. Als der Wasserspiegel sank, neigte sich das Haus zur Seite.
Daneben gibt es zahlreiche Museen, Cafés und einen großen Park, der sich über den Domberg erstreckt. Im „Püssirohukelder“, dem ehemaligen Schießpulverkeller im Hang der Erhebung, befinden sich heute ein Restaurant und eine Bar. Eine der besten Gelegenheiten, einen Abend in Tartu zu verbringen und in ein pulsierendes Nachtleben zu starten.
Nordwestlich von Tartu findet das größte Motorradtreffen Estlands statt, seit 1992 vom Jõgeva MC organisiert. Dieses Mal sind wir zum „falschen“ Zeitpunkt unterwegs – kein Treffen und so fahren wir gleich zum Peipsi järv, den Peipussee. Klar, weit, flach ist der fünftgrößte See Europas. Er ist gleichzeitig Grenzgebiet zu Russland. Solche Dimensionen sind wir in Deutschland bei einem See nicht gewohnt. Zum Vergleich: Der Bodensee, passt der Fläche nach gut sieben Mal in den Peipussee.
Die am Ufer liegenden Dörfer sind zum Teil estnischen, zum Teil russischen Ursprungs. Der größte Teil der russischstämmigen Bevölkerung lebt dort, und auch die Altgläubigen. Das ist eine religiöse Minderheit, die sich im 17. Jahrhundert von der russisch-orthodoxen Staatskirche abgetrennt hat. Kein Wunder, dass die ‚Abtrünnigen‘ im zaristischen Russland verfolgt wurden. Am westlichen Ende des Reiches, in den unzugänglichen Sümpfen rund um den Peipussee haben sie Zuflucht gefunden.
Dort leben sie heute noch, besonders bei Mustvee, dem Hauptort am Peipussee auf der estnischen Seite. Für uns ist es eine Reise in die Vergangenheit. Immer wieder weisen uns handgemalte Schilder vor verwitterten Holzhäusern auf den Verkauf von Zwiebeln, Tomaten und Gurken hin. Das ist es, wovon die Altorthodoxen seit Jahrhunderten leben. Und natürlich vom Fisch. Ihre Straßendörfer sind Fischerdörfer.
Die Verfolgung der Altgläubigen war auch am Peipussee weitergegangen. Erst mit der neuen Unabhängigkeit Estlands wurde es den Altgläubigen wieder gestattet, ihre Religion auszuüben und die zerstörten Kirchen wieder aufzubauen.
Anders als im Westen Estlands, wo Hunderttausende junger Menschen die Inseln und das Festland verlassen, um in Tallinn, England oder Irland ihr Glück zu suchen, bleiben die Altgläubigen in ihren Dörfern. Schon wenige Kilometer hinter Mustvee zeigt sich der Peipussee von einer ganz anderen Seite. Nun bestimmen nicht mehr die Friedhöfe, Kirchen und Holzhäuser der Altgläubigen das Bild, sondern ausgedehnte Wälder.
Etwas abseits der Hauptstraße treffen wir beim Dorf Kuremäe auf das Kloster Pühtitsa, das einzige „arbeitende“ russisch-orthodoxe Kloster in Estland. Hier leben etwa 100 Ordensschwestern und Novizinnen in traditioneller Lebensweise. Nach einer orthodoxen Legende kam es im 16. Jahrhundert hier zu einer Erscheinung. Um eine alte Eiche herum sind die Gebäude des Klosters angeordnet, im russischen Stil erbaut. Besonders bemerkenswert ist das Tor mit seinen sieben Glocken und den Wandmalereien. Die der Legende nach neben der Eiche gefundene Ikone wird in der Hauptkirche aufbewahrt. Mit ihren fünf Zwiebeltürmen ist die Uspesnkij-Kathedrale das mächtige Zentrum der gesamten, von einer Mauer umgebenen Anlage.
Heute untersteht das Kloster wieder dem Patriarchat von Moskau und ganz Russland.
Auf dem Weg zur Küste durchqueren wir das Kurtna-Seengebiet, das rund 40 kleine Seen umfasst. Eine angenehme Landschaft im Gegensatz zu der, die wir anschließend durchfahren. Verbrennungsgeruch steigt uns in die Nase. Er wird uns noch eine Weile begleiten, verursacht von Kraftwerken, die Öl verbrennen. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird in der Provinz Ost-Virumaa Ölschiefer abgebaut.
Der immense Brennstoffbedarf der Sowjetunion machte die Dörfer Kohtla und Järva zum Industriezentrum, weite Teile der Region fielen dem Tagebau zum Opfer. Der russische Bevölkerungsanteil der Stadt Kohtla-Järve liegt weit über dem Landesdurchschnitt, typisch für die Industriegebiete Estlands und die gesamte Region. Das gilt auch für das Industriezentrum Narva, den Grenzübergang nach Russland. Hier stellen die Esten nur drei Prozent der gut 80.000 Einwohner.
Lahemaa – das Land der Buchten
„Auch wenn du nur einen Tag übrig hast“, hatte mir bei meinem ersten Besuch in Estland mein Freund Anti in Tallinn gesagt, „du musst unbedingt in den Lahemaa-Nationalpark fahren. Aber nimm dir die Zeit und fahre parallel zur ‚1‘ auf der alten Straße, es lohnt sich. Und fahr in jedem Fall ins Fischerdorf Altja, nach Käsmu und zum Herrenhaus in Palmse. Wenn du dir mehr Zeit nimmst, dann übernachte dort im Parkhotel Palmse, der ehemaligen Schnapsbrennerei der Gutsanlage oder im Kohala Manor.“
Der Nationalpark umfasst knapp die Fläche des Stadtstaats Hamburg. Unsere Tour führt an Alvaren vorbei, der ältesten Ackerbaulandschaft in Estland, über das ebene, mit Wacholder bewachsene Kalksteinplateau bis zum Glint, dieser steilen, teilweise über 50 m abfallende Bruchstufe aus Schiefer, die sich parallel zur estnischen Nordküste entlang zieht. Hier wachsen riesige Wälder, treffen wir auf Moore, von denen es in Estland einige tausend gibt. Das Viru-Hochmoor ist eines der kleinsten, aber über einen Bohlenweg leicht zu erreichen. Neben verschiedenen typischen Moorpflanzen gibt es hier auch Sonnentau, diese „fleischfressende“ Pflanze in einer Menge, wie ich sie zuvor noch nie gesehen habe.
Über wenig befahrene Straßen fahren wir durch den Lahemaa-Nationalpark über einen „Goldenen Ring“ von repräsentativen Herrenhäusern mit ihren stattlichen Parkanlagen, Seen und Alleen, umgeben von den Naturschönheiten des Parks. Die etwa ein Dutzend Gutshöfe in Lahemaa sind je nach Lage, örtlicher Bedingung und Nutzung in unterschiedlich gutem oder schlechtem Zustand. Zu den restaurierten Häusern zählen Sagadi, eines der wenigen estnischen Gutshäuser im Rokokostil mit interessantem Forstmuseum, das an einem See gelegene Gut Vihula mit einer eigenen Wassermühle und das Herrenhaus von Kohala.
Das wohl schönste Beispiel ist die Gutsanlage von Palmse. Die Gebäude sind von einem repräsentativen Barockpark mit alten Bäumen, Schwanenteichen, Gartenpavillons und einer großartigen Orangerie umgeben. Im großen Obstgarten hat man alle alten Kernobstsorten Estlands zusammengetragen. Eines der großen Nebengebäude der Gutsanlage, die ehemalige Schnapsbrennerei, wurde zum komfortablen Parkhotel Palmse ausgebaut. Willkommener Ort für eine Übernachtung.
Das Fischerdorf Altja bietet gute Gelegenheit für eine Pause. Im Körts, dem alten Dorfkrug, wird wieder die traditionelle Küche gepflegt. 20 Kilometer weiter westwärts erreichen wir einen anderen geschichtsträchtigen Ort, Käsmu, das „Dorf der Kapitäne“. Hier befand sich die Seefahrtschule Estlands. Nur Männer wurden hier ausgebildet, Frauen war es strengstens verboten, ein Schiff zu betreten, das hätte Unglück gebracht. Sie mussten zu Hause auf ihre Männer warten, oft vergeblich. Deshalb ist Käsmu auch als „Dorf der Witwen“ bekannt. Im ehemaligen Schulgebäude ist heute ein Museum untergebracht.
Arne Vaik hat im Laufe seines Lebens viel Maritimes zusammengetragen, aber auch Gegenstände aus der Zeit, in der Estland Sowjetrepublik war. Damals waren die Küstenorte im Lahemaa Nationalpark militärisches Sperrgebiet. Das Westmeer, wie hier die Ostsee genannt wird, war eingezäunt, denn Finnland ist nicht weit. An den Spitzen der Halbinseln standen sowjetischen Wachtürme, die die Flucht in die Freiheit verhindern sollten. Ein Abstecher bringt uns zur Bucht von Hara, lange Zeit absolute Sperrzone, denn in der Bucht war einer der wichtigsten U-Boot-Häfen der Roten Flotte. Die Zufahrt ist schwierig zu finden, dieser merkwürdige Ort liegt hinter Buschwerk versteckt.
Lahemaa: Sagadi, Eingang zum Gutshof.
Befestigter Wohnturm und ein überraschend großer Wasserfall
Auf der alten Landstraße St. Petersburg–Narva–Tallinn fahren wir weiter und erreichen einen mittelalterlichen Wohnturm. Heute dient er als Café und ist durch den Eierlikör Kiiu Torn bekannt. Gute Gelegenheit zu einem Stopp für eine Kaffeepause.
Ein paar Kilometer weiter finden wir nach einigem Suchen den Wasserfall von Jägala, den größten in Estland, gut sieben Meter hoch. Durch die Jahrhunderte hat das Wasser den Kalkstein poliert und ein etwa 14 m tiefes und 300 m langes Tal entstehen lassen. Am mächtigsten ist der Wasserfall im Frühlingshochwasser. Mit meinen wasserdichten Motorradstiefeln kann ich über die glitschigen Steine an einer Stelle sogar hinter den Fall klettern.
Von der Hauptstadt auf die Inseln
Vorbei an großen Industrieanlagen fahren wir durch die Vororte ins Zentrum Tallinns. Einen Tag lassen wir die Motorräder am Hotel und erkunden diese eindrucksvolle mittelalterliche Stadt zu Fuß. In der Oberstadt liegt auf der steilen Anhöhe des Domberges eine Befestigungsanlage aus dem 13. Jahrhundert. Weit schweift von dort der Blick über die von Mauern umgebene mittelalterliche Unterstadt, die Bucht und die Kreuzfahrtschiffe bis zum alten Olympiahafen von 1980.
Tallinn hat etwa 412.000 Einwohner, was etwa einem Drittel der Gesamtbevölkerung Estlands entspricht.
Blick auf die Stadt Tallinn
Vorbei am Wasserfall bei Keila und der Klosterburg in Padise erreichen wir den Kurort Haapsalu. Die Stadt ist berühmt für ihren mit 214 Metern längsten überdachten Bahnsteig in Europa. Der Bahnhof wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut, um die russische Zarenfamilie würdig zu empfangen. Doch die russischen Herrscher haben den fertigen Bau nie zu sehen bekommen. Der so genannte Zarenbahnhof dient heute als Denkmal und Museum.
Der Bahnhof von Haapsalu.Haapsalu im Baltikum.
Als einziges baltisches Land hat Estland eine Vielzahl von Inseln. Mit einer Fähre fahren wir zur Insel Hiiumaa. Dann cruisen wir zum Leuchtturm Köpi. Irgendwo an der Piste steht ein Verkehrsschild mit der Angabe „@Internet“, einzigartig in Europa. Es zeigt, wo sich der nächste Hotspot befindet. Das ist gesetzlich garantiert Estland bietet seinen Bürgern kostenlosen Zugang zum Internet.
Das Land verfügt praktisch über ein flächendeckendes, stabiles und schnelles WLAN-Netz. Das geht auch ohne eigenen Rechner, denn in Ämtern, Bibliotheken, Cafés, Tankstellen, Busse, Bahnen und Dorfläden kann jeder ins Netz gehen. Die Esten können seit 2005 sogar ihre Politiker über das Internet wählen. E-Voting ist bisher einzigartig in Europa. Die Probleme einer totalen digitalen Vernetzung erlebte Estland auch 2007, als es den ersten schweren Hackerangriff auf einen Staat gab.
Der Leuchtturm von Hiiumaa.
Im Süden der Insel erreichen wir den Fährhafen von Söru und setzen dort nach Saaremaa über, auf die größte estnische Insel. Die Windmühlen von Angla und der Meteoritenkrater Kaali sind nur zwei der zahlreichen Sehenswürdigkeiten Saaremaas, deren Inselhauptstadt Kuressaare viele Übernachtungsmöglichkeiten bietet.
Saaremaa: Mühlen von Angla
Über eine Brücke gelangen wir auf die Insel Muhu. Von hier geht es dann wieder mit einer Fähre zum Festland und bald erreichen wir den alten Badeort Pärnu, bekannt für seinen 20 km langen und bis zu 100 m breiten Sandstrand. Ansehnliche alte Kurgebäude, eindrucksvolle Jugendstilvillen und einige überaus modern anmutende Gebäude im Bauhausstil, Strandvillen reicher Menschen, erbaut in den 1920er Jahren, kennzeichnen diese kleine Stadt.
Kursaal in Pärnu.
Bei strahlendem Sonnenschein verlassen wir die alte Hansestadt Pärnu. Auf dem Weg hinaus passieren wir auf einer alten Brücke den Pärnu Fluss und schwenken dann ab nach Süden. Richtung estnisch – lettischer Grenze werden die Abstände zwischen den Ortschaften immer größer, dafür die Strände immer einsamer. Gelegenheit zu einem Zwischenstopp, um ein Bad in der Ostsee zu nehmen. Dann die Grenze. Dank Schengen weist nur noch ein blaues Schild mit den EU-Sternen auf den Wechsel nach Lettland hin, die dunkelrot-weiß-dunkelrote Flagge und das Schild mit dem Hinweis auf Geschwindigkeitsvorschriften.
Entlang der Ostseeküste Lettlands machen wir uns wieder auf den Weg zur Fähre in Klaipeda. Es ist nicht unser letzter Besuch in Estland, so viel mehr gibt es noch zu entdecken und zu erfahren!
Diese kleine Ostseerepublik ist zurück in Europa – mit stiller Natur, gastfreundlichen Menschen und einer höchst interessanten und pulsierenden Hauptstadt. Mit der „singenden Revolution“ befreite sie sich 1989-91 aus der zerfallenden Sowjetunion und erlangte ihre Unabhängigkeit zurück. Die Zeit als sowjetische Republik hat einige Veränderungen gebracht. An diesem Erbe hat Estland besonders aus ökologischer Sicht wohl noch lange zu tragen. Aber es geht gewaltig voran, ob über das Internet wählen oder Unterlagen unterzeichnen – in Estland wird alles dafür getan, dass man seinen Alltag ohne großen administrativen Aufwand bewältigen kann.
Auf der anderen Seite werden weiter Traditionen gepflegt. Das estnische Sänger- und Tanzfest gilt als das Erkennungszeichen Estlands schlechthin und ist ein Grund, warum die Esten häufig als „singende Nation“ bezeichnet werden. Da seine vereinigende Wirkung so einzigartig ist, wurde es sogar zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO ernannt.
Eine Frau, eine kleine BMW F 650 GS und mehrere tausend Kilometer durch Länder, von denen sie fast nichts weiß: Von Köln über die Türkei, den Iran und Pakistan nach Indien und weiter bis Nepal.
Camp in der iranischen Wüste: Sonnenuntergang, Isomatte und die treue GS.
Die BMW brummt, eine Handvoll Freunde winkt und es geht los. Ich steuere auf den Bonner Verteiler zu und schaffe kaum zu verstehen, dass ich nicht nur in die Eifel zu einer Ausfahrt aufbreche, sondern nach Indien. Viele tausend Kilometer durch Länder, von denen ich nichts weiß.
Doch: Ich kenne die iranischen Atomstützpunkte, von denen man sich besser fernhält, ich weiß, dass das pakistanische Gebirge wegen Terroranschlägen gesperrt ist, dass man im Grenzbereich Afghanistans Begleitschutz bekommt und dass der Verkehr in Indien nicht zu bewältigen sein soll. Ich weiß aber nicht, wo ich überhaupt pinkeln soll und wohin das alles führt.
Noch begleitet mich Ben, mein Lieblingsmensch; aber in Istanbul tausche ich ihn gegen Manfred, weil er wieder arbeiten muss. Manfred ist meine männliche Reisebegleitung, die ich über ein Forum kennengelernt habe. Wir wollen gemeinsam bis Indien. Und hier beginnt das Abenteuer für mich, denn wir sind in Asien und der ständige Begleiter neben Manfred und der treuen BMW ist „Allah“.
Türkei: Aprikosen statt Strafzettel
Entlang der Schwarzmeerküste wechseln sich einsame Strände mit lieblichen Dörfern ab und sobald wir ins Landesinnere abbiegen, fühlen wir uns an die rumänischen Karpaten erinnert, mit herrlichen Kurven und schützendem Nadelwald. Die Anspannung fällt langsam von mir ab, denn überall sind freundliche Menschen und die Landschaft regt meinen Kopf zum Puzzeln an, sodass Erinnerungen an Bekanntes zutage kommen. Das Reisen scheint auf einmal so einfach. Warum habe ich mich nur so verrückt gemacht?
Unterwegs im Inneren der Türkei: Asphaltbänder wie mit dem Lineal gezogen.
Kappadokien, unser erstes Highlight auf dem asiatischen Kontinent. Kalksteinformationen, die an Zuckerhüte oder Phalli erinnern, in denen teilweise Wohnungen oder Kirchen untergebracht sind, lassen unserer Phantasie freien Lauf. Faszinierend sind die bis zu neun Etagen tiefen unterirdischen Städte, in denen Christen während der Verfolgung monatelang einzigartigen Schutz gefunden haben.
Freundliche, neugierige Menschen winken immer wieder vom Straßenrand. Bei jedem kleinen Stopp sprechen uns Männer an und fragen nach dem Woher? und Wohin? und immer wieder, welche Maschine besser ist. Ha! Seit ich mit Manfred reise, habe ich mehr Hubraum und daher mehr Akzeptanz. Männer sind manchmal so einfach. Kinder kommen angelaufen, winken neugierig, ohne fordernd nach irgendwelchem Bakshish zu fragen, und sogar Frauen winken manchmal schüchtern, wenn sie meinen Blick aus dem Helm als weiblich-unverfänglich erkennen.
Kilometerlang geradeaus – und die Freude am Fahren.Auch Pisten gehören dazu: Gegenverkehr im Staub der anatolischen Hochebene.
Die Landschaft berauscht mich. Manchmal fahren wir kilometerlang geradeaus, als würde ein mit dem Lineal gezogenes Asphaltband unsere Richtung weisen, und stellenweise knallt die Sonne so sehr, dass der Asphalt sich auflöst und in den Stollen hängen bleibt. Dann wieder durch hügelige Landschaften, in denen auf riesigen Planen Aprikosen dörren und Kinder uns zuwinken. Langgezogene Kurven und herrlicher Belag laden hier zum Fliegen ein, und da wir uns wegen der Leistung von Manfreds XT auf etwa 90 km/h geeinigt haben, drängt es mich manchmal, meine 650 Kubik kurzfristig etwas höher zu jagen. Nur der Freude wegen.
Kurven wie aus dem Bilderbuch.
Ich sehe die Kelle schon von Weitem. Hier hätte ich „weiß-Allah-nicht“ die Polizei erwartet. Mein Herz bleibt stehen, denn ich kann die türkische Polizei noch nicht einschätzen. Ein knappes „Merhaba“ und ein ernster Blick lassen mich klein werden. Ich muss dem Gesetzeshüter zum Auto folgen und mir das Video mit meiner gemessenen Geschwindigkeit anschauen, während ich belehrt werde. Hierfür muss ich kein Türkisch sprechen. Ich versuche einsichtig zu sein und gleichzeitig den Charme der unwissenden Fremden zu versprühen. In Deutschland darf man schließlich schneller … Der Kerl scheint sich jedoch wichtig zu fühlen, spielt mir den Film ein zweites Mal vor, und als ich dann reumütig mit einem Strafzettel rechne, lächelt er mich an, schenkt mir eine Handvoll Aprikosen und wünscht uns eine gute Reise. Ich bin sprachlos, muss lächeln und weiß in dem Moment, dass jedes Land seine eigenen Erfahrungen birgt und die Geschichten anderer nie übertragbar und pauschalisierbar sind.
Kurz vor der iranischen Grenze haben wir eine Zwangspause. Nicht nur, weil wir einige Tage brauchen, um den 5.120 Meter hohen Ararat zu besteigen, sondern auch, weil ein Erdbeben auf der iranischen Seite in Täbris verheerend gewütet hat und mehrere Hundert Todesopfer forderte. Wir warten auf Meldungen von möglichen Nachbeben und verbringen die anschließenden Tage erholsam mit gemütlichem Motorradfahren, Wäschewaschen und Hammam-Besuchen im grenznahen Ort Doğubayazıt. Mal cruisen wir entspannt durch eine einmalig karge Landschaft von See zu See, mal besuchen wir den Ishak-Pascha-Palast mit Weitblick auf die umliegenden Berge. Dieser burgähnliche Palast besticht durch seine Architektur. Nicht nur die Einflüsse seldschukischer Moscheen und armenischer Kirchen fließen ineinander, sondern auch die moderne Architektur greift zu, indem gerade ein schickes Glasdach angebracht wird. Anlass zu reichlich Diskussion unter den Besuchern – nicht alle sind davon so begeistert wie ich.
Iran: Gastfreundschaft ohne Ende
Nach einigen Tagen trauen wir uns dann weiter: Bereits zwei Meter vor der iranischen Grenze teilen mir die Zöllner mit, dass nun das Kopftuch mein ständiger Begleiter sein müsse – das gebiete die religiöse Pflicht. Hundert Meter nach der Grenze, in der miefigen Amtsstube, in der wir eine Versicherung für die Motorräder abschließen müssen, wird mir klar, dass die religiöse Pflicht nicht allzu ernst genommen wird. Hier wird geraucht und Cola getrunken, obwohl Ramadan ist.
Wandbild an einer iranischen Tankstelle – die Botschaft versteht man auch ohne Farsi.
Während wir noch über die Echtheit der Versicherungspolice rätseln, lässt das erwartete Nachbeben Täbris erneut erschüttern. Nichtsahnend steuern wir dementsprechend gen Täbris, und während ich gemütlich mit Manfred in die iranische Welt eintauche, geraten unsere neuen Freunde, die wir in der Türkei beim Mountainbiken kennengelernt haben und die uns für heute Abend zum Essen eingeladen haben, in Panik, weil ich nicht ans Handy gehe. Sie vermuten, dass wir vom Nachbeben betroffen sind, und stellen Nachforschungen bei der Polizei an. Als ich davon erfahre, bekomme ich das erste Mal eine Ahnung davon, was im Iran mit „Gastfreundschaft“ gemeint sein kann.
Einige Tage später lenken wir über hohe Gebirgszüge und unendliche Kurvenfreuden ans Kaspische Meer, tanken Sonne und Strand, soweit das durch die Ganzkörperbekleidung möglich ist, und freuen uns dann über denselben Gebirgszug weiter südlich wieder ins Landesinnere Richtung Isfahan zu stoßen.
Die Brücke Si-o-se-pol in Isfahan im Abendlicht.Ein kleiner Schrein vor roter Felswand.
Dann trennen sich Manfred und ich für drei Tage. Nicht das erste Mal, denn unsere Vorstellungen vom Reisen gehen doch etwas auseinander. Während ich dem Motto „Nimmersatt“ alle Ehre mache, ist er eher der geruhsame Reisende. Die Visa geben uns eine klare Taktierung vor, und ich möchte in der Zeit so viel wie möglich erfahren. Daher steuere ich allein Shiraz an, weil die Ruinen von Persepolis eine Anziehung auf mich ausüben, während Manfred in Kerman auf mich warten will.
Aus dem Buch: Endlich allein
„You are Kirsten from Germany! Right?“
Ich schau den kleinen bärtigen Mann mit weißem Hemd leicht genervt an. Der soll mich jetzt bloß in Ruhe grollen lassen. Schließlich habe ich gerade erst die Polizei persönlich auf diesem kostenlosen Campingplatz vor den Toren Persepolis’ abgeliefert. Aus Schutz für mich. Aber ich wollte den Schutz nicht.
Gemütlich hatte ich bereits mein Zelt in dem Wald vor Persepolis aufgebaut, meinen Kettenschutz mit Kaltmetall fachmännisch unter den Argusaugen zweier Pferdetreiber repariert, Tomatensalat aus den Früchten zubereitet, die mir die Bauernfamilie geschenkt hatte, mit denen ich nachmittags am Wegesrand Tee getrunken hatte, und ich war bereits dabei, die Zähne zu putzen, als die freundlichen Helfer mit ihren kleinen Mopeds durch das Unterholz auf mich zukamen:
„Dangerous here.“ – „No“, spucke ich zwischen meiner Zahnpasta aus. – „Yes.“ Mehr gibt unsere Kommunikation nicht her.
Ob die Polizisten kein Englisch verstehen oder ob sie zu sehr von der Schönheit meiner BMW geflasht sind, weiß ich nicht. Jedenfalls signalisieren sie mit Händen und Füßen, den Blick verträumt lächelnd auf den Motor gerichtet, dass ich hier nicht bleiben könne.
„They say it’s too dangerous here, because bad people walk along at night, and it’s not good for tourists. Last year a Swedish couple got robbed here and the world was talking bad about our country. But it’s a nice country …“
In Zeitlupe hebe ich meinen Blick, sehe in ein schuldbewusstes, bekanntes Lächeln und weiß jetzt auch, wer hier die Petze und damit der Verursacher meiner Situation ist. Als ob die Polizisten hier abends im Wald Touristen wie frische Pilze suchen gehen. Mein Pferdeflüsterer, der eben schon Sorge um mein Leben hatte, zuckt mit den Schultern und das Gesicht verzieht sich: „They asked me if there is something special here … Sorry … I had to tell them. You know … If something happened to you. I don’t want …“ Er stottert so verlegen, dass ich auch lächeln muss und ihm schon fast verzeihe.
Trotzdem erkläre ich standfest, dass ich weder alles wieder abbauen noch umziehen möchte, dass ich mich wehren kann, dass auch Iraner hier im Wald sind, dass ich früh Persepolis sehen möchte, dass ich meinen Kettenschutz repariert habe und der noch aushärten muss und dass ich kein Geld habe. „It’s ok.“
Ich argumentiere chancenlos gegen freundliche Gesichter, und bevor ich mich versehe, helfen alle zusammen zu packen. Mein loses Gepäck wird auf das Pferd des Flüsterers gehoben, die Polizisten schleppen mein Campingequipment und ich fahre die notdürftig beladene BMW. Die Karawane zieht zu einem nahen Campingplatz. Dort werde ich durch einen Graben wieder in den Wald geleitet, damit ich glücklich zwischen Bäumen schlafen kann, aber auch sicher direkt neben dem Haus des Wachpersonals bin. Ich bin wirklich gerührt, als ein halbes Dutzend Sicherheitsbeamte, mit ihrer Leistung voll zufrieden lächelnd, um mich herum stehen. Noch erleichterter bin ich aber, als ich endlich wieder allein bin.
Und dann liegt da neben mir dieser kleine Südländer auf einer bloßen Isomatte, dreht sich ’ne Kippe, beobachtet meine eskortierte Einlieferung und den Zeltaufbau gemütlich und kommt dann rüber mit den Worten: „You are Kirsten from Germany! Right?“
Drei wunderbar entspannte Tage verbringe ich, ohne Fremdsteuerung und Absprachen. Ich genieße die Einladung zum Tee von Bauern und lasse mich (wie oben erzählt) von der Polizei aus dem Wald fischen. Ich schlafe in der iranischen Wüste und folge Einladungen in einem Höhlendorf. Und als ich nach drei Tagen in Kerman ankomme, bin ich tiefenentspannt, gut gelaunt und weiß genau, was mir am Reisen so viel Freude bereitet. Bis mir Manfred mitteilt, dass er nach Deutschland zurückkehrt. Zwei Tagesetappen vor Pakistan.
Einladung in ein Höhlendorf.Rast an alten Lehmmauern.
Wüste Lut: karg, öde – und doch voller Geheimnisse.
Jetzt bin ich wirklich allein – mit mir und meiner kleinen GS.
Die fiktive Hand schnürt sich in Sekundenschnelle um meinen Hals. Ich stehe in Kerman im östlichen Iran, zwei Tagesetappen vor der pakistanischen Grenze, und mein Begleiter sagt „Tschüss, Süße“. Natürlich nutzt er andere Worte, aber der Inhalt ist derselbe. Ab jetzt bin ich allein Richtung Indien unterwegs. Natürlich hatte ich mich mal wieder für zwei Tage unabhängig gemacht – das braucht meine Seele, und das war auch so abgesprochen –, und natürlich schleppte er seit geraumer Zeit Durchfall und Kopfschmerzen mit sich herum. Aber mit einer plötzlichen Trennung als Folge davon habe ich nun wirklich nicht gerechnet …
Vor mir lauert das talibanische Niemandsland und das unbekannte Indien, das man laut gängiger Meinung entweder hasst oder liebt. Hinter mir der Alltag. Da fällt eine Entscheidung nicht schwer, auch wenn das Schlucken etwas länger dauert. Zwei Tage, dann ist die BMW gesattelt und der Mut aufgefrischt.
Der Weg führt über Bam und Zahedan. Gefühlt habe ich immer rechts die Gebirgszüge neben mir und links die Wüste Lut. Zwei faszinierende Landschaftsformen, die auf den ersten Blick karg, öde und trostlos scheinen, aber beim näheren Hinschauen doch voller Geheimnisse und Schönheiten stecken. So wie die unerwartete Tatsache, dass hinter meinen Stollen jetzt der hitchhikende Spanier Javier herreist, den ich in Persepolis kennengelernt hatte. Er möchte auch nach Indien, und ab hier gibt es nur noch einen Weg.
Gebirge und Weite im Osten des Iran.
Wir verlegen uns aufs Couchsurfen, was sowohl das Budget schont als auch Kontakt zur Bevölkerung herstellt. Und allein der Blick in den Augen meines ersten Gastgebers, als er eine Frau auf dem Motorrad erblickt, ist es wert, dies zu unternehmen. Er gewöhnt sich jedoch recht schnell an diesen Gedanken und führt mich zwei Tage durch die alte, vom Erdbeben verschüttete Stadt Bam, über sämtliche Basare der neuen Stadt, in jede Form der Shishaläden und zu herrlichen Picknickplätzen. Als Krönung begleitet er Javier und mich nach Zahedan zu weiteren Couchsurfing-Gastgebern. Für diese Aktion haben wir ihn dazu überredet, das erste Mal in seinem Leben „blau“ zu machen. Er ist stolz und wir sind glücklich. Die Iraner sind schon ein tolles Volk.
Abend bei iranischen Gastgeberinnen – mit Wasserpfeife und Trommel.
Nach einigen Tagen merke ich jedoch, dass mir bei der riesigen Gastfreundschaft die Zeit für mich fehlt. Irgendwann müssen die Eindrücke auch mal verarbeitet werden, und so bin ich froh, der überaus freundlichen, aber minutiös getakteten Fremdbestimmung zu entkommen und gen Pakistan zu steuern.
Pakistan: Im Schutz der Eskorte
Ich hatte anfangs den Traum, in Pakistan den legendären Karakorum Highway unter die Stollen zu nehmen. Recherchen und mündliche Informationen anderer Motorradreisender ließen meine Idee jedoch schnell auf das Bedürfnis einer schnellstmöglichen Durchreise schrumpfen. Zu gefährlich wirkte das Land nach den aktuellen Informationen. Drei Tage hatte ich berechnet, wenn ich am Hahn drehe. Neun Tage habe ich gebraucht.
Weite, Wüste, Kamele: Pakistans Südwesten.
Die vorgeschriebene Eskorte, die jeder ab Eintritt in das Land bis Quetta bekommt, wird derart ausgedehnt, dass ich ab Quetta sogar in den Zug verfrachtet werde und in der Folge bis Lahore Begleitschutz an der Seite habe. Ich sehe also nichts von der berauschenden Landschaft, kann mir lediglich ein Bild von den Security-Jungs machen, und mein Seelenzustand kümmert deutlich dahin, da ich mich unfreier fühle als je zuvor. Übernachtung in Polizeistationen, Hotels mit Ausgangssperre, einmal gar acht Personen Bewachung in einem kleinen Guesthouse, Sicherheitsgewahrsam, nicht mal pinkeln kann ich ohne Aufpasser.
Die Eskorte: freundlich, bewaffnet und neugierig auf die GS.Vor dem Guesthouse: ein Teil der Bewachung.
Tanken auf pakistanisch: Der Sprit kommt aus dem Kanister, die Nachbarschaft schaut zu.Straßenszene in einer pakistanischen Kleinstadt.
„GO“ heißt es kurz vor Lahore, und ich weiß noch nicht ganz, ob ich mich über meine plötzliche Freiheit freuen soll oder ob das hilflose Gefühl überwiegt. Schließlich stehe ich auf einmal allein vor den Toren dieser hektischen Siebenmillionenstadt, es dunkelt bereits, und ich möchte gerne meinen trampenden Begleiter Javier wiederfinden. Es ist bereits stockdunkel, als ich das Zentrum erreiche, und wie Fliegen surren die kleinen Möpeds um mich herum. Die BMW ist schier zu wuchtig, um lässig mitzuhalten, ich bin übermüdet, mein Navi zeigt nur einen Punkt als Zentrum und mein Handy streikt. Hier lerne ich meine wichtigste Lektion, mit der ich später durch ganz Indien finde: Anhalten und Zigarette rauchen! Dies verhilft nicht nur zu Entspannung, sondern in diesem Fall zusätzlich zu einem zuverlässigen Tourguide, einer Einladung zum Dinner und zu einem Fernsehdreh von „DawnNews“ am nächsten Tag. Die Freiheit in Pakistan gefällt mir sehr gut, sodass ich es auf einmal noch zwei Tage freiwillig länger aushalte.
Dinner in Pakistan: Fladenbrot, Kichererbsen, frischer Salat.
Indien: Zwischen Zoll, Schlamm und Spiti
Dann ruft Indien. Da will ich hin, und das schiebe ich auch nur noch eine Nacht hinaus. Wagah-Grenze. Ich möchte von der pakistanischen Seite aus das Spektakel der legendären Grenzschließung miterleben. Das Abendprogramm des Militärballetts ist herrlich, und anschließend bette ich mein Haupt auf feinsten englischen Rasen vor dem pompösen Grenzgebäude, während Grenzbeamte meine GS bewachen.
Auf der indischen Seite bekomme ich erstmals perfektionistisch organisierte Bürokratie mit. Wahrscheinlich ein britisches Erbe. Der diensthabende Zollbeamte nimmt sich wichtig und kontrolliert tatsächlich (erstmalig) die Motornummer im Carnet de Passage. „Wrong“, motzt er mich an, und ich spüre den Schweiß und die Verzweiflung aufkommen. Wieso falsch? Das habe ich doch selber notiert und eingetragen. Aber meine Kontrolle muss ihm recht geben – zwei Zahlen sind verdreht. Unser Gespräch verläuft von mild-verhandelnd bis wutschnaubend-aggressiv, und ich male mir schon aus, an dieser Seite der Grenze weitere Tage zu verbringen. Dieser Kerl drückt kein Auge zu, schreibt keine Erklärung in das Carnet, lächelt nicht buddhistisch großzügig und winkt mich nicht durch. Er schreibt seelenruhig ein Fax an die zuständige Behörde in Deutschland. Am Wochenende. Ich koche innerlich.
Ich weiß nicht, wer mir so viele Schutzengel an die Seite gestellt hat, aber dieser erscheint kurz darauf in Cordura, leitet eine Motorradreisegruppe aus den Niederlanden, war in seinem früheren Leben mal BMW-Mitarbeiter und weiß genau, dass bei BMW rechts und links zwei verschiedene Nummern auf dem Motor stehen. Eine davon ist aber nur die Motornummer. Und die von der anderen Seite stimmt dann. Ich darf fahren. Welcome India!
Der erste entspannte Eindruck von Indien, dem ich drei Tage in der sikhischen Pilgeratmosphäre des Goldenen Tempels in Amritsar begegne, trügt. Der Verkehr ist tückisch, rücksichtslos und brutal. Die Straßen tun ihr Übriges dazu, und ich weiß schnell, welche Menschen dieses Land hassen. Die, die am Verkehr teilnehmen.
Ein Sadhu bei der Arbeit – Indien zeigt sich von seiner spirituellen Seite.
Trotzdem lenke ich zielstrebig nach Manali weiter. Ich möchte den Manali-Leh-Highway fahren und bin schon recht spät im Jahr dran. Es könnte zu heftigen Regenfällen kommen, die die Straßen nahezu unpassierbar machen. In Vashisht bringe ich meine BMW in einer Werkstatt auf Vordermann, denn für diese Strecke muss sie aufgepeppt werden. Diese Arbeit war nahezu überflüssig, denn ich scheitere bereits am ersten Tag an den Schlammmassen des Rothangpasses und stehe drei Tage später wieder vor dieser Werkstatt.
Aus dem Buch: Kopf gegen Gefühl
Schafherde auf der schlammigen Passstraße: Hier geht es nur im Schritttempo.
Ich will nach Leh! Diese Traumstraße, den zweithöchsten Pass der Welt von Manali nach Leh ins Karakorum-Gebirge zu fahren, ist eins meiner größten Ziele in Indien. Daher muss ich das jetzt auch tun.
Ich ignoriere die Tatsache, dass der Pass am fünfzehnten September gesperrt wird und wir den fünfzehnten September haben. Gut, die Camps bestehen dann nicht mehr, aber wer braucht die überteuerten Touristationen schon. Gut, es wird dann auch von staatlicher Seite dieser Region keine Hilfe mehr übernommen, aber es gibt genügend hilfsbereite Menschen dort oben. Klingt doch prima. Gut, es schüttet seit Tagen wie aus Eimern, es wird von Schlammlawinen und eingestürzten Brücken geredet, und hier in Manali steht noch nicht mal die Verbindung zum Internet, aber bisher regnete es doch jeden Tag und vormittags war schönster Sonnenschein.
„What is your feeling ’bout the trip?“, hatte mich Javi heute Mittag gefragt, als wir uns wegen strömenden Regens statt bei einer Wanderung an heiligen Wasserfällen in einem Kiffercafé mit unheiligem Kraut in gerollten Zigaretten niedergelassen haben. Was will man auch sonst tun bei dem Wetter … „My feeling says it’s bullshit …“, nein, das ist der Kopf! Oder? Ich fühl nochmal hin, so sicher kann ich mir da nicht sein. „No, my feeling says, I wanna go. My brain says it’s bullshit …“ Ich habe also beschlossen, mir um vier Uhr morgen früh das Wetter anzuschauen, und stoße abends mit den Beiden erst einmal auf meine Entscheidung und auf unseren letzten Abend an.
Diese Nacht ist schlaflos, denn Kopf und Gefühl sind im permanenten Streit: „Ich muss unbedingt nach Leh“ gegen „Rishikesh ist einfach auch ein nettes entspanntes Ziel“. Und: „Das war mein Plan und mein einzig festes Ziel in Indien“ gegen „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm deine Pläne“. Oder: „Das ist viel zu gefährlich“ gegen „Wer weiß, du hast es noch nicht probiert.“ Und … die ganze Nacht.
Um vier Uhr bin ich daher nicht aufgestanden, sondern eingeschlafen. Aber gewonnen hat nach einem harten Zweikampf und unzähligen gelben Karten trotzdem das Gefühl, und um neun Uhr sitze ich übernächtigt auf dem Bock und lenke gen Leh. Wann mein Verstand dann endgültig K. o. gegangen ist, kann ich nicht sagen. Aber er ist.
In der nächsten Nacht liege ich wieder wach. Der Kopf bollert, mir ist übel und jede Bewegung verursacht Schwindel. Das ist die Höhe. Ich habe wahnsinnigen Durst, aber Trinken würde bedeuten, dass ich pinkeln müsste und mich dazu aus meinem Schlafsack pellen müsste. In dem liege ich aber eingepackt in Skiunterwäsche und Mopedhose und Socken und Wanderschuhen und zwei Fleecepullis und Mütze und Schal und Mopedjacke. Und ich friere. Auf den Steinen bildet sich Eis. Nach einiger Zeit habe ich auch noch das Zelt ausgepackt und als Kälteschutz über uns alle gelegt. Ja, uns alle drei, denn ich liege auf 4.500 Metern draußen, lediglich im leichten Schutz einer Mauerecke von der Hütte zweier Arbeiter. Neben mir kuscheln sich zwei Inder aneinander und an mich. Nähe ist das Einzige, was noch Wärme produziert, denn das Feuer aus gesammelter Schafscheiße ist schon lange aus. Der Wind pfeift unerbittlich über uns.
Bin ich verrückt? Wie konnte ich in diese bescheuerte Situation kommen? Wo ist mein Verstand geblieben? Irgendwann hat er mich wohl resigniert verlassen.
Die GS im Matsch des Rothangpasses: Aufheben nur mit vereinten Kräften.
Was hatte mich heute Vormittag dazu veranlasst, mich durch den kilometerlangen Matsch über den Rothangpass zu quälen, obwohl ich doch umdrehen wollte, wenn es zu schwierig wird? Alle paar Meter rutschte ich weg, sodass ich schon nach den ersten Umfallern kaum noch Kraft hatte, die BMW aufzurichten. Die Mopedstiefel versanken teilweise bis zur Wade im Matsch und saugten sich fest. Viel besser konnte das nur noch der Seitenkoffer, wenn er plan in die klebrige Erdmasse fiel. Dann entstand beim Aufheben ein Sog am Untergrund, dass mindestens drei Mann nötig waren, um das Bike wieder aufzuheben. Ich zitterte schon beim Aufsteigen und war froh um jede Pause, die mir ein Jeep oder Truck lieferte, der vor mir freigeschaufelt werden musste, weil er feststeckte. Ich suchte die beste Spurrinne, blieb mit den Seitenkoffern an den aufgeworfenen Wällen hängen, verklemmte mir die Füße unterm Reservekanister, wenn ich die Beine beim Füßeln nicht schnell genug rauszog, und versuchte immer wieder mit „GAAAAAS“ Meter zu machen.
Inzwischen war ein Blinker lose, ein Spiegel aufgedreht, meine Nase wahrscheinlich gebrochen und die Kiste über und über voll Matsch. Aber mein Kopf war immer noch schwach. Er meldete sich zwar noch zaghaft mit „Dreh um“ – aber das Gefühl sagte: Gleich wird’s besser, Baby. Ich musste den ganzen Hang hoch, an dem sich die Straße in Haarnadelkurven Meter für Meter nach oben schraubte und die unter der abgegangenen Schlammlawine begraben war. Ich brauchte drei Stunden, bis ein Schild und Fressbuden den Gipfel vermeldeten, der Matsch aufhörte und mein GPS stolze 3.900 m anzeigte. Geht doch!
Geht nicht, denn dann ging’s runter. Schotter, Steine, Felsen, abgerissene Straßen, Sand, riesige Löcher, nahezu Gruben … Ich hatte die Schnauze voll, welche Hammerfresse hatte gesagt, oben wird’s besser? Ich ließ nur noch laufen, denn Bremsen wäre fatal. Zwischendurch ein paar Meter Asphalt, dann wieder Geröll. Ich wurde irre. Ahhh! Schnell ein Foto schießen, die Aussicht war herrlich, und dann wieder kämpfen. Asphal… vergiss es, schon wieder vorbei. Mein Kopf brüllte nochmal kurz: „Dreh um!!!!!“, aber er wollte weder diese Enduroprologstrecke wieder rauf noch durch den Matsch bergab. Vielleicht würde es am nächsten Tag ja besser?
Zwei Inder auf ihrer Enfield, die den gleichen Traum träumten, queren einen Bach.
Auf dieser Abfahrt begegneten mir die zwei Inder auf einer Enfield, die den gleichen Traum erlebten. Manchmal redeten wir, dann fuhr wieder einer, dann begegneten wir uns wieder, und dann fuhr wieder einer und dann … dann standen wir an einer Kreuzung, und sie erklärten, dass sie in diesen Schotterweg abbiegen würden, weil sie ins Spiti-Tal fahren, zum höchsten Dorf mit dem ältesten Kloster. Und wer da und dort entschieden hatte, weiß ich nicht. Irgendwas in mir sagte nur: „Coole Idee. Das ist besser als umdrehen. Ein näheres Ziel suchen, notfalls in zwei Tagen zurück, dann ist die Straße geräumt, spektakulär sieht es auch aus, und die Schotterpiste ist allemal leichter zu fahren als dieser fatale Highway.“
„There’s a camp in fifty kilometers. We wanna stay there.“ Camp? Die sind doch abgebaut seit gestern. Na, die werden’s schon wissen. An der Stelle kann ich immer noch überlegen, ob ich die folgenden achtzig Kilometer weiter mitkomme oder am See relaxe und dann zurückfahre. Mein Gefühl hatte anscheinend sofort gecheckt, dass die zwei Jungs nette Begleiter sind. Mein Kopf hätte vielleicht noch Fakten abgeklärt oder nach der Befahrbarkeit gefragt. Aber der schwieg beleidigt.
Als ich bereits im ersten Flussbett die Steine küsste, dämmerte mir, dass ich den Weg nie alleine fahren kann. Als ein Wasserfall die Straße entlang floss und ich wieder nur mit Bodenkontakt durch das wässrige Steinfeld kam, erklärte ich meinen neuen Freunden, dass sie ab sofort Verantwortung für mich hätten, denn hier würde ich nie alleine rauskommen. Als nach dreißig Kilometern Vinish meine BMW fuhr und ich als Sozia bei Sandesh endlich mal den Blick auf die Landschaft statt auf den Boden werfen konnte, wusste ich, dass zumindest mein Gefühl nicht ausgesetzt hatte, als es die Jungs eingeschätzt hat.
Schneegipfel im Himalaya: die Belohnung für die Strapazen.
Von Delhi nach Goa – und in den Süden
Zusammen mit Sandesh und Vinish lande ich dann nach drei Tagen wieder vor meiner Werkstatt des Vertrauens, und jetzt gibt’s mal so richtig was zu schrauben. Die Schrauber-Jungs setzen all ihr kreatives Können ein, um aus Schrott noch etwas Fahrbares zu zaubern, und die Telefonleitung zu meinem Freund läuft heiß, weil ich immer um neue Ersatzteile bitte, die er mir in zwei Wochen nach Delhi mitbringen soll. Dann gibt’s einen Rucksack voller GS-Teile – Männer nehmen ja eh nicht viel mit.
Zu zweit geht es zwei Wochen später daher von Delhi nach Goa. Ein Horrortrip – nicht nur, weil die Freude am Motorradfahren sich umgekehrt proportional zum Fahren zu zweit auf einem Bike verhält. Andere Paare können und lieben das – für uns ist es ein notwendiges Übel. Hinzu kommt, dass der Verkehr das Selbstmörderischste ist, was mir je begegnet ist, und uns die Menschen bei nahezu jedem Stopp distanzlos und wortlos anstarren. Wir fühlen uns während des Fahrens dem Todeskampf ausgesetzt und beim Halten wie Mitmachobjekte einer Ausstellung, bei dem hemmungslos an jedem Knopf der BMW gefummelt werden darf. Wir beschließen tatsächlich, ab Udaipur bis Mumbai den Zug zu nehmen, um diesem Unterfangen ein bisschen das Gefühl von Urlaub zu geben. In Mumbai merken wir sofort, dass wir in einem reicheren Bundesstaat angekommen sind, denn die Straßen sind befahrbar und die Menschen respektvoller. Stattdessen begleitet uns der Regen tagein, tagaus, und wir jagen zwischen den Wolkengüssen von einem muffigen Hotel ins nächste.
Die erotischen Tempelreliefs von Khajuraho.Wasserholen an der Handpumpe.
Als wir die Touristenhochburg Goa erreichen, fühlen wir uns schlagartig pudelwohl: Mit uns zieht hier die Sonne auf, hier sprechen die Menschen Englisch, kommen aus aller Herren Länder und trinken Bier. Zu allem Glück bekommt mein Schatz auch noch ein Leihmoped. Hier bewegen wir uns eine Woche nicht mehr weg.
Strandkuh in Goa: Hier ist das Leben entspannt.
Leider bedeutet dieser Bundesstaat aber auch wieder Abschied nehmen. Er muss wieder nach Deutschland, und ich lenke gen Süden. Es haut mich um, wie sehr sich die Menschen von Nord nach Süd verändern. Liebevoll, neugierig, vorsichtig und gastfreundlich erscheint der Inder des Südens. Nun gut – nicht der, der nachts in meinem Hotelzimmer eindringt. Aber das ist eine andere Geschichte, und es gab ja auch bei den nordindischen Figuren zwischen Delhi und Mumbai einige äußerst sympathische Wesen.
Frauen mit Blumenopfer.Fischer zwischen Planen und Netzen.
Drei Monate fahre ich durch dieses verrückte, vielseitige, spirituelle und diskrepanzgeladene Land. Ich treffe beeindruckende Menschen und verabscheuenswürdige. Ich fahre durch wundervolle Landschaften und durch fürchterlich vermüllte. Ich besuche die erotischsten Tempel und speise die einfachsten Gerichte. Und als ich die Grenze zu Nepal überquere, muss ich heulen. Ich könnte auch bleiben und noch mehr von der Schizophrenie dieser Kultur kosten. Ich habe beide Seiten kennengelernt, und irgendwie macht das den ganzen Reiz aus. Anders darf Indien nicht sein.
Abendstimmung an einem indischen Fluss.
Nepal: Abschied von der GS
Nepal bedeutet Abschied. Ich habe einen knappen Monat in Nepal Zeit und verbringe ihn mit ausgiebigem Wandern und Motorradfahren.
Blumenmarkt in Kathmandu.Rastplatz auf roten Stufen.
Ganesha und Shiva-Lingam am Felsen.Himalaya in Wolken.
Dann beginnt der schmerzhafte Teil des Abschieds von meiner treuen BMW. Ich habe lange überlegt, sie weiter mitzunehmen, aber sie sieht schäbig aus und braucht eine fette Frischzellenkur. Dafür reicht meine Zeit nicht. Für sie wird in Kathmandu ein „Sarg“ gezimmert, denn ihre letzte Fahrt geht zum Flughafen. Ich zerlege sie und packe sie in die Kiste. Sie fliegt nach Hamburg. Ihre Reise ist zu Ende.
Die GS in ihrer Transportkiste in Kathmandu.
Für mich aber beginnt ein neuer Abschnitt: Ägypten, Neuseeland, Malaysia, Indonesien, Sri Lanka … Andere Länder haben auch schöne Zweiräder.
Text & Fotos: Kirsten Hellmich · GS:MotorradMagazin, Ausgabe Nr. 16. Alle Angaben ohne Gewähr.
Die Hohen Tauern im Norden, im Süden die Karawanken und die karnischen Alpen – Kärnten mit seinen Bergen, Hügeln und den vielen Seen ist für viele Besucher das gelobte Land. Erst recht gilt das für jene, die mit dem Zweirad ins Motorradland Kärnten kommen. Und ganz besonders attraktiv ist Kärnten für GS-Fahrer – wenn man nämlich weiß, wo sich der höchst spezielle Mix aus gewundenen Straßen, Sträßchen und Wegen findet, den unsereiner so gerne unter den Reifen hat.
Ossiacher See mit Blick auf die Ortschaft Ossiach.
Friedls Garage
Einer, der sich in der Gegend zwischen Ossiacher See, Wörther See und Faaker See ganz besonders gut auskennt, ist der Kuchler Wirt; er hat seinen Betrieb in Treffen unweit von Villach. Mit dem Friedl gehen wir auf Entdeckungstour.
„Friedls Garage“ trägt ihren Namen zu Recht. Die Garage bietet Platz für knapp 50 Motorräder. Neben einer Hebebühne und ausreichend Werkzeug ist der Wirt auch sonst überdurchschnittlich ausgestattet. Man merkt gleich, dass Friedls Leidenschaft neben dem Motorradfahren der Küche gilt. „Von hier aus bekommst du alles“, sagt er und meint damit: „Frühstück in Italien, Mittagessen in Slowenien und Abendessen natürlich bei mir in Kärnten.“ Ein sympathischer Kerl mit ordentlich Bodenhaftung.
Herzlich willkommen sind alle Biker in Friedl’s Garage.Der Kuchler Wirt in seinem Element.
Erst einmal hat der Friedl ordentlich aufgetischt. Rippchen Spezial im „All you can eat“-Modus bietet er seinen Gästen heute. Eine unerwartete Überraschung ist, dass einige der anwesenden Gäste mich kennen, waren wir doch erst vor einer knappen Woche bei den BMW Motorrad Tagen in Passau zusammengetroffen. Schnell ist abgesprochen: Morgen früh um acht Uhr starten wir eine spezielle Offroadtour, und kein Geringerer als der Friedl mit seiner orangen GS wird unser Tourguide sein. Drei Motorräder dürfen uns begleiten, denn für die Reportage über diese Tour sind ein paar „Models“ hilfreich.
Hinauf in die Berge
Wir fahren also morgens quer durch Treffen, um nach nur wenigen Kilometern Bundesstraße rechts in ein Dorf abzubiegen, dessen kleinem Hinweisschild eigentlich niemand Beachtung schenken würde. Schmale Sträßchen führen uns stetig nach oben. Die Kehren werden enger, von Verkehrsdichte kann man nicht sprechen an diesem Samstagmorgen. Langsam schlängeln wir uns in die Höhe, vorbei an grasenden Kühen, die unermüdlich die grünen Hänge erkunden. Eine kleine Kirche steht ganz oben mitten in einer Wiese, noch halb im Schatten. Kein sichtbarer Weg führt hinauf. „Na wär’ das nichts für ein Foto?“ meint Friedl. „Komm’ lass uns nachschauen, ob es machbar ist“, ruft er unter dem Klapphelm hervor und treibt seine Orange-Q die feuchte Wiese hoch. Ich folge Friedl, während die anderen am Straßenrand warten. Ganz schön glitschig ist die Wiese, aber auch ohne spezielle Endurobereifung ist die Sache machbar. Spaß macht der kurze Weg aber nicht, und zudem ist das Licht bei der Kirche nicht optimal. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis die Sonne deren Frontseite komplett beleuchtet.
Eine der Bergkirchen auf unserem Offroad-Trip: die Außerteuchen-Kirche.
Ich schüttle den Kopf und mache das Handzeichen für „wenden/umdrehen“. Fast auf der Stelle hat Friedl die vergleichsweise leichte 1200 GS gewendet. Das Umdrehen meiner schwereren Adventure erfordert deutlich mehr Mühe, doch der Biker-Wirt wartet geduldig. Dann dreht Friedl am Gashahn und fährt weiter, wir folgen erwartungsfroh. Zu meiner Freude müssen wir nicht wenden und die schmale Straße wieder hinab fahren, sondern folgen dieser einfach. Sie führt über einen schmalen geteerten Weg einen Hang entlang, der an der gegenüberliegenden Seite von hohen Bäumen gesäumt ist. Nach knapp 1,5 Kilometern biegt der Kuchler Wirt links ab und wir stoßen wieder auf die Hauptstraße. Einige Kilometer weiter hält Friedl und deutet nach rechts in einen breiten Feldweg. „Da müssen wir mal hinschauen, da ist es nicht schlecht“, meint er und donnert voran, eine kleine Staubwolke hinter sich herziehend.
Alle folgen ihm, ich bilde den Abschluss unserer kleinen Gruppe. Nur wenige hundert Meter später stehen wir vor einem Gatter. „Normalerweise frage ich immer, aber wir könnten mal eine Ausnahme machen und hoffen, dass er uns nicht erwischt“, meint Friedl. Mit „Er“ meint er wohl den Besitzer dieser privaten Straße, die von einem Tor verschlossen ist. Ein „one way“, wie Friedl meint: „Es lohnt sich garantiert.“ Aber so recht überzeugt klingt er trotzdem nicht. Ich möchte unnötigen Ärger vermeiden und entscheide, dass wir umkehren. Alle sollen die zuvor absolvierte Schotterkurve noch einmal herauffahren, ich werde fotografieren. Nachdem ich eine gute Fotoposition gefunden habe und halb liegend, halb knieend im Straßengraben kauere, startet der erste Fahrer. Knapp zwanzig Minuten später ist alles erledigt und die ersten guten Fotos des Tages sind „im Kasten“.
Das erste gute Foto des Tages: Andrea mit ihrer GS ist auf völlig neuem Terrain unterwegs.
Eine knappe Stunde sind wir mittlerweile unterwegs, 25 Kilometer sind zurückgelegt. So richtig überzeugt bin ich noch nicht von der „Schottertour“. Diesmal geht’s links ab und wir schlängeln uns auf Asphalt durch einen Wald entlang eines Berghangs immer weiter nach oben. Enge Kurven und auch einige Serpentinen sorgen für Spannung. Abrupt endet der Belag, weiter geht’s auf einem staubigen, hart gefahrenen Weg weiter, vorbei an hohen Tannen und Fichten, die so eng beieinander stehen, dass nur einzelne Lichtspots die Fahrbahn erhellen. Sonst ist alles dunkel.
Zu unserem Ausflug gehören auch schöne Wege durch idyllische Wälder.
Die Bäume enden und die Fahrbahn führt in leichten Kurven ohne nennenswerte Steigung in Richtung eines alten Bauernhofs. Vor uns ein wunderbarer Blick auf eine harmonische Berglandschaft, über die die Sonne ihre Strahlen ergießt. „Super, Friedl, wunderbares Panorama!“ Ich bin begeistert. Etwa einen Kilometer später, jenseits der Almfläche, fällt die Straße leicht ab. Links oben steht eine Kapelle mit einem kleinen Friedhof auf der Rückseite. Schade nur, dass sich ein Stromkabel dick und fett an dem Bauwerk vorbei führt. Was wären das für tolle Fotos! Aber ich bin hoffnungsfroh, dass wir noch tollere Spots finden würden. Und die Straße ist jetzt ohnehin genau nach meinem Geschmack. Ein ganzes Netz an Wegen überzieht den Bergrücken, immer wieder finden sich Schilder mit Namen, die mir nichts sagen.
Hinweisschilder für Wanderer weisen auch uns den richtigen Weg. Die Offroad-Touren können sogar mit Sozia bestritten werden.
Bei einem kurzen Stopp an einem dieser Schilderwälder öffnet sich rechts ein Pfad, eher ein Wildwechsel denn ein Geläuf für ein ausgewachsenes Motorrad. Aber die Sache reizt mich. Ich starte zu Fuß, um zu schauen, ob es eine Wendemöglichkeit für mich und meine Adventure gibt. „Geh’ – wo willst hin?“ ruft Friedl mir nach. „Eine Wendemöglichkeit suchen, sieht wohl richtig abenteuermäßig aus“, antworte ich. „Die Koffer musst du aber vorher abnehmen, sonst kommst du da nicht rauf. Und überhaupt, du sollst fotografieren und nicht fahren.“ Das ist mir zu viel Action: Koffer runter, Koffer rauf und wer weiß, ob ich die Strecke überhaupt schaffe. Ich bin noch nicht mal vom Pfad herunter, schon rauscht der Friedl an mir vorbei. Mit jaulendem Boxermotor und durchdrehenden Rädern wegen der normalen Straßenbereifung dirigiert der Wirt seine 1200er bergwärts. Wenig später kommt er auch schon zurück, in Trial-Manier, mit blockiertem Hinterrad. Noch ein Anlauf, denn die Bilder sind viel zu dunkel geworden. Die Bäume und die noch tief stehende Sonne sorgen für wenig Licht an dieser Position.
Schließlich fahren wir weiter. In den Rasten stehend geht es talwärts. Weit und breit ist niemand um uns herum, es stellt sich das Gefühl „Mir gehört die Welt!“ ein. So macht Offroadfahren mit der GS richtig Spaß, genau das Terrain für dieses Motorrad. Zurück auf der Hauptstraße, legen wir erst einmal einen 15-km-Sprint hin, ehe wir abermals anfangen, einen der zahllosen Berge mit ihren Almhütten zu erklimmen. Nirgendwo ist ein Verbotsschild zu entdecken, nicht einmal ein „Privatstraße“-Schild müssen wir passieren. Im Motorradland Kärnten scheint es wirklich noch Routen zu geben, die andernorts längst gesperrt und eingezäunt sind.
Kurze Pausen sind dank Verkehrsdichte null auch mitten auf der Fahrbahn möglich; das Kärntner Berg- und Hügelpanorama beeindruckt stets aufs Neue.
Schotter, Walze und Wasserfall
Friedls Strecken-Repertoire scheint schier grenzenlos zu sein. Über ein kleines Bächlein führt der Weg in ein Waldstück. Der Biker-Wirt findet nun seinen Spaß und prügelt die 1200er mit knapp 70 km/h über einen Schotterweg, der diese Bezeichnung wahrlich verdient. Alles frisch aufgeschottert und plan gewalzt, deshalb juckt es auf diesem Streckenabschnitt gehörig in der Gashand. Laut trommeln die losen Steine an meinen Unterbodenschutz. Mit großem Respekt vor davonfliegenden Steinen folge ich Friedl. Jäh endet unser „Offroad-Sprint“: Ein Lkw, beladen mit eben diesem Schotter, kommt uns entgegen. Ich fahre rechts ran und sehe noch, wie der Kuchler-Wirt seine GS im Graben „parkt“. Friedl bleibt ganz cool sitzen, die Beine im rechten Winkel abgespreizt, so bringt er die GS nach wenigen Metern zum Stehen. Der Lkw-Fahrer hält, schreit etwas Unübersetzbares in Kärntner Mundart, Friedl brüllt zurück und nach kurzem Kopfnicken macht sich der Lkw-Fahrer davon, streift mich dabei beinahe.
Friedl beginnt sein „Ausparkmanöver“. Mit durchdrehenden Reifen und weit davon fliegendem Dreck müht er die 1200er aus dem Graben, ohne abzusteigen. Das macht der Friedl ganz locker im Sitzen. Weiter oben stehen Bauarbeiter und blicken entgeistert auf die GS-Truppe. Der Waldweg wird wohl erneuert. Weiter vorne werkelt eine Planierraupe, die den Schotter erst vor sich herschiebt und dann planiert, ehe sie mit der hinteren Walze den Schotter in den Waldboden presst. Es staubt im Wald, und gegen diese Monsterwalzen und Baugeräte sind unsere Motorräder nicht weiter als leise schnurrende Kätzchen. Friedl bedeutet mir zu warten. Er will die nächsten hundert Meter abschätzen und fragen, ob wir durchfahren dürfen. Kurz darauf kommt er zurück. „Geht scho’, oben aufpass’n auf d’ Walz’n beim Vorbeifahren, und gebt’s sauber Gas!“, so seine Tourguide-Anweisung an uns. Meine Mitstreiter blicken mich irritiert an; Friedls Dialekt ist nicht für jeden auf Anhieb verständlich. „Fahrt einfach mir nach“, sage ich zu Tobias, der hinter mir steht. Niederbayern wie ich und Österreicher, auch die aus Kärnten, sind schließlich dialekttechnisch nicht weit auseinander.
Wir kämpfen uns an der Planierwalze vorbei und erreichen losen Schotter. Etwa fünf bis zehn Zentimeter gibt der Untergrund nach. Jetzt nur Gas geben, Blick nach vorne. Andreas mit seiner Sozia Christine tut sich da schon etwas schwerer, muss er doch die Strecke im Sitzen bewältigen. Friedl gibt Andrea auf ihrer GS noch Tipps. Sie traut sich anfangs nicht so recht, aber schließlich schaffen es alle bis zum Waldrand; dort beginnt die Straße wieder „normal“ zu werden: eine staubige festgefahrene Schotterstraße. Genüsslich geht’s voran.
Eine Holzbank am Straßenrand lädt zum Verweilen ein, der Blick reicht bis nach Slowenien. Es ist erst 11 Uhr vormittags, und doch haben wir schon eine ganze Menge erlebt. Vom wolkenlosen Himmel brennt schon heiß die Sonne. Aber hier oben, in knapp 1400 Metern Höhe, ist es auch in unseren Klamotten noch erträglich. Nach einiger Zeit starten wir die Talfahrt, auf einem ausgebauten Wanderweg. Eine Tafel mit farbigen Hinweisen listet mehrere kleine Dörfer und auch andere Wanderziele auf, die zu Fuß erreichbar sind. So ist die Außerteuchen-Kirche zu Fuß 50 Minuten entfernt; wir sind vor einer Viertelstunde daran vorbeigefahren.
Ich entdecke einen Trampelpfad, der steil den Berg hinauf führt. Kurz überlege ich, ob ich mit meiner Adventure nicht versuche, hinauf zu fahren, und spreche mit Friedl. „Des schaffst du net, mit deim’ Monster und den Kist’n dran!“ Er drückt sich gerne klar aus und wartet nicht einmal meinen Protest ab. „Hol’ die Kamera raus!“, ruft er noch und startet mit seiner GS, ohne den Weg vorher in Augenschein genommen zu haben. Kurz darauf hören wir heulendes Motorengeräusch. Müssen wir uns Sorgen machen? Nicht doch, denn nur wenig später kommt Friedl mit ratterndem ABS den Pfad herunter. Gerade noch schaffe ich es, die Kamera hochzuziehen und den Auslöser zu betätigen. Mein prüfender Blick auf das Kameradisplay hat hängende Mundwinkel zur Folge. „Und?“, fragt der Kuchler-Wirt lapidar. „Unterbelichtet“, antworte ich. Friedl zögert keinen Augenblick. „Jetzt machst’ aber richtige!“, lautet sein Befehl, und ehe ich mich’s versehe, hat er seine 1200er schon herumgezirkelt und nimmt erneut den schmalen Waldpfad in Angriff, der mit Blättern und Wurzeln übersät ist. Wieder kurzes Motorradheulen, dann rutscht Friedl erneut mit ratterndem ABS den Weg herunter. Wieder drücke ich auf den Auslöser der Kamera. Diesmal sollte alles passen.
Der Malta-Wasserfall im Maltatal ist eines von vielen Ausflugszielen, das von Friedl’s Garage aus leicht erreichbar ist.
Der Höhepunkt zum Schluss
Es wird Zeit, die Pause samt Einlage zu beenden, denn Friedl hat noch was in petto. Als echter Fuchs setzt er den Höhepunkt am Schluss. Nach einer kurzen Talfahrt und ein paar Kilometern Landstraße führt uns eine schmale Teerstraße erneut bergwärts; wir schlängeln uns regelrecht den Berg hinauf. Unvermittelt biegen wir links ab und gelangen in den Hof eines renovierten Bauernhofs. Zu Fuß erklimmen wir einen kleinen Hügel, nur wenige Meter oberhalb des Gebäudes – und staunen über einen sensationellen Blick auf den Ossiacher See samt die hinter ihm aufragenden Berge. Nur wenige Meter links von uns schauen erstaunte Leute herüber, und auch ich wundere mich: Wir stehen am Rande eines Modellflugplatzes, eine ganze Reihe von Flugzeugen kreist hoch am Himmel. In der nahen Garage des Anwesens parken weitere vier Flieger, keiner mit einer Spannweite von weniger als zwei Metern. Schnell entsteht ein Gespräch zwischen den Modellbauern und uns Motorradfahrern, jeder interessiert sich für des anderen „Spielzeug“. Was für eine Überraschung hier oben am Berg!
Letzter Stopp ist ein nahes Gasthaus, dessen Terrasse einen ähnlich formidablen Blick über den Ossiacher See erlaubt wie drüben am Modellflugplatz. Apfelschorle, Kaffee, Cappuccino und ein hervorragender Apfelstrudel runden einen GS-Vormittag ab, den wir alle nicht so schnell vergessen werden. Danach geht’s zurück zu Friedl’s Garage. Ja, natürlich komme ich wieder. Ja, nicht erst in drei Jahren. Ja, natürlich lasse ich dann die Koffer im Hotel. Und: Ja, natürlich gibt es dann keine unterbelichteten Bilder mehr …
Bei Sonnenschein nass werden – auch das gibt’s in Kärnten.
Text: Friedl Reisbacher · Fotos: FBN, Michael Meyer
In Osttirol ticken auch heute noch die Uhren etwas anders als im Rest des österreichischen Bundeslandes Tirol. Warum insbesondere GS-Fahrer sich dorthin auf den Weg machen sollten.
Bikeathlon in Obertilliach: Motorradfahren und Schießen im Biathlon-Stadion.
Nein, niemand braucht seine Stollenreifen aufzuziehen, bevor er mit seiner GS nach Osttirol aufbricht. Auch wer etwas abseitig gelegene Almen ansteuert wie beispielsweise die Volkzeiner Hütte im Winkeltal, kann dies guten Gewissens mit der üblichen Straßenbereifung tun. Denn gröberes Geläuf gibt es im Tiroler Wurmfortsatz nur noch auf privatem Gelände. Was aber nicht heißt, dass eine GS nicht nötig sei, um in Osttirol Fahrspaß zu genießen – sogar im Gegenteil: Die GS-Vorteile der langen Federwege und des sensibel ansprechenden Telelevers bei den Vierventil-Boxern machen sich sogar deutlicher als noch vor wenigen Jahren bemerkbar, denn der Straßenzustand zwischen Felbertauerntunnel und Kartitscher Sattel hat sich vielerorts fühlbar verschlechtert. Der Genuss, in einem ganz außerordentlichen Gebiet Österreichs unterwegs zu sein, leidet darunter freilich nicht – zumindest nicht im Sattel einer GS.
So klar geputzt präsentiert sich das obere Pustertal bei Strassen, wenn der Regen die Luft gereinigt hat.
Streng genommen gibt es Osttirol übrigens gar nicht, auch wenn man kurz nach dem Passieren des Felbertauerntunnels von einer stilisierten Sonne und den Worten „Willkommen in Osttirol“ begrüßt wird. Der 2.020 Quadratkilometer große Landstrich, der im Osten an das Bundesland Kärnten und im Norden an das Land Salzburg angrenzt, ist formell nämlich nichts anderes als der Tiroler Bezirk Lienz, also einer der acht Tiroler Bezirke. Allerdings der flächenmäßig größte. Einen irgendwie gearteten Sonderstatus besitzt „Osttirol“ deshalb aber nicht. Und dennoch: Osttirol, das diesen Namen erst seit 1918 trägt, ist etwas anderes – und auch anders – als etwa die Bezirke Landeck, Reutte oder Kitzbühel. Diese Tiroler Exklave ist, zumindest in meinen Augen, das Schatzkästchen Tirols. Die Argumente für meine Überzeugung will ich Ihnen im Folgenden vortragen.
Weit ab vom Schuss
Fangen wir mit dem schon erwähnten Entrée an, der Tunnelröhre, welche die Bezirke Zell am See im Salzburger Land und Lienz verbindet. Das tut sie übrigens erst seit 1967, denn erst damals erhielt Osttirol mit dem Felbertauerntunnel einen wintersicheren Anschluss an seine Landeshauptstadt Innsbruck auf eigenem Staatsgebiet; bis dahin war die Route via Pustertal und Brenner, mithin also durch Südtirol, die gebräuchlichste Verbindung. Der weite Weg über die Großglockner-Hochalpenstraße ist nicht wintersicher, der über die Bahnverladung im Tauerntunnel ebenfalls ein mehrstündiger Umweg.
Osttirol war also lange Zeit „weit ab vom Schuss“: Schlecht erreichbar, aber auch schlecht entwickelt. Das große Geld wurde in Osttirol nicht verdient, nicht mit den (wenigen) Touristen und auch nicht in den (nicht vorhandenen) Industriebetrieben. Denn die legen bekanntlich Wert auf eine gute Verkehrsanbindung. Das meiste blieb in Osttirol deshalb so, wie es seit Jahrzehnten war. Als Ende der 1960er Jahre die Sichtbeton-Bausünden anderswo in Tirol in Mode kamen, blieb Osttirol verschont – auch für Bausünden war zumeist kein Geld da (Ausnahme ist bezeichnender Weise das Gebäude der Lienzer Bezirkshauptmannschaft). Was heute als positiv empfunden wird, wurde von der Bevölkerung freilich früher teuer bezahlt: Viele Osttiroler mussten rückständig leben, und viele – insbesondere Männer – sahen sich gezwungen, im Winter monatelang nach Deutschland zu gehen und dort als Waldarbeiter Geld zum Überleben der Familie zu beschaffen. Ganzjahresarbeitsplätze, insbesondere gut bezahlte, sind in Osttirol erst Jahrzehnte später geschaffen worden als in Kufstein oder Schwaz.
„Wir haben’s überlebt, aber wir haben’s ja auch gar nicht anders gekannt“, sagt beispielsweise der heute 70 Jahre alte Andreas Weitlaner aus Ausservillgraten. Er bewirtschaftet auch heute noch eine kleine Landwirtschaft; sein Bergbauernhof liegt in rund 1.500 Metern Höhe. Als junger Mann malochte er Winter für Winter in der Nähe von Darmstadt, denn als Gemeindearbeiter im Wegebau musste er winters „stempeln“ gehen: Anders als heute war vorübergehende Arbeitslosigkeit seinerzeit als unerträglich einerseits und finanziell untragbar andererseits empfunden worden.
Geld war also knapp in Osttirol, und deshalb achteten die Menschen auf das, was sie hatten: Alte Häuser beispielsweise. Die wurden, anders als weiter nördlich, fast überall erhalten, was heutige Osttirol-Besucher zumeist als überaus erfreulich empfinden. Insbesondere das Villgratental, ganz im Westen dieses Landstrichs gelegen, fällt diesbezüglich auf. Aber auch im Tiroler Gailtal stecken auch heute noch viele Leute lieber viel Geld in ihr oft schon Jahrhunderte altes Holzhaus, als mit einem weitaus komfortableren Neubau zu liebäugeln.
Ein kleines Dorf mit Holzhäusern findet sich auf der Oberstalleralm, ganz hinten im Winkeltal gelegen.
Täler, Berge und Pässe
Zwei Haupttäler gibt es in Osttirol, nämlich das Iseltal (man befährt es ab dem Felbertauerntunnel südwärts) und das Pustertal, das in Ost-West-Richtung verläuft. Beide treffen sich, eigentlich ganz passend, im Lienzer Talboden. Dort befindet sich die Bezirkshauptstadt Lienz, im Jahr 1242 als Stadt erstmals erwähnt und schon seit Jahrzehnten mit einem mediterranen Flair aufwartend. Freilich lebten in dieser Gegend schon viel früher Menschen, wie sich nur wenige Kilometer östlich von Lienz begutachten lässt: Die Existenz der Römerstadt Aguntum reicht gute 2.000 Jahre zurück; ihre Ausgrabungen sind überaus sehenswert. Vor den Römern lebten aber schon Kelten hier. Ergänzt werden die beiden Haupttäler durch insgesamt fünf größere Seitentäler: Das Virgen- und das Defereggental sowie das Kalser Tal gehen vom Iseltal ab, das schon erwähnte Villgraten- und das ebenfalls erwähnte Tiroler Gailtal vom Pustertal.
Wo Täler sind, müssen auch Berge sein. Das ist in Osttirol reichlich der Fall, aber Pässe bzw. Pass-Straßen gibt es dennoch nur wenige. Die meisten der genannten Seitentäler sind zwar hochattraktiv mit ebenso attraktiver Trassenführung der Straßen, doch führen diese meist an einen Endpunkt in mehr oder minder großer Höhe, von wo aus man wieder zurück muss. Das gilt fürs Virgental, fürs Kalser Tal und auch fürs Villgratental, das sich freilich in drei Täler verzweigt – aber nirgendwo kommt man „oben drüber“ – jedenfalls nicht legal und motorisiert (zu Fuß schon …). Echte Pass-Straßen finden sich deshalb nur im Zuge des Tiroler Gailtals (Kartischer Sattel, 1.530 m) in Richtung Kärnten/Lesachtal, sowie im Defereggental mit dem Staller Sattel (2.052 m) hinaus ins Südtiroler Ahrntal. Ein Nachteil? Oh nein!
Eine der schönsten Rundfahrten führt erst durchs Defereggental und dann über den Staller Sattel ins Antholzer Tal; besonders eindrucksvoll ist der Blick auf den Untersee.
Denn Osttirol strotzt, der vielen Berge wegen, nur so von hochattraktiven Bergstrecken. Ganz vorne genannt seien die (im oberen Teil bemautete) Straße zum Lucknerhaus (1.920 m), direkt unterm Großglockner gelegen, dann die Straßen im Villgratental inklusive des Abstechers auf den Thurntaler (2.000 m) und die Route auf den Hochstein bei Lienz, wo man auf der (oben mautpflichtigen) Bannberger Straße bis knapp unter die 2.023 Meter hoch gelegene Hochsteinhütte hinauffahren kann. Nicht zu vergessen die Höhenstraßen, ganz vorne die Pustertaler Höhenstraße. Anstatt von Lienz aus „schnurgerade und pfeilschnell“ in kaum mehr als zehn Minuten auf der B 100 die 18 Kilometer bis Abfaltersbach zurückzulegen, kann man auch die gut 29 Kilometer lange Route „über die Berge“ nehmen, wofür dann aber auch die mindestens dreieinhalbfache Fahrzeit einzuplanen ist – die Stopps zum Staunen und Fotografieren noch nicht einmal mitgerechnet!
Im Villgratental
Fangen wir bei unserer Sightseeingtour ganz im Südwesten, nämlich im Villgratental, an. Die erste Sehenswürdigkeit wartet unmittelbar neben der Einfahrt ins Tal in Form der hölzernen „Punbrugge“. Diese längst Fußgängern vorbehaltene Querung des Villgratenbachs wurde 1781 von schwäbischen Zimmerleuten erbaut; 66 Meter lang ist die gedeckte, nach wie vor in ihrem Originalzustand erhaltene Brücke, die fraglos ein kulturhistorisches Kleinod im Osttiroler Oberland darstellt.
Ist man die kurvig-attraktiven fünf Kilometer bis Außervillgraten hineingefahren, beeindruckt die Besiedelung der oftmals extrem steilen Hänge mit teils uralten Bauernhöfen. Nicht selten sind vom Tal aus fünfstöckige Häuser zu sehen, die von hinten, also der Bergseite aus, im obersten Stockwerk betreten bzw. befahren werden können! Nach wie vor werden die Wiesen im Villgratental bis auf den letzten Quadratmeter bewirtschaftet, auch wenn der Bauer wegen der Steilheit des Geländes zum Mähen Steigeisen tragen muss. Der Lohn der Arbeit besteht nicht zuletzt in der unglaublichen Wirkung des Tales auf Besucher.
In Innervillgraten weitet sich der Talboden ein wenig, die Besiedelungsmöglichkeiten sind besser. Wir machen einen Stopp bei „Villgrater Natur“, wo man es im Lauf von Jahrzehnten mit großer Beharrlichkeit geschafft hat, im Tal produziertes Rohmaterial, nämlich Schafwolle, zu veredeln und daraus eine Wertschöpfung zu generieren. Inzwischen ist die kleine Firma einer der drei bedeutendsten Anbieter von Schafwoll-Produkten in Mitteleuropa und verarbeitet nicht mehr nur die Wolle der eigenen Bergschafe, sondern kauft Wolle aus Süd- und Nordtirol zu; gefertigt werden an Ort und Stelle mit Schafwolle veredelte Matratzen sowie Schafwoll-Bettzeug. Ein weiterer Schwerpunkt der Produktion ist Dämm-Material aus Schafwolle. Rebecca Schett, älteste Tochter der Besitzerfamilie, engagiert sich stark im Familienbetrieb und versteht es, überzeugend zu erklären, worin die Vorteile von Schafwolle gegenüber anderen Fasern liegen. Zudem beherrscht sie jeden Handgriff, der in einem Sechspersonen-Betrieb erforderlich ist.
Lienzer Dolomiten, Gailtal und Lesachtal
Nicht vorstellbar ist eine Tour nach Osttirol ohne Umrundung der Lienzer Dolomiten – am besten im Uhrzeigersinn, weil dann erstens der Gailbergsattel schöner zu fahren ist und zweitens das Panorama von Kartitsch aus über das Osttiroler Oberland besonders eindrucksvoll ist. Die 55 Kilometer lange Strecke ab Kötschach-Mauthen durch das Kärntner Lesachtal und das (Ost-)Tiroler Gailtal wird zwar weiterhin stetig ausgebaut, dennoch ist die kurvige und teils enge Straße nach wie vor ein anspruchsvolles Revier. Der in Kärnten weithin miserable Straßenzustand lässt eine GS als ideales Fahrzeug erscheinen.
Wer durch das Tiroler Gailtal und das Lesachtal fährt, stößt in fast jedem Dorf auf ein Idyll wie dieses.Eine Besonderheit stellt das von Heuschobern bestandene Tilliacher Feld dar; oben das Dorf Obertilliach.
Zwei kulturhistorische Highlights unterwegs seien erwähnt: Einmal die Wallfahrtskirche in Maria Luggau mit ihrer eindrucksvollen Basilika und dem Servitenkloster, zum zweiten das unter Heimatschutz (Denkmalschutz) stehende Dorf Obertilliach. Hier ist es sicherlich angeraten, die GS am Dorfrand zu parken und zu Fuß durch die teils sehr engen Gassen zu schlendern anstatt auf zwei Rädern durchzubrummen. Überaus eindrucksvoll ist zudem der Blick über das von vielen kleinen Heuschobern bestandene Tilliacher Feld.
Ein wenig westlich von Obertilliach befindet sich die von Biathlon-Guru Ole-Einar Björndalen konzipierte Biathlonanlage; der Meister hat im Ortsbereich seinen Wohnsitz. Hier wird „Bikeathlon“ angeboten: die Kombination von Motorradfahren auf einem asphaltierten, ansonsten gesperrten Rundweg mit Schießen im Biathlon-Stadion. Fehlschüsse erhöhen den Fahrspaß, denn pro Fehlschuss muss eine Strafrunde zurückgelegt werden. Die Probe-Aktion hat sich als höchst unterhaltsam erwiesen!
Höhenstraße, Staller Sattel und Lienz
Genauso wie die Dolomiten-Umrundung gehört die Fahrt auf der Pustertaler Höhenstraße zu einer Osttirol-Tour. Vorzugsweise sollte man die bereits in der Römerzeit genutzte Trasse mit der Sonne im Rücken befahren, also vormittags von Ost nach West bzw. nachmittags in Gegenrichtung. Die Strecke führt über die eiszeitlichen Terrassen an der Nordseite des Pustertals auf fast 1.300 Meter hinauf; zur Drau drunten im Tal ergibt sich dabei eine Höhendifferenz von bis zu 500 Metern.
Ebenfalls sehr eindrucksvoll ist die Rundfahrt über den Staller Sattel; wer’s perfekt haben will, fährt gegen den Uhrzeigersinn, weil dann das Panorama ins Antholzer Tal dazukommt. Idealer Zeitpunkt ist der frühe Sommer, wenn im Bereich des Obersees die Almrosenblüte die Landschaft zart erröten lässt. Doch natürlich ist die kurvenreiche Runde auch im Herbst eine feine Sache. Die Einbahnregelung zwischen Passhöhe und Untersee ermöglicht zur vollen Stunde die Talfahrt und zur halben Stunde die Bergfahrt. Vorsicht: Eine Garantie, dass einem in den uneinsehbaren Kurven niemand entgegenkommt, gibt es trotz der Ampelregelung nicht! Auf dem Rückweg ist die gut acht Kilometer lange Fahrt zum idyllisch gelegenen Pragser Wildsee (Abzweig zwischen Welsberg und Niederdorf) den Abstecher wert.
Wieder zurück in Osttirol, bietet sich in Abfaltersbach ein Besuch im bereits seit 1772 bestehenden Aigner Badl an. Dabei handelt es sich um ein Bad im Wasser einer zertifizierten Calcium-Sulfat-Mineral-Heilquelle. Es wird in einer Holzwanne liegend absolviert. Das Badehaus besteht seit seiner Erbauung in statisch unveränderter Form, und auch die Art des Bades – man liegt in einer Holzwanne, ein Deckel hält die Wassertemperatur lange hoch – wird unverändert zelebriert. Eine erholsame Zeitreise.
Diese uralte Mühlenanlage steht im Tiroler Gailtal; die Wachterbach-Mühlen sollen bereits 1750 erbaut worden sein. Natürlich drehen sich die Räder auch heute noch.
Ein Besuch der Bezirkshauptstadt Lienz, nur 670 Meter hoch in einem weiten Talbecken gelegen und von den Lienzer Dolomiten aufs Schönste dekoriert, hat nichts Tirolerisch-Berglerisches an sich. Das Stadtzentrum rund um den für den Verkehr gesperrten Hauptplatz verströmt eindeutig mediterranes Flair – passend zum Osttiroler selbst, dem durchaus eine etwas legerere Einstellung zu den Dingen zu Eigen ist: Man muss sich auch Zeit zum Leben nehmen, nicht nur zum Arbeiten. Für Besucher ist dies ein großer Vorteil, denn mit den Osttirolern in Kontakt zu kommen, fällt leicht. Was nicht selten zu schönen Einblicken führt, die sich nicht in Reiseführern oder auch Beiträgen im GS-Motorradmagazin finden …
Zwischen Ausgleichsküste und Kartoffelland: Sobald wir das Hamburger Stadtgebiet verlassen haben, beginnt der Spaß des Motorradfahrens. Eine Reise von Hamburg über Usedom und die polnische Ostseeküste nach Danzig und durch Pommerns Seenland zurück.
Die Marienburg, Europas größte mittelalterliche Burg, erbaut vom Deutschen Kreuzritterorden.
Von Hamburg nach Usedom
Auf kleinen Straßen cruisen wir durch die Landschaft um den Ratzeburger und den Schaalsee, umfahren den Schweriner See durch den geschichtsträchtigen Ort Bad Kleinen und gelangen durch das Warin-Neukloster Seengebiet und die Mecklenburgische Schweiz nach Demmin. Nach einer entspannten Nacht fahren wir entlang der Peene und des Peenestroms nach Usedom. Bei Wolgast führt die Bundesstraße 111 über das „Blaue Wunder“ auf Deutschlands zweitgrößte Insel.
Zunächst machen wir einen Abstecher nach Peenemünde, das beste Beispiel für Fluch und Segen der Technik. Hier gelang 1942 der weltweit erste Start einer Rakete in den Weltraum. Die A4, uns unter ihrem Propagandanamen „V2“ geläufiger, gilt als Vorläufer aller militärischen und zivilen Trägerraketen. Mit der Widersprüchlichkeit dieser technischen Entwicklung setzt sich das lohnenswerte Historisch-Technische Museum auseinander. Den 22 Kilometer langen Rundweg zu historisch interessanten Punkten sparen wir uns für einen späteren Besuch auf.
Auf kleinen Straßen durch Mecklenburg und Vorpommern: der Spaß beginnt gleich hinter Hamburg.
Swinemünde, Wollin und Kolberg
Durch die Bäderorte fahren wir, so zügig es im Sommer geht, entlang der Ostsee nach Swinemünde. Die Bäderarchitektur besonders der drei Kaiserbäder Heringsdorf, Bansin und Ahlbeck lassen wir dieses Mal links liegen. Heute ist der Grenzübertritt ins polnische Świnoujście/Swinemünde völlig problemlos. Lange Jahre ging es nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad hinüber. Mit der Fähre gelangen wir auf die Insel Wollin, die größte der polnischen Inseln. Im Bereich des Wolliner Nationalparks sehen wir uns die imposante, bis zu 95 Meter hohe und beständig von Wasser unterspülte Steilküste an.
Dann erreichen wir das Seebad Kolberg, eine der ältesten Städte Pommerns und gleichzeitig bekanntester polnischer Ostseekurort. In der Altstadt lässt es sich herrlich bummeln. Eindrucksvollstes Bauwerk der Stadt ist der Dom. Die Strandpromenade wird von unzähligen Restaurants, Bars und Kaffeehäusern gesäumt, gute Gelegenheit für einen Stopp. Weiter ostwärts geht die Fahrt nach Köslin. Auf dem nahe gelegenen Kulmhügel, einst eine heidnische Kultstätte, befindet sich ein beliebter Aussichtspunkt.
Abfahrt in Kolberg (Kołobrzeg): Kunst am Polytechnikum.
Rügenwalde, Łeba und die Kaschubische Schweiz
80 Kilometer weiter liegt Rügenwalde, eine alte Fischersiedlung, ehemaliges Hansemitglied, bei uns durch die gleichnamige Wurst bekannt. Der Ort beheimatet eine eindrucksvolle gotische Burg, die früher den Pommerschen Herzögen als Residenz diente. Heute ist in ihr das Regionalmuseum untergebracht. Weiter fahren wir durch eine Region, in der etwa 2.500 alte schwarz-weiße Fachwerkhäuser erhalten geblieben sind. Deswegen trägt die Region die Bezeichnung „Kariertes Land“. Über Stolp gelangen wir in den Słowiński-Nationalpark und machen von Łeba aus einen Ausflug zu den Wanderdünen, deren größte 42 Meter hoch ist. Schweißtreibend, aber außerordentlich eindrucksvoll.
Die Halbinsel Hela mit ihren traumhaften Stränden und malerischen Häfen, die wie eine Zunge in die Danziger Bucht hineinragt und das Umland vor allzu stürmischer See schützt, lassen wir links liegen, denn wir wollen ausführlicher die Moränenlandschaft der Kaschubischen Schweiz erfahren. Beeindruckend die Sargdeckelkonstruktion der Kartäuser Kirche in Kartuzy. Unweit von Kartuzy, in Chmielno, stoppen wir an der Töpferei der Familie Necel, die ihr Handwerk bereits in der neunten Generation betreibt. In dem bekannten Familienbetrieb werden Vasen, Krüge, Kerzenhalter und andere Töpferwaren des täglichen Gebrauchs hergestellt und mit einem für die Region typischen Muster verziert. Im oberen Stockwerk der Töpferei gibt es eine kleine Ausstellung der Produkte.
Kommt nie zu kurz: kulinarische Köstlichkeit in Kartuzy.
Marienburg, Weichseldelta und Danzig
Auf unserer Weiterfahrt zur Marienburg ändert sich die Landschaft deutlich. Die bisher hügelige, kurvenreiche Strecke geht in eine große Ebene über, das Weichseldelta. Bei Dirschau überqueren wir auf einer höchst interessanten Brücke die Weichsel, die erste weitgespannte Balkenbrücke auf dem europäischen Kontinent, 1857 eingeweiht. Ein Stück weiter erhebt sich monumental am Fluss Nogat die Marienburg, Europas größte mittelalterliche Burg, erbaut vom Deutschen Kreuzritterorden. Wir parken unsere Motorräder und gehen beeindruckt durch diesen gewaltigen Backsteinbau. Nach einer Pause im Schlosscafé fahren wir weiter durch das Weichseldelta nach Stutthof, das erste Konzentrationslager außerhalb Deutschlands und das letzte, das von den Alliierten befreit wurde. Der Rundgang durch diesen Ort hängt noch lange nach.
Ein Abstecher bringt uns auf die Frische Nehrung, eine schmale Landzunge von rund 70 Kilometer Länge und einigen hundert Metern Breite, die das Frische Haff von der Ostsee abtrennt. Weit können wir aber nicht fahren, denn quer über die Halbinsel verläuft die Grenze zwischen Polen und Russland, und für das Königsberger Gebiet braucht man ein Visum. Also fahren wir zurück ins Weichseldelta, überqueren den Fluss mit einer Fähre und einer etwas abenteuerlichen Pontonbrücke Richtung Danzig.
Die Stadt war eine der wichtigsten Hansestädte, zählt noch heute zu den schönsten und war ein wichtiger Stützpunkt an der Bernsteinstraße. Davon zeugen die prachtvollen Bauwerke, darunter das Krantor und die größte Backsteinkirche Europas, die Marienkirche, die bis zu 25.000 Menschen fasst. Ein abendlicher Rundgang verschafft uns einen ersten Eindruck. Tolle Atmosphäre vor allem in der Frauengasse und dem Langen Markt mit Artushof und Artusbrunnen. Gute Gelegenheit für das eine oder andere polnische Bier.
Der Neptunbrunnen vor dem Artushof in Danzig (Gdańsk) wurde von Abraham van den Blocke 1618 entworfen. Die Neptunfigur modellierten die Danziger Künstler Peter Husen und Johann Rogge, gegossen wurde sie in Augsburg von Hans Reichel. Die gesamte Brunnenanlage war erst 1633 fertiggestellt.
Zurück durch Pommerns Seenplatte
Doch schon bald juckt wieder die Gashand. Bevor wir aber am nächsten Morgen wieder westwärts fahren, stoppen wir vor der ehemaligen Lenin-Werft am Denkmal für die „Solidarność“. Dort begann 1980 der Anfang vom Ende des real existierenden Sozialismus im ehemaligen Ostblock. Mit den Moppeds durchfahren wir wieder die Kaschubische Schweiz mit ihren Seen, Hügeln und endlosen Laub- und Mischwäldern. Wir durchqueren die sanften Moränenhügel der Tucheler Heide und übernachten in Szczecinek/Neustettin, auf dieser Reise ein letztes Mal in Polen.
Wir cruisen auf kleinen, wenig befahrenen Straßen durch eine reizvolle Landschaft, durch die scheinbar unberührte Natur der Pommerschen Seenplatte. Auf dem Weg zur deutschen Grenze passieren wir Stargard Szczeciński, bekannt für zahlreiche gotische Bauwerke, und erreichen wenig später Stettin. Ein letzter Kaffee unterhalb der Hakenterrasse an der Oder, dann verabschieden wir uns von Polen und treten durch die Uckermark und die Mecklenburger Seenplatte die Heimreise an, schweren Herzens und mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen.
Route
Hamburg – Ratzeburger See – Schaalsee – Bad Kleinen – Demmin – Usedom (Peenemünde) – Swinemünde
Eine Reise in die Welt des Endurofahrens abseits von geteerten Straßen in Nordostdeutschland: Vom Reiseveranstalter ENDUROFUN Tours bekam ich die Einladung, ein Enduro-Training in Mecklenburg mitzumachen. Das war für mich als leidenschaftlicher Tourenfahrer eine völlig neue Herausforderung.
Sandgruben, Waldwege und Brennesselfelder: Mecklenburg abseits des Asphalts.
Die Natur einmal ganz anders als gewohnt kennenzulernen, nämlich im Gelände, also in ihr selbst, fernab der großen Straßen. Ich lieh mir von einem Bekannten eine BMW G 650 GS für dieses Training, stellte dann vor Ort aber fest, dass ich mir auch ein passendes Motorrad direkt beim Veranstalter hätte mieten können. Nach einer Anfahrt quer durch ganz Deutschland komme ich an unserem Standorthotel „Alter Gutshof“ in Demern an, wo die meisten der rund 20 Teilnehmer schon eingetroffen sind.
Ich gönne mir zunächst eine kurze Erholungspause im geschmackvoll eingerichteten Zimmer und lasse mir dann im Hotelrestaurant eine gebratene Ostseescholle mit zerlassener Butter bei einem Glas Rostocker Schwarzbier munden. Nach dem Essen machen wir Teilnehmer uns bei einem weiteren Glas Bier miteinander bekannt und schnell ergibt sich daraus eine gesellige Runde.
Der erste Tag
Frisch gestärkt am reichhaltigen Frühstücksbuffet geht es nun endlich los! Für einen Neuling in der Endurowelt ist der Umstieg auf eine Geländemaschine schon wegen ihrer Sitzhöhe ziemlich gewöhnungsbedürftig. Wegen meiner Körpergröße war das für mich jedoch kein echtes Problem, aber Hut ab vor Jannet, einer Teilnehmerin aus unserer Gruppe. Sie ist etwas kleiner und hat zudem noch eine Geländemaschine mit Kickstarter bekommen. Ehrgeizig will sie sich auch nach dem zehnten missglückten Startversuch nicht helfen lassen – und schafft es dann schließlich auch allein.
An diesem ersten Morgen kommen auch die Fahrer dazu, die nur einen Tag der Tour gebucht haben. Wir werden in zwei Gruppen eingeteilt – in die erfahrenen Biker und in die Neulinge. Schon die Ausrüstung macht deutlich, wer in welche Gruppe gehört. So sehe ich bei den Fortgeschrittenen Hard-Enduros der Marken KTM, Husqvarna, Beta und sogar eine Scorpa, während ich mit meiner G 650 GS in der Anfängergruppe mitfahre, zwischen Modellen wie zum Beispiel einer Honda Africa Twin oder einer Suzuki DRZ 400.
In den tiefen sandigen Pisten braucht die GS eine erfahrene Hand am Gasgriff.
Nachdem wir einige Dehn- und Streckübungen absolviert haben, steigen wir auf die Maschinen und verlassen Demern. Zunächst bewegen wir uns gemächlich auf öffentlichen Wegen in Richtung Schaalsee. Dort machen wir dann die ersten Erfahrungen, wie das Motorrad auf die unterschiedlichen Untergründe reagiert, die mal sandig sind, mal hart mit ausgetrockneten Spurrillen oder auch, wie im Fall von Waldwegen, matschig. Dabei kommt es in unserer Gruppe auch schon mal zu kleinen Stürzen, die aber allesamt harmlos sind und uns lehren, dass ein beherzter Dreh am Gasgriff oft mehr Sicherheit gibt als ein allzu verhaltenes Fahren.
Während unserer ersten größeren Pause erzählt uns unser Tour-Guide Burkhardt etwas über das Biosphärenreservat Schaalsee: Es liegt an der Grenze zu Schleswig-Holstein und ist aus dem Sperrgebiet der innerdeutschen Grenze entstanden. Die staatlich verordnete Zwangsruhe prägte in dieser Zeit das „Niemandsland“ und die Natur gewann an Raum, sodass im Jahr 2000 dieses schützenswerte Gebiet als Biosphärenreservat ausgewiesen wurde. Auf schleswig-holsteinischer Seite der Grenze schließt sich unmittelbar der bereits 1961 gegründete Naturpark „Lauenburgische Seen“ an.
Jetzt erfahren wir mehr über die Techniken des Endurofahrens. Über das Gewichtverlagern beim Beschleunigen, über das Lenken mit den Beinen und über die korrekte Haltung beim Fahren im Stehen. Gleich anschließend wird alles in die Praxis umgesetzt. Auf einem kleinen Waldrandstreifen stellt sich dann schnell heraus, dass ich mich mit meiner 650er GS auch als absoluter Neuling nicht hinter den anderen Teilnehmern verstecken muss. Während der Weiterfahrt durch ein gut einen Meter hohes Brennesselfeld bekomme ich schon ein wenig weiche Knie – bloß nicht anhalten oder gar stürzen! Weiter geht es Richtung Zarrentin, wo wir an der Tankstelle nicht nur Sprit, sondern auch die original „Roten Kracher“ bekommen.
Selbst Waldwege lassen sich im Stehen sicherer fahren.
Gut gesättigt und voller Tatendrang fahren wir in eine Industriebrache. Auf dem Weg dorthin müssen wir auch über richtig tief ausgefahrene Sandwege fahren. Hier zeigt uns Bettina, wie ein richtig guter Wheelie im Gelände aussieht, und bald gibt es auf dieser riesigen Spielwiese für uns alle kein Halten mehr. Wir toben uns nach Herzenslust aus, und so wird auch schon mal die Africa Twin eingegraben oder eine Yamaha TT 350 flachgelegt.
Und wieder geht es auf sandigem Untergrund weiter Richtung Norden. In der ländlichen Gegend fühlen wir uns in die Vergangenheit zurückversetzt. Alte, malerische Dörfer mit schönen Fachwerkhäusern im Zentrum entschädigen für den Anblick riesiger LPG-Bauten am Rande der Ortschaften. Es bleibt noch Zeit für einen Abstecher ins idyllisch gelegene Lassahn. Das Dorf wurde 1945 zur sowjetischen Besatzungszone zugeordnet und in der Zeit der deutschen Teilung durch die immer stärker ausgebauten Grenzanlagen stark beeinflusst. Die Bewohner waren vom See vollkommen abgeschnitten. An verschiedenen Stellen wurden sogar ganze Ortsteile abgerissen, um die Grenzanlagen zu erweitern. Umso mehr erfreut uns jetzt während einer Pause im Gasthof „Seeblick Pavillon“ die freie Sicht auf den See.
Nach diesem wirklich abwechslungsreichen ersten Trainingstag führt uns Burkhardt zurück nach Demern. Während sich die anderen Teilnehmer zum gemeinsamen Abendessen verabreden, entschließe ich mich, mit Burkhardt noch eine kleine Runde über Carlow nach Rehna zu fahren und die schöne Abendsonne zum Fotografieren zu nutzen. Er erzählt mir die Geschichte des Wappens von Rehna, das am 10. April 1858 von Friedrich Franz II., Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, festgelegt wurde. Es zeigt „einen schwarzen Stierkopf mit goldener Krone, silbernen Hörnern, aufgerissenem Maul, ausgeschlagener roter Zunge und abgerissenem Halsfell, welches bogenförmig aufgeschnitten ist und sieben Spitzen zeigt“. Gruselig! Dafür wirkt das aus rotem Backstein gebaute Kloster am Fluss Radegast in der Abendsonne wunderschön und wird von alten Bäumen im Vorhof stimmungsvoll eingerahmt.
Jetzt treibt uns der Hunger zurück nach Demern. Frisch geduscht treffen wir den Rest der Truppe schon beim Nachtisch an, während wir uns einen Hirschkalbsbraten an Preiselbeersoße mit Apfelrotkohl und Kroketten schmecken lassen. Anschließend schauen wir uns in einer gemütlichen Runde noch ein paar Fotos von ENDUROFUN Tours an, aufgenommen auf einer Tour an die Ardèche.
Der zweite Tag
Am Sonntagmorgen verlassen wir Demern nordwestwärts Richtung Carlow. Von dort aus geht es in großem Bogen vorbei an einem riesigen ehemaligen LPG-Gelände gen Rehna, das wir aber links liegen lassen und stattdessen auf einer Anhöhe halten. Dort überrascht uns eine phantastische Aussicht, sogar das mehr als 20 Kilometer entfernte Lübeck können wir am Horizont erkennen. Und wieder führen uns sandige Wege weiter, bis hin zu einer alten Obstbaumwiese, die zu einem Tummelplatz für Crossfahrer geworden ist. Das Areal ist gut sechs Hektar groß und bietet für jeden Fahrer etwas.
Auf den für den öffentlichen Verkehr freigegebenen Radwegen kommen wir weiter voran, durchfahren Tunnel aus Gestrüpp und kämpfen uns durch tiefen, weichen Sand. Die Strecke fordert uns einiges ab, aber im Vergleich zum Vortag geht es doch schon sehr viel besser. Die gut vermittelte Theorie und die praktischen Übungen zeigen Wirkung und der Spaßfaktor steigt im Tun. Später treffen wir in einem ziemlich urwüchsigen Waldstück auch die andere Gruppe, die uns durch ihre zügige Fahrweise und die sichere Beherrschung ihrer Maschinen doch ein wenig beeindruckt. Es ist sicher nicht einfach, die Maschine auf dem matschigen Weg über einen Baumstamm zu balancieren oder zwischen den Bäumen hindurch Zickzack zu fahren, doch hier sieht es fast spielerisch aus.
Das Überqueren einer alten Bahnstrecke aus Kaiserzeiten erfordert Gemeinschaftsarbeit.
Im Laufe des Tages stellt sich unser Tour-Guide Burkhardt als Experte im Reparieren der Enduros heraus, aus seinem Werkzeuggürtel zaubert er ganze Kupplungszüge und bekommt so auch die ausgefallene Maschine eines Teilnehmers schnell wieder zum Laufen.
Nach einer Tankpause fahre ich mit Rainer Richtung Gadebusch. Im Rahmen einer Stadtführung erfahren wir, dass der Name als Landschaftsbezeichnung erstmals im Isfriedschen Teilungsvertrag von 1194 erwähnt und ab 1210 als Ortsname benutzt wurde. Schon im 8. Jahrhundert stand hier eine slawische Burg mit mächtigem Burgwall. Der Ort wurde im 12. Jahrhundert dann deutsch besiedelt. Die günstige Lage am Fernhandelsweg Schwerin–Lübeck begünstigte seine weitere Entwicklung. 1220 wurde mit dem Bau der spätromanischen Backsteinkirche St. Jakob begonnen. Bereits im Jahr 1225 erhielt Gadebusch Stadtrechte verliehen und ist damit eine der ältesten Städte Mecklenburgs. Von Beginn an hatte Gadebusch auch das Münzrecht. Besondere Bedeutung hatte die Gadebuscher Münze im 16. und 17. Jahrhundert. Im Großen Nordischen Krieg trafen 1712 Dänemark und Schweden in der Schlacht bei Gadebusch (auch Schlacht von Wakenstädt genannt) aufeinander.
In der Nähe der Burg besuchen wir auch das Heimatmuseum und genießen anschließend in einem Café die schöne Aussicht über den Burgsee. Auf dem Weg nach Möllin verzaubert uns dann das Lichtspiel zwischen den Bäumen der Alleen. In Möllin angekommen machen wir Halt am Rauchhaus, welches ebenfalls zu einem Heimatmuseum ausgebaut wurde. Als eine der letzten komplett erhaltenen Hofanlagen aus den Jahren um 1800 bietet sie heute einen Ort zum Entspannen und Genießen.
Wieder in Demern angekommen, werden erst einmal die Motorräder vom Schmutz befreit, hierzu steht am Hotel ein großer Hochdruckreiniger zur Verfügung. Am Abend dieses anstrengenden, aber auch erfüllten langen Wochenendes gönne ich mir im Wellnessbereich unseres Hotels noch eine Massage zwischen zwei Saunagängen.
Beim gemütlichen Zusammensein am Abend diskutiert die Gruppe noch lange über das Für und Wider des Enduro-Fahrens. Wir sind uns einig, dass sich die geführte Tour sehr gelohnt hat, denn nur die erfahrenen Tour-Guides verfügen über die nötigen Ortskenntnisse und wissen, welche Strecken und Plätze mit unseren Motorrädern befahren werden dürfen.
Text: Robert Scheu · Fotos: Ingrid Mages, Robert Scheu
Winterdepressionen plagen mich und meine Frau. Es muss wieder etwas Sonne in unser Leben und so fällt unsere Wahl auf Mallorca. Unter dem Motto „Einschüchtern gilt nicht“ haben wir uns zum Selbstversuch entschlossen, einem Trip nach „Malle“ ohne Ballermann, dafür auf den zwei motorisierten Rädern, die für uns die Welt bedeuten.
Mit der gemieteten BMW R 1200 GS an der Küste: Mallorca im Frühling.
Ganz unvoreingenommen fahren wir nicht auf die Balearen-Insel, denn es gibt auch in unserem Leben einen Fernseher, der uns immer wieder die neuesten frohen Botschaften aus dem Ballermann-Milieu ins Wohnzimmer liefert. Ebenso wie die Nachrichten über das sogenannte 17. deutsche Bundesland, wo die Partyhungrigen unserer Nation im Charterservice in Hundertschaften zum Ballermann und somit in ein mehrtägiges Koma geflogen werden. Kaum seltener hört man davon, dass die Insel von Radfahrern fast schon überlaufen sei.
Aller Anfang ist schwer
Kaum ist der Beschluss gefasst, stellt sich auch schon die nächste Frage: Anreise auf den eigenen zwei Rädern oder vor Ort was mieten? Mit dem eigenen Bike müsste man bis Barcelona, dann noch einmal für acht Stunden auf die Fähre. Und das bei nur einer Woche Urlaub? Sinnlos, finden wir. Im Internet tummeln sich einige Anbieter, bei denen man sich Mopeds leihen kann. Auf der Insel bekommt der Biker offenbar jeden Herzenswunsch erfüllt, von der Vespa über 250er-Crosser und Yamahas XT 660 bis hin zu den dicken Eisenhaufen aus Milwaukee. Es gibt einfach alles. Wir entscheiden uns am Ende, wie so oft, für eine BMW R 1200 GS. Mit diesem Bike hatten wir bei anderen Vermietern nur gute Erfahrungen gemacht. Als Unterkunft suchen wir uns eine Ferienwohnung auf einer Finca mit ausreichend Abstand zum Ballermann. Nachdem das alles geklärt ist, wird noch der Flug gebucht und los geht’s in den Süden, dahin, wo (zumeist) auch im Winterhalbjahr die Sonne für sonnige Gemüter und ausreichend warme Temperaturen sorgt.
Airport Frankfurt, Donnerstag, 19 Uhr. 30 Minuten vor dem Abflug werden in der Wartezone alle unsere Klischees erfüllt: Rechts außen eine Horde Partysanen, mit dem einen oder anderen Bier bereits auf Feiertemperatur vorgeglüht, direkt gegenüber eine kleine Gruppe allein erziehender Mütter, die offenbar mal wieder so richtig einen draufmachen wollen. Nicht weit entfernt ein älterer Herr im Rollstuhl, der mit seiner etwas zu stark gelifteten und deutlich zu bunt angemalten Krankenschwester unterwegs ist. Zum krönenden Abschluss kommt – Tusch! – ein bekannter C-Promi um’s Eck, die Hardrockcafé-Kappe auf dem Kopf. In diesem Moment spielen wir ernsthaft mit dem Gedanken, der netten Stewardess am Check-in-Schalter mitzuteilen, dass uns wichtige berufliche Dinge leider daran hindern würden, an diesem sicherlich einmaligen Flugerlebnis teilzunehmen. Aber gekniffen wird jetzt nicht, „wat mutt dat mutt“.
Unsere Ankunft auf der Ferieninsel nach einem nicht nur luftfahrttechnisch erstaunlich ruhigen Flug erfolgt um 21:30 Uhr und mithin relativ spät. Denn wir müssen mit einem Auto weiter zu unserer Unterkunft in Llucmajor, in der zentralen Ebene Mallorcas gelegen. Doch hier auf Mallorca ist offenbar mittlerweile alles mit deutscher Gründlichkeit geplant. Gepaart mit der von unseren letzten Reisen auf die Iberische Halbinsel zum Glück immer noch vorhandenen spanischen Gelassenheit kommen wir nicht nur rasch zu unserem Gepäck, sondern ebenso schnell zu unserem Mietwagen. Auch ist unsere nächtliche Ankunft auf der Finca kein ernsthaftes Problem. Unsere Schweizer Gastgeber sowie deren spanischer Deutscher Schäferhund freuen sich auch zu später Stunde über unser Eintreffen. Daher kann dieser Abend ganz in Ruhe mit einer Probe heimischer Rotweine ausklingen.
Der erste Tag auf der Insel beginnt mit einer klassischen Fehlplanung: Aufstehen, ohne Kaffee und andere Frühstückszutaten eingekauft zu haben. Was bleibt also anderes übrig, als sich auf den Weg zum nächsten Supermercado zu machen und dort Café, ein paar Barras, etwas Jamón, Queso und Aceitunas einzukaufen (Kaffee, Brot, Schinken, Käse und Oliven). Dann schnell das Frühstück nachgeholt und ab Richtung Osten, dem Bike entgegen. Bei dieser Anfahrt bestätigt sich die erste der oft gehörten Mallorca-Meinungen: Diese Insel ist, insbesondere im Frühling, definitiv von Radfahrern aller Nationen verseucht. Während die Profiteams nach hinten durch Begleitfahrzeuge abgesichert werden, radeln die Möchtegern-Armstrongs wie die Gestörten in Zweier- und Dreierreihen auf den häufig doch sehr unübersichtlichen Landstraßen umeinander. Doch davon später noch mehr.
Beim Verleih angekommen, erliegen wir beinahe dem unwiderstehlichen Charme des Inhabers, der uns seine geführten Touren im wärmsten Licht schildert. Aber nur fast, denn Ziel ist es ja für uns, alleine herauszufinden, ob die Geschichten und Meinungen über die Insel nun zutreffen oder nicht. Und zu unseren selbst geschaffenen Regeln gehört halt die Erkundung ohne fremdes Dazutun. Unsere 12er GS entpuppt sich als eine der ersten ihrer Gattung und hat schon über 60.000 Inselkilometer in den Händen der verschiedensten Fahrer hinter sich gebracht. Sie ist allerdings optisch und mechanisch in einem sehr guten Zustand. Abgesehen davon macht uns der nette Herr vom Verleih die Offerte, am nächsten Tag auf ein aktuelles Modell zu wechseln. Noch mal zwei Stunden An- und Abfahrt, die von unserem sowieso relativ kleinen Zeitfenster verloren gehen würden? Nein, wir bleiben bei der „Alten“. Schließlich scheint die Sonne und wir wollen die Stunden auf zwei Rädern möglichst ausgiebig genießen!
Cruisen nach Palma
Unsere erste Tour führt uns Richtung S’Arenal und Palma, kurz gesagt: Cruisen auf der Schinkenstraße. Wir sehen sie fast alle, wenn die berühmt-berüchtigten Lokale kurz vor Ostern auch noch relativ leer zu sein scheinen. Wie an einer Schnur aufgereiht, verheißen sie mit ihren urmallorquinischen Namen wie beispielsweise „Oberbayern“ echte Urlaubskultur in ihrer reinsten Form. Mein musikalischer Kollege würde jetzt anmerken „Stand up and fight, for your right to paaaaarrty!“ Das hier ist, wie erwartet, nicht mein Ding, und dementsprechend schalte ich schnell mal zwei Gänge hoch, ab auf den Autobahnzubringer direkt ins eigentliche Herz von Palma de Mallorca. Das erweist sich als eine echte spanische Metropole am Meer. Direkt neben dem Hafenbecken liegt die weltbekannte Kathedrale von Palma, daneben schließt sich der Sommerpalast des spanischen Königs an, beide zusammen ein wirklich beeindruckendes Ensemble.
Wir stellen unser Motorrad vor einer Bar ab, die von Werftarbeitern für ihre Siesta genutzt wird. Irgendwie kommt mir deren Name „Varadero“ bekannt vor, er erinnert mich an einen etwas lendenlahmen japanischen Zweizylinder. Aber die Tapas sind ausgezeichnet und der Café solo ist ein Gedicht. Im Hafen, einer wirklich internationalen Kulisse, hat gerade ein amerikanischer Hubschrauberträger Anker geworfen. Unzählige Jollenskipper und Surfer sind zu dessen Begrüßung hinausgefahren. Schon eindrucksvoll.
Die Gässchen rund um die Kathedrale laden uns ein, eine ausgedehnte Erkundungstour auf Schusters Rappen zu starten. Ihre Häuserzeilen stellen sich als ein wahres Paradies für jeden Liebhaber des spanischen Jugendstils heraus. Auch zum Shoppen ist Palma ein echtes Eldorado; kleine Boutiquen mit selbst genähter Ware wechseln sich mit den großen Designerketten ab. So kann man sich hier schnell mal in der Mittagspause bei Miguel, dem Barbier von Palma, den Bart trimmen lassen oder sich in der Dependance von Udo Walz eine Hochsteckfrisur für den Abend aufsetzen lassen. Zwischen den einzelnen Etappen lässt sich immer mal wieder die Sonne vor einem Café oder einer Bar genießen – ja, das Leben kann schön sein.
Selbst bei einem Zahnarztbesuch kann man sich am mallorquinischen Jugendstil erfreuen.
Es stellt sich schließlich die Gewissensfrage des Tages: Sitzen bleiben oder mit der GS noch mal Richtung Westen, dem Örtchen Andratx entgegen? Die schiere Lust, sich mal wieder bei Sonnenschein mit dem Motorrad zu bewegen, siegt schließlich über den inneren Schweinehund, der hier am Hafen auf den Abend warten will. Und so lassen wir den Tag mit einem kleinen Abstecher Richtung Westen in den Sonnenuntergang ausklingen.
Buchten und grandiose Ausblicke
Tag zwei beginnt natürlich wesentlich besser als der erste: Dank der vorangegangenen Einkäufe steht einem ordentlichen Frühstück nichts mehr im Wege. Für den heutigen Tag haben wir uns vorgenommen, in die westliche Serra de Tramuntana zu fahren; die gebirgige, sehr markante Landschaft ist seit Juni 2011 von der UNESCO als Welterbe anerkannt. Die Straßen dort präsentieren sich sehr unterschiedlich: Im Gegensatz zu der von gestern ist die heutige fast schon autobahnähnlich ausgebaut. Sie verjüngt sich dann jenseits von Andratx zur MA-10, einer netten kleinen Küstenstraße, die an verschiedenen Aussichtspunkten entlang nach Osten zum Zwischenziel Sóller führt.
Nach etlichen Kurven in der Tramuntana kann man den wundervollen Ausblick vom „Torre del Verger“ genießen.
Wir nehmen uns die Zeit, an diesen Punkten einmal anzuhalten, um in eine dieser kleinen Buchten, weit ab vom Trubel der Playas im Süden, abzusteigen und diese auch im Sommer einsamen Küstenabschnitte zu besuchen. Der Ab- und Aufstieg sind zwar recht mühsam, man wird aber wirklich fürstlich dafür entlohnt. Die Straße windet sich bis Valldemossa weiter direkt an der Küste entlang und bietet dabei immer wieder traumhafte Küstenausblicke. Danach verlässt die Straße die Küste, um etwas weiter im Landesinneren Haine mit über einhundert Jahre alten Olivenbäumen zu durchqueren. Am Szeneort Deià trifft sie dann wieder auf die Küste, die sie dann bis Sóller nicht mehr verlässt. Deià ist ein netter Ort, dem man leider die Überhand der ausländischen Hauseigentümer etwas stärker als anderen Orten anmerkt. Trotzdem lohnt sich ein Kaffeestopp mit anschließendem kleinem Spaziergang. Auch wir sind überrascht, wie viel es in diesen Orten zu entdecken gibt.
Valldemossa gilt als das Dorf der Künstler und ihrer Nachahmer.
In Sóller angekommen, beschließen wir, über den rund 500 Meter hohen Col de Sóller wieder Richtung Süden abzudriften und nicht die Tunnelröhre zu benutzen, mit deren Bau 1995 begonnen worden war. Ein unbedingt zu empfehlender Pass mit 36 Serpentinen, den man freilich am besten zur Mittagszeit überqueren sollte. Dann sind nämlich sämtliche Biker (die ohne Motor), welche nach Sóller wollen, schon über den Pass entschwunden, und die ganzen Rückkehrer sind noch nicht wieder am Aufstieg. Ansonsten kann es einem wie uns ergehen, dass eine deutlich mit sich und der Welt, in den engen Kehren vor allen Dingen aber von ihrem Rad überforderte Endvierzigerin breitest grinsend vor das Vorderrad der GS rollt. Ihrem gut funktionierenden ABS ist es zu verdanken, dass wir unsere Abfahrt und die Dame ihren Aufstieg unversehrt vollenden konnten.
Am südlichen Fuße des Passes, in Alfàbia, befindet sich eines der letzten Überbleibsel der früheren maurischen Herrschaft Mallorcas. Rundherum ist ein sehenswerter Botanischer Garten angelegt. Eine Stippvisite ist kein Muss, aber aus unserer Sicht zu empfehlen. Über das flache Zentralland suchen wir uns einen Weg zurück nach Llucmajor. Die Straßen weisen zwar nun keine Höhenunterschiede mehr auf, doch sind sie deshalb nicht minder verwinkelt und unübersichtlich, da sie rechts und links von kilometerlangen und meterhohen Steinmauern begrenzt werden. Man sollte es nicht glauben: Am Abend dieses Tages stehen 286 Kilometer mehr auf der Uhr der GS, und doch haben wir bisher noch immer nur einen ausgesprochen kleinen Teil der Insel gesehen!
Dem Himmel nah
Zu meiner absoluten Lieblingstour entwickelt sich der Ausflug des dritten Tages. Von Llucmajor erst zum Kloster auf dem 548 Meter hohen Puig de Randa mit seiner wundervollen Aussicht über die mallorquinische Ebene, dann weiter über die Kleinstädte Sineu und Inca nach Lluc. Dort ein kleiner Zwischenstopp und im Kloster dem Knabenchor bei seinen Proben zugehört. Dann weiter bis kurz vor den Stausee Gorg Blau, rechts ab der kleinen Straße Richtung Sa Calobra folgen, hier einen Kaffee am Meer genießen. Weiter nach Sóller und über den tags zuvor schon einmal gefahrenen Coll de Sóller nach Alfàbia. Diesmal aber nicht gleich zurück, sondern via MA-2100 über einen wirklich verwegenen Pass Richtung Orient (in diesem Fall ein Ortsname), einen Abstecher zum berühmten Castell d’Alaró und via Sencelles und Algaida zurück nach Llucmajor. Hier dann nur glücklich und zufrieden ins Bett fallen. Neugierig?? Ich kann nur sagen: Selbst mal fahren! Mehr will ich zu dieser wirklich schönen Route nicht verraten.
Blick zurück vom „Castell d’Alaró“ über die Tiefebene.
Der Nordosten und der Leuchtturm von Formentor
Für den vierten Tag haben wir uns die Erforschung des Nordostens auf die Roadmap geschrieben. Es geht zuerst nach Alcúdia, den Römern auf der Spur. Ja, die waren auch mal hier, aber wo in Europa eigentlich nicht? Die Spuren, die sie hier hinterlassen haben, haben die Erwähnung in Reiseführern nicht wirklich verdient. Umso sehenswerter ist der dazugehörige Ort. Seinen alten Ortskern umgeben Mauern, die von Mauren stammen könnten. Besonders sehenswert an Alcúdia ist der Hafen mit ungezählten kleineren und auch etwas größeren Yachten, die hier vor Anker liegen und dümpelnd auf ihre meist ausländischen Eigner warten. Schon sehr schick.
Am Ortsausgang ist es mal wieder soweit: Kurz nach einem Kreisel drängt uns eine Hundertschaft der Guardia Civil dazu, unser Bike am Straßenrand abzustellen. Radfahrer! Wie so oft auf dieser Insel findet auch an diesem Wochenende irgendwo ein kleineres oder auch größeres Vorbereitungsrennen statt. Heute halt einmal rund um Alcúdia. Das bedeutet für uns eine Zwangspause, leider weit und breit keine Bar, in der wir unseren Radlerfrust mit einer Tasse Kaffee wegspülen könnten. Irgendwann hat glücklicherweise jedes Verfolgerfeld ein Ende, und so eilen wir unserem Tagesziel, dem Leuchtturm von Formentor, weiter entgegen. Die Fahrt geht durch den Ort Port de Pollença, hier scheint sich die Motorrad-Szene der Insel zu treffen. Auf der kilometerlangen Strandpromenade reiht sich Bar an Bar und davor Bike an Bike. Es hat schon fast etwas von einer mallorquinischen Bikeweek. Viele, viele bunte Harleys!
Kurvenspaß auf Mallorcas Landstraßen.
Die schmale Straße, die sich danach bis zum Leuchtturm schlängelt, ist der Traum eines jeden Motorradfahrers. Freilich nicht ohne Wehmutstropfen, wie so oft in dieser Woche: Hobbyradler und Mietwagenpiloten auf Sonntagsfahrerniveau helfen mir dabei, die Reifenflanken der BMW zu schonen. Am Leuchtturm selbst erwartet uns ein überwältigendes Panorama. Man kann von hier aus bis hinüber zur Nachbarinsel Menorca sehen. Um vor den Automobilisten und Pedalisten sicher zu sein, sollte man eine Tour hierher nur von Oktober bis März ernsthaft in Erwägung ziehen. Schade für dieses reizvolle Fleckchen Erde, ist aber so. Im Übrigen: Wer an Aussichtspunkten wie dem Leuchtturm Formentor Neppreise erwartet, wird angenehm überrascht sein: Auch hier werden, wie an vielen anderen, durchweg nur moderate Preise verlangt.
Fazit
Nach dieser Tour bringen wir die GS schweren Herzens zum Verleih zurück. Wir gönnen uns noch ein paar Badetage und genießen die Frühlingssonne. Beim Abschied auf dem Riesenairport von Palma kommt es dann zum wohl unvermeidlichen Showdown. Die Insel will uns anscheinend den Rest geben. In der Wartezone unseres Fliegers sitzt ein weiterer Promi, Malle ist halt auch bei unseren „Stars“ beliebt.
Bleibt für den Augenblick nur mein persönliches Fazit: Der Selbstversuch hat ergeben, dass etliche der verbreitet zu hörenden Meinungen zumindest ansatzweise wahr sind. Allerdings kann man auf dieser Insel jede Menge mehr sehen, erleben und „erfahren“, als man es erwartet. Eine Reise, vor allem an ihre Nordküste, ist sie allemal wert. Mallorca bietet deutlich mehr als Sangria, Dauerfeten und Hotelburgen, verfügt die Insel doch über herrliche Ecken, die es sich zu entdecken lohnt. Lästig war uns nur, permanent um Radfahrer herumzirkeln zu müssen (die Insel hat auch ohne sie genug Kurven). Gefährlicher sind jedoch die fast 50.000 mit Touristen besetzten Mietwagen, die den Radlern ausweichen und einem somit auf der eigenen Spur entgegenkommen. Die hat diese wunderschöne Insel nun wirklich nicht verdient.
Die Touren im Überblick
Tag 1: Llucmajor – S’Arenal – Palma – Andratx
Tag 2: Andratx – MA-10 – Valldemossa – Deià – Sóller – Col de Sóller – Alfàbia
Tag 3: Puig de Randa – Sineu – Inca – Lluc – Sa Calobra – Sóller – Castell d’Alaró
Tag 4: Alcúdia – Port de Pollença – Leuchtturm Formentor
Text: Robert Scheu · Fotos: Ingrid Mages, Robert Scheu · Erstveröffentlichung im GS:MotorradMagazin, Ausgabe 12/2013. Alle Angaben ohne Gewähr.
Das Sprichwort „Ehrlich währt am längsten“ gerät in eine bedrohliche Schieflage, wenn man zwischen Minden und Münden auf weiten Teilen der Deutschen Märchenstraße durch das Weserbergland streift. Entlang der Weser können leichtgläubige Biker selbst im Hochsommer aufs Glatteis geführt werden.
Auftakt am Kaiser
Was für ein Auftakt! Kein Geringerer als seine Majestät Kaiser Wilhelm I. weist uns mit weit ausgestreckter Hand den Weg ins Weserbergland. Seit 1896 thront sein Denkmal hoch über Porta Westfalica, wo die Weser in das Norddeutsche Tiefland fließt. Zwischen Minden und Münden wollen wir gegen und mit dem Strom durch die Bundesländer Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen schwingen. Die Brüder Grimm, Jacob und Wilhelm, geboren 1785 und 1786, sammelten unermüdlich Fabeln und Sagen, die erste Auflage ihrer Kinder- und Hausmärchen erschien 1812 und wurde bis heute in mehr als 170 Sprachen übersetzt. Aus dem Grimmschen Geburtsort Hanau strebt die Deutsche Märchenstraße bis nach Bremen mit seinen tierischen Stadtmusikanten und verbindet so märchenhafte Orte mit einigen Lebensstationen der beiden Brüder. Weite Teile führen durch das facettenreiche Weserbergland.
Der Rattenfänger & der Lügenbaron
Rinteln und Hessisch Oldendorf sind schon aus unseren Rückspiegeln verschwunden, als uns der schwarze Teerteppich in die Rattenfängerstadt Hameln geleitet. Die zahlreichen kostenlosen Motorradparkplätze am Rande der Fußgängerzone laden zum Bummel durch die historische Innenstadt mit ihren wunderschönen Fachwerkhäusern und beschaulichen Gassen ein. Hier dreht sich alles um die Sage des Rattenfängers: Im 13. Jahrhundert wurde die von Ratten und Mäusen geplagte Mühlenstadt Hameln von einem buntgekleideten Mann aufgesucht, der versprach, die Nager gegen einen gerechten Lohn zu bekämpfen. Kaum hatten die Bürger zugesagt, spielte er auf seiner Flöte, bis alle Schädlinge ihm zum Fluss folgten, wo sie alle ertranken. Als ihm der Lohn verwehrt wurde, verließ er verärgert den Ort. Wenig später kehrte er verkleidet zurück und spielte wieder auf seiner Flöte, doch diesmal folgten ihm alle Kinder aus der Stadt und wurden nie wieder gesehen.
Fachwerk und Wasser: typisch für die Orte an der Weser.
Über eine solide Brücke gelangen wir zurück aufs Westufer und nehmen Kurs auf Bodenwerder. In der Münchhausenstadt dreht sich alles um den Lügenbaron, der als junger Mann und aufstrebender Offizier in die Welt hinaus zog und die Kriege des 18. Jahrhunderts erlebte. Ungeschoren heimgekehrt, kam Münchhausen zu seinem zweifelhaften Beinamen, weil er immer neue und fabelhaftere Episoden seines ausschweifenden Lebens zum Besten gab. Sein „Ritt auf der Kanonenkugel“ kommt uns während des Abstechers in die Rühler Schweiz im Naturpark Solling-Vogler in den Sinn: Östlich des Weserlaufs steigen extrem kurvige Etappen steil bergan und verlangen nach einem kräftigen Zug am Kabel. Holzminden umfahren wir auf einer kurzweiligen Wald- und Wiesen-Nebenstrecke, um von Fürstenberg aus auf schmalem Teer erneut Höhe zu gewinnen.
Der Lügenbaron grüßt: Münchhausenland im Weserbergland.Fähre bei Polle – reger Verkehr über die Weser.
Gestiefelter Kater, Dornröschen & Schneewittchen
Den einsamen Forsten des Sollings entkommen, erreichen wir Oedelsheim. Hier haben die Grimms auch ihre dichterische Duftmarke gesetzt und die Mär vom „Gestiefelten Kater“ angesiedelt. Die hiesige Weserfähre trägt übrigens den gleichen Namen und als wir an uns herunterschauen, stellen wir schmunzelnd fest, dass wir alle gestiefelte Kradler sind. Anschließend schlagen wir einen fahrerisch lohnenswerten Haken durch den Bramwald und treffen in Hannoversch-Münden auf den Zusammenfluss von Werra und Fulda, den Eltern der Weser.
Pause an der Weser.Der Weserstein bei Hannoversch Münden, wo Werra und Fulda zusammenfließen.
In Nordhessen angekommen, machen wir uns auf den Weg zum Grimmschen Dornröschenschloss Sababurg, das inmitten des mächtigen Reinhardswaldes romantisch vor sich hin schlummert. Wer den Burghof betritt und genau hinschaut, entdeckt in der Fassade das Fenster, in dem Dornröschen mit ihrem Retter zu sehen ist. Vom nahen Gottsbüren aus führt uns eine fantastische Bergstrecke nach Gieselwerder an die Weser hinunter. Auch dort haben Jacob und Wilhelm Grimm ihr Revier abgesteckt und das schöne Schneewittchen und die fleißigen sieben Zwerge beheimatet. Doch weder das Topmodel, noch die Wichte lassen sich blicken.
Grimmsches Dornröschenschloss Sababurg. Wer den Burghof betritt und genau hinschaut, entdeckt in der Fassade das Fenster, in dem Dornröschen mit ihrem Retter zu sehen ist.
Der Riese Kruko & Rapunzel
Stattdessen besuchen wir den Mühlenplatz, eine parkähnliche Anlage, wo wir zwischen Miniaturnachbildungen berühmter deutscher Burgen und Schlösser spazieren können. Ich komme mir vor wie der Riese Kruko, der vor langer, langer Zeit bei Helmarshausen auf der Krukenburg hauste. Nach seinem Tod zogen die zickigen Töchter Saba, Brama und Trendela fort und schufen sich neue Bleiben: Die bekannte Sababurg, die Bramburg bei Hannoversch Münden und die Trendelburg über der Diemel. Letztere ist eng mit dem Märchen von Rapunzel verflochten: Ein von der bösen Zauberin geraubtes Baby wird in einen hohen Turm gesperrt, der weder eine Tür hat, noch über eine Treppe verfügt. Einzige Verbindung zur Außenwelt ist das in vielen Jahren gewachsene lange Haar der mittlerweile jungen Dame, das diese immer zum Fenster hinaushängt, um den geliebten Prinzen zu sich zu lassen. Heutzutage wäre die langhaarige Schönheit mit Sicherheit in jeder Shampoo-Werbung zu sehen.
Völlig ohne Burg kommt dann die Barockstadt Bad Karlshafen daher. Kaum zu glauben, aber wahr: Statt eines Marktplatzes finden wir in der Ortsmitte ein Hafenbecken vor. Die am Zeichentisch geplante Siedlung wurde Ende des 17. Jahrhunderts durch Landgraf Carl von Hessen gegründet, hugenottische Glaubensflüchtlinge fanden hier eine neue Heimat.
Hänsel & Gretel und der Köterberg
Mit einer Prise Übermut stoppen wir in Höxters Fußgängerzone die Motoren, um zwischen edlem Fachwerk und reich verzierten Giebeln Grimms in Bronze gegossene Hänsel und Gretel zu bestaunen. Bevor wir den Unmut der Passanten zu spüren bekommen, wenden wir der bösen Hexe den Rücken zu und steuern das benachbarte Schloss Corvey an, dessen Wurzeln bis ins 9. Jahrhundert zurück reichen. Einst als Benediktinerabtei in einem Weserbogen gegründet, wuchsen Ansehen und Architektur mit den Besuchen von Kaisern und Königen. Stichwort Besuch: Man ist nicht im Weserbergland gewesen, ohne den Biker-Treffpunkt „Monte Bello“ angefahren zu haben. In sportlicher Schräglage wedelt unsere kleine Gruppe zum Gipfel des 500 Meter hohen Köterberges empor, der von einem riesigen Sendemast gekrönt wird. Nach ausgiebigem Kurvenkratzer schlürfen wir heißen Kaffee und genießen nebenbei die wohl schönste Aussicht über das Weserbergland.
Schloss Corvey, dessen Wurzeln bis ins 9. Jahrhundert zurückreichen.Sendemast auf dem Köterberg – von hier hat man die wohl schönste Aussicht über das Weserbergland.
Aschenputtel und der verliebte Prinz
Ein kunstvoll geschnitztes Schild weist uns den Weg ins Wesertal. Nur wenige Kilometer später stoppen wir vor der Burgruine Polle mit ihrem mächtigen Bergfried. Eine romantische Kulisse für das alljährlich von Amateurschauspielern dargebotene Gebrüder-Grimm-Märchen Aschenputtel: Ein hübsches weibliches Wesen wird von ihrer Stiefmutter und ihren Stiefschwestern drangsaliert und zu schmutzigen Arbeiten gezwungen, was ihr den Namen Aschenputtel einbringt. Als der Königsohn auf Brautschau zu einem Fest einlädt, verhindern die eifersüchtigen Schwestern Aschenputtels Teilnahme. Voller Trauer besucht sie das Grab der Mutter, als plötzlich ein schickes Kleid, wertvoller Schmuck und ein Paar High-Heels vom Himmel fallen. Noch in der gleichen Nacht besucht sie, mächtig aufgebrezelt, das Fest, tanzt mit dem Prinzen und verdreht ihm die Augen. Aus Angst vor Entdeckung flieht sie. Zurück bleibt ein Schuh. Am folgenden Tag sucht der verliebte Prinz nach dem dazu passenden Fuß. Selbst als der Königsohn schon auf der richtigen Fährte ist, lassen die bösen Schwestern nichts unversucht, zur Prinzessin aufzusteigen. Doch der Verliebte findet Aschenputtel und hält um ihre Hand an. Happy End!
Spannendes Finale
Unsere Tour bekommt auch ein Happy End, als uns Serpentinen auf die Ottensteiner Hochfläche locken. Anfangs säumen lichte Baumreihen die schmale und verkehrsarme Trasse, später schluckt uns dichter Wald, der uns erst nahe Bodenwerder wieder entlässt. Lange halten wir uns nicht im flachen Land auf, denn eine kurvige Strecke steigt verheißungsvoll nach Kleinenberg hinauf. Auf dem Rücken des Höhenzuges angekommen, können wir eine fantastische Fernsicht genießen. Die jungen Birken am Straßenrand haben sich, vom rauen Wind gebeutelt, krumm gemacht. Die steile Abfahrt ebenso, im finsteren Forst legen wir die Maschinen von einer Schräglage in die nächste. Am Stadtrand von Bad Pyrmont biegen wir ins Emmertal ab und nach wenigen Gasstößen stoppen wir am auffälligen Wasserschloss Hämelschenburg, das nur durch einen schmalen Burggraben von der Hauptstraße getrennt wird. Der Prachtbau gilt als Paradebeispiel für die Weserrenaissance im 16. und 17. Jahrhundert, als aus heruntergekommenen Burgen und Hütten prunkvolle Schlösser, reich verzierte Bürgerhäuser und repräsentative Rathäuser entstanden.
Wasserschloss Hämelschenburg – ein Paradebeispiel für die Weserrenaissance im 16. und 17. Jahrhundert.
Wieder am Fluss angelangt, langweilen wir uns ein paar Kilometer auf der B 83, um dann am Rande Hamelns die viel spannendere Landstraße am westlichen Weserufer entlang nach Exten unter die Räder zu nehmen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird der Wittekindsberg mit dem Denkmal Kaiser Wilhelm I. auftauchen, das rund 30 Jahre nach dem Ableben der Gebrüder Grimm feierlich eingeweiht wurde. Wären Jacob und Wilhelm Motorradfahrer, würde es heißen: „Und wenn sie nicht angehalten haben, dann fahren sie noch heute“.
Die Route
Die Route durch das Weserbergland: rund 420 Kilometer von Minden bis Münden und zurück.
Allgemeines
Zwei Tage sind das absolute Minimum, um die 420 fabelhaften Tourkilometer nachzufahren. Wer die zahlreichen Märchenschauplätze erkunden möchte, sollte einen Kurzurlaub einplanen, denn mehr Abwechslung geht nicht! Aus dem flachen Wesertal hinauf zum Gipfel des Köterbergs, durch die unzähligen Kurven und dunklen Forste von Solling und Vogler bis an den Zusammenfluss von Werra und Fulda. Die Broschüre „biken & touren“ mit elf perfekt ausgearbeiteten Rundtouren und einzeln zu entnehmenden Karten für den Tankrucksack bietet Kulturland Kreis Höxter (bikerregion.de) an (Stand 2015: 2,50 Euro oder als kostenloser PDF-Download).
Hoteltipp: Wirtshaus am Brunnen
Das liebevoll eingerichtete Fachwerkhaus liegt ruhig im Ortskern, die Wirtsleute verwöhnen mit leckeren, regionalen Spezialitäten, gepflegten Getränken und einem hervorragenden Service, während das Motorrad sicher im Innenhof parkt. Ideales Basislager auch für Touren in den Teutoburger Wald und Ostwestfalen. Doppelzimmer mit Frühstück ab 72 Euro (Stand 2015).
Wirtshaus am Brunnen, Antje und Werner Lange, Niedernstraße 5, 37696 Marienmünster-Vörden, Fon 05276 952257. Bei Booking.com ansehen
Text & Fotos: Frank Sachau · Erstveröffentlichung im GS:MotorradMagazin, Ausgabe 12/2015. Alle Angaben ohne Gewähr.
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