Europa · Nordeuropa · Reisegeschichten

Unter dem Kreuz des Nordens zum Nordkap

Mit dem Motorrad von Travemünde durch Finnland und Russisch-Karelien nach Murmansk, dann mit der Hurtigruten nach Norwegen und über Lappland zurück.

Geschafft. Das erste Abenteuer liegt hinter uns, die Einreise nach Russland. Jedes Mal – und ich bin schon oft mit dem Motorrad in Russland gewesen – ist es, trotz vollständiger Papiere, ein Erlebnis der besonderen Art. Nun liegt die Strecke nach St. Petersburg vor uns und die Begegnung mit dieser großartigen Stadt voller Gegensätze.

Abseits der Hauptstraßen wird es spannend.
Abseits der Hauptstraßen wird es spannend.

Über Helsinki nach Imatra

Von Travemünde hatte uns die Fähre nach Helsinki gebracht. Nach entsprechenden Erfahrungen hatte ich nicht den direkten Weg durch Südfinnland nach St. Petersburg über den Grenzübergang bei Vaalimaa gewählt. Das ist nämlich der meistfrequentierte der finnischen Ostgrenze und damit der mit dem dichtesten Verkehr zwischen der EU und Russland. Stattdessen waren wir weiter nach Imatra gefahren. Diesen kleinen Umweg hatte ich aber gerne in Kauf genommen, denn das war für mich wie eine Reise in die eigene Vergangenheit. Schon in den 70er Jahren war ich das erste Mal hier gewesen und hatte Giacomo Agostini beim Großen Preis von Finnland der Motorrad-Weltmeisterschaft bewundert.

Die Anreise mit der Fähre verkürzt die Reisezeit beträchtlich.
Die Anreise mit der Fähre verkürzt die Reisezeit beträchtlich.

Seit der Teilung Kareliens nach dem Friedensschluss als Folge des Zweiten Weltkriegs verläuft nur wenige Kilometer östlich von Imatra die Staatsgrenze zu Russland. Die heute zu Russland gehörende Stadt Svetogorsk ist auch nur 7 km von Imatras Stadtzentrum entfernt. Holz ohne Ende, so scheint es, auf der Eisenbahn und neben den riesigen Gebäuden der Papierindustrie. Sehr achtsam fahren wir nach den Grenzkontrollposten weiter. Die Bereiche kurz nach den Grenzen und auf größeren Transitstrecken sind bevorzugte „Jagdreviere“ der russischen Miliz, die seit dem Sommer 2011 nun auch Policia, Polizei heißt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass das eine oder andere Radargerät am Straßenrand versteckt angebracht ist. Videokameras an Brückengeländern deuten auf aktive Beobachtung hin. Ganz und gar nicht mögen sie das Überfahren von durchgezogenen Linien. Die Bilder kann man sich später live im Streifenwagen ansehen. Also, besser Vorsicht walten lassen.

Wyborg, St. Petersburg und der Ladogasee

Wir erreichen Wyborg. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte die Stadt zum unabhängig gewordenen Finnland und war damals mit ca. 80.000 Einwohnern die zweitgrößte des neuen Staates. Hier mündet auch der Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Saimaakanal in die Ostsee, der die Finnische Seenplatte mit der Ostsee verbindet. Nach dem Winterkrieg 1939/40 und dem Fortsetzungskrieg 1944 besetzte die Sowjetunion den größten Teil Kareliens mitsamt Wyborg. Die seit den Zeiten der Hanse in Wyborg ansässige deutsche Minderheit musste 1940 mit den finnischen und schwedischen Einwohnern die Stadt verlassen oder wurde nach 1944 vertrieben.

Von hier fahren wir nicht auf dem direkten Weg nach St. Petersburg, sondern folgen der A123 entlang der Küste. Diese Straße ist zwar länger, aber auch ungleich interessanter. Langsam wird der Verkehr chaotischer. Wir gelangen nach „Pieter“, wie die Bewohner von St. Petersburg ihre Stadt liebevoll nennen. Der Verkehr wird deutlich dichter und gewöhnungsbedürftiger. Einige Autos rauschen nur so links und rechts an uns vorbei, als seien wir auf einer Rennstrecke und nicht in einer Großstadt. In den Nebenstraßen trailen wir über Straßenbahnschienen, die deutlich über das Fahrbahnniveau herausragen – und schon wieder fehlt ein Kanaldeckel. Endlich sind wir am Hotel und checken ein. Die Motorräder lassen wir während unseres Aufenthaltes sicher auf dem bewachten Parkplatz und erkunden „das Venedig des Nordens“ zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Der heutige Tag wird lang werden, denn während der „weißen Nächte“ um die Sommersonnenwende tobt hier auch nachts das Leben, ist nahezu rund um die Uhr Party angesagt. Das gilt besonders, wenn um zwei Uhr morgens die Brücken über die Newa hochgeklappt werden. Dann fahren nämlich die Schiffe auf der Newa vom Ladogasee zur Ostsee und umgekehrt. Eine von vielen Begegnungen mit dieser einzigartigen Stadt. Doch unser Aufenthalt ist nur kurz, wir haben noch andere Ziele, was uns aber nicht daran hindert, an einigen besonderen Orten zu verweilen. Der Schlossplatz vor dem Winterpalais der Zaren, der Eremitage, ist nur den Fußgängern vorbehalten, aber bevor uns die Polizisten registriert haben, ist das Foto im Kasten und schon sind wir wieder auf dem Weg. Vor der Aurora zu halten, dem Panzerschiff, dessen Schuss das Zeichen zur russischen Revolution gab, ist nicht die große Herausforderung. Aber dennoch beeindruckend.

Entlang der Newa fahren wir durch die Vororte von St. Petersburg zur alten Festung Schlüsselburg, die den Austritt der Newa aus dem Ladogasee bewachte. Weit geht der Blick über die spiegelglatte Wasserfläche des größten Sees in Europa. Weit über 100 Kilometer ist das gegenüberliegende Ufer entfernt! Während des Zweiten Weltkrieges war diese Gegend heiß umkämpft. Das Schicksal des eingeschlossenen Leningrads hing vom Warentransport über den Ladogasee ab, im Sommer auf dem Wasserweg, im Winter mit Lastwagen über das Eis. Ein sehenswertes Museum berichtet über diese Zeit. Verständlich, wenn dann später Deutschlands Osten den Sturm erntete, der hier gesät wurde!

Petrosawodsk und die Klosterinsel Kishi

Auf der Weiterfahrt scheitern wir mit unserem Versuch, so nah wie möglich am Seeufer entlang zu fahren. Die Piste ist doch zu schlecht. Und so rollen wir stattdessen zügig auf der Hauptstraße nach Olonez und weiter nach Petrosawodsk, in die Gebietshauptstadt von Karelien. Sie ist keine Schönheit, diese Großstadt, die sich entlang des Onegasees erstreckt – holzverarbeitende Industrien, Möbelindustrie, Fischverarbeitung und Werften sind die wichtigsten Arbeitgeber. Der Anblick der Gebäude ist nicht wirklich erfreulich. Dazu dampft und riecht es überall. Durch Petrosawodsk verläuft auch die Murmanbahn, die wichtige Eisenbahnverbindung von Sankt Petersburg nach Murmansk in den Norden.

Die Insel Kishi ist UNESCO-Weltkulturerbe.
Die Insel Kishi ist UNESCO-Weltkulturerbe.

Ein Tag Pause, den wir zu einem Tagesausflug auf die alte Klosterinsel Kishi nutzen. Diese Insel ist heute UNESCO-Weltkulturerbe und birgt einmalige Dokumente der Holzbaukunst. Auf dieser Insel wurden aus allen Gegenden Kareliens Gebäude zusammengetragen und wieder aufgebaut. Mit dem Tragflügelboot sind wir in kurzer Zeit da und gehen dann auf einem Rundweg über die Insel, vorbei an Scheunen und Bauernhäusern. Auch Windmühlen sind zu sehen. Die größte Sehenswürdigkeit der Museumsinsel ist aber der Kirchhof, der auf das 13. bis 14. Jahrhundert zurückgeht. Beeindruckend die Schönheit der Christi-Verklärungs-Kirche mit ihren 22 Kuppeln, nicht minder malerisch ist die Pokrowsker Fürsprachekirche. Diese Konstruktionen habe ich sonst nirgendwo in Russland gesehen. Die Anordnung der Zwiebeltürme fasziniert ebenso wie das silbrige Schimmern der Holzschindeln, die zu erstaunlichen Formen zusammengefügt sind. Die wahren Höhepunkte aber, die Kishi zu bieten hat, sind die einzelnen Ikonen und die beiden großen Ikonenwände in den Kirchen, auf denen in unglaublicher Farbenpracht die Geschichten der Bibel erzählt werden.

Nach der langen Zeit der Sowjetherrschaft werden heute in den Kirchen von Kishi wieder Gottesdienste abgehalten. Aber wie lange noch, denn diese Holzbauwerke sind anfälliger als Steinbauten und bedürfen ständiger Renovierung.

Durch das alte Russland nach Medweschjegorsk

Durch eine einzigartige Landschaft reisen wir auf relativ ordentlichen Straßen weiter nach Norden. Finnen und Norweger waren hier am Straßenbau aktiv. Der weite Himmel, endlos erscheinende einsame Wälder, dazu die unzähligen Flüsse, Seen, Sümpfe und Moore vermitteln ein Gefühl von Ursprünglichkeit, Stille, Weite. Ein, wie es scheint, unberührtes Land, in dem weit verstreut vereinzelte Dörfer und Holzkirchen stehen, in deren Nähe Frauen, Männer und Kinder geduldig hinter Blecheimern sitzen, gefüllt mit selbstgesammelten Beeren oder Pilzen, die sie zum Kauf anbieten. Hier findet man noch das ländliche „alte“ Russland mit den verschlafenen Holzhausdörfern und den russisch-orthodoxen Kirchen, die mit viel Fleiß wieder erstehen.

Verstärkt stoßen wir nun auf Spuren des sowjetischen GULag-Systems: so in der ehemaligen Lagerstadt Medweschjegorsk. Die Stadt wird bis heute von ihrer Vergangenheit geprägt. Ihre Hauptstraße trägt den Namen von Felix Dscherschinskij, dem Gründer der sowjetischen Geheimpolizei. Medweschjegorsk war ein Projekt von Stalin, gelegen am Belomorsko-Baltijskij Kanal, der das Weiße Meer und die Ostsee verbindet. Man sagt, er sei „auf Knochen“ gebaut worden. Der Weißmeerkanal ist ein trauriges Denkmal, dessen Errichtung 1931 bis 1933 eine Viertelmillion Strafgefangener das Leben kostete. Heute nutzen die Medweschjegorsker die Wände des Kanals, um ihre Teppiche zu trocknen.

Ein Frachter auf einem der karelischen Kanäle.
Ein Frachter auf einem der karelischen Kanäle.

In Sandarmoch, 15 Kilometer von Medweschjegorsk entfernt, wurden in den Jahren des „Großen Terrors“ 9.000 bis 12.000 Lagerhäftlinge ermordet: Russen, Karelen, Finnen, Ukrainer, Weißrussen, Juden, Deutsche und Polen. Jedes Jahr kommen Hunderte von Angehörigen hierher, suchen die Stätte auf, sprechen über ihre Erinnerungen, gedenken auch der Bauarbeiter des Weißmeerkanals, die in seinen Wassern ertrunken waren, weil die Bauleitung die Schleusen vorzeitig öffnete und nicht abwartete, bis die müden Arbeiter herausgeklettert waren.

Kem und die Solowezki-Inseln

Auf dem Weg nach Kem treffen wir auf jahrtausendealte Steinzeichnungen. Sie zeugen von der langen Siedlungs- und Kulturgeschichte dieser Region. Die kleine Stadt am Weißen Meer war in den 1930er-Jahren Sitz der Verwaltung des GULag-Straflagers auf den Solowezki-Inseln. Kein Hinweis darauf – ein alter Mann weist uns auf das Gebäude hin, in dem heute ein Möbelgeschäft untergebracht ist. Für zwei Tage kehren wir in einem einfachen Hotel ein, weil wir wieder eine Bootstour unternehmen wollen, eben auf die Solowezki. Dieser Archipel mit sechs Inseln liegt im Weißen Meer am Eingang der Onegabucht, nur 160 Kilometer vom Polarkreis entfernt. Je näher das Boot der Inselgruppe kommt, desto mehr hebt sich der Kreml gegen den Horizont ab. Das Burgkloster wurde im 15. Jahrhundert auf der Hauptinsel gegründet und war das wichtigste wirtschaftliche, politische, kulturelle und militärische Zentrum der Region.

Während der Zeit der Kirchenspaltung im Russland des 17. Jahrhunderts wurde das Kloster als Bastion Gottes eine Hochburg der Altgläubigen und spielte seit der Zeit von Zar Iwan dem Schrecklichen bis Peter den Großen immer eine strategische Rolle. Von da an diente es auch als Gefängnis, als eine Art orthodoxes Alcatraz. Aber wirklich berüchtigt wurde es unter den Sowjets, denn das Lager Solowki war Russlands erstes großes Häftlingslager, das Modell des sowjetischen Lagersystems. In diesen „Lagern der Sonderbestimmung“ wurden ab den 1920er Jahren Weißgardisten, sozialistische Oppositionelle, Intellektuelle und Geistliche eingesperrt. Als Alexander Solschenizyn den Begriff Archipel GULag prägte, dachte er an eben diese Inselgruppe. Zynismus oder praktische Überlegungen der neuen Herren Russlands, hier ein Lager zu errichten? Über Jahrzehnte gab es kein Haus, keine Kirche und kaum eine Hütte auf den Inseln, in denen nicht Gefangene eingepfercht gewesen wären. Wie alle GULag-Lager diente dieses der Unterdrückung politischer Gegner, der Ausbeutung durch Zwangsarbeit und der Internierung von Kriegsgefangenen. Das Lagersystem stellte ein wesentliches Element der stalinistischen Herrschaft dar. Die Zahl ihrer Toten übertrifft die der Gefallenen im Zweiten Weltkrieg. Während die Opfer des Krieges nicht vergessen werden, bleiben die im Schatten, die von ihrem eigenen Staat umgebracht wurden.

In Kem: Im Hintergrund links der ehemalige Sitz der Verwaltung des GULag-Straflagers auf den Solowezki-Inseln. Die Kirche daneben störte und wurde zerstört.
In Kem: Im Hintergrund links der ehemalige Sitz der Verwaltung des GULag-Straflagers auf den Solowezki-Inseln. Die Kirche daneben störte und wurde zerstört.

Am Bootsanleger steht noch das Gerüst des ehemaligen „Hotels“, in dem die angekommenen Häftlinge untergebracht wurden. Später abgebrannt, kann man heute nicht mehr nachvollziehen, wie es drinnen aussah. Aber nicht nur Feuer vernichteten die Spuren der Lagergeschichte. Denn als die Mönche hierher zurückkehrten, renovierten sie auch die Räume, die als große Lager gedient hatten. Einige Bauten aus der Lagerzeit stehen noch, aber es gibt keinen Hinweis über ihre Geschichte. Die erfahren wir aber in einer beeindruckenden Ausstellung im Kloster.

Heute leben auf den Inseln wieder Mönche nach strengen Klosterregeln. Aber die lange Zeit des Vergessens hat auch ihre Besonderheit. In faszinierender Ursprünglichkeit tritt uns hier die Natur entgegen. Wir nehmen uns Zeit für Ausflüge zu Fuß und sehen prähistorische Steinlabyrinthe, deren Herkunft und Sinn im Dunkel liegt. Still fahren wir mit dem Schiff zurück nach Kem. Es ist uns nicht besonders nach Reden. Und der Wodka nach dem Abendessen dient in ganz besonderer Weise der Verdauung.

Kola-Halbinsel und Murmansk

Nordwärts verlassen wir die Karelische Republik und fahren durch eine endlos erscheinende Tundralandschaft in das Murmansker Oblast ein. Kurz bevor wir die Kola-Halbinsel und die Stadt Kandalakscha erreichen, überqueren wir den nördlichen Polarkreis. Von Kandalakscha geht es nordwärts weiter über die Kola-Halbinsel durch die Tundra mit zahllosen kleinen und großen Seen. Auf Brücken überqueren wir einige ihrer Abflüsse. Schon vor dem Abzweig nach Apatity sind deutlich die Chibinen zu erkennen, ein Gebirge von der Höhe des Harzes, beliebtes Wintersportgebiet der Region. In der Bergbaustadt Kirowsk und bei Apatity wird Apatit für die Düngemittelproduktion abgebaut. Die Region Murmansk ist der größte Phosphatdünger-Hersteller der Welt. Das und der Schwermetallabbau hat dazu geführt, dass auf Kola nahezu alle ökologischen Zwischenstufen von intakter arktischer Tundra bis hin zu verseuchter postindustrieller Abraumlandschaft zu finden sind, mit teilweise extremer Luftverschmutzung.

Die Besiedlung dieser Gegend und die der Kola-Halbinsel war ein gewaltiger Kraftakt. Sie ging seit den 30er Jahren mit der industriellen Ausbeutung der Bodenschätze dieser Landschaft einher. Entsprechend deprimierend ist das, was wir sehen. Monchegorsk ist ein Zentrum der Nickel- und Kupfer-Produktion. Ein Großteil der Bevölkerung arbeitet in dem Werk, das die Umgebung der Stadt stark verschmutzt und das für sauren Regen verantwortlich ist. Die Folge ist eine Schneise gespenstisch zerstörter Natur. Andererseits sorgt das Werk aber auch für mehr Wohlstand in der Region. Sobald wir aus dem Bereich der Hauptwindrichtung heraus sind, ist es weniger staubbedeckt, stinkt es weniger. Wir fahren durch eine Landschaft, die bei uns den Eindruck hinterlässt, als sei die Eiszeit erst kürzlich zu Ende gegangen.

Über die Fernstraße M18, die E105, fahren wir weiter nach Murmansk, dem wichtigen russischen Hafen im Norden. Immer wieder interessant sind die kleinen Begegnungen mit den Menschen, die Rast in einem Café, wie es hier heißt. Und die Abenteuer des Reisealltags, Einkaufen für das Picknick unterwegs. МАГАЗИН oder auch ПРОДУКТЫ steht über den meist sehr unscheinbaren Läden. Wie sieht so ein russischer Laden aus? Was gibt es zu kaufen? Eigentlich fast alles, vor allem aber Wodka und Bier in jeder Menge und Qualität.

Wenn sich auf der Straße ein Heuhaufen bewegt, ist es meistens ein Uralgespann.
Wenn sich auf der Straße ein Heuhaufen bewegt, ist es meistens ein Uralgespann.

In Murmansk legen wir einen Ruhetag ein. Wir besuchen das Schifffahrtsmuseum, fahren durch das Stadtzentrum und entlang des Hafens zu „Aljoscha“, einer 36 Meter hohen Statue des „Unbekannten Soldaten“. Eigentlich hatten wir vor, einen kurzen Ausflug mit den Motorrädern in die Nachbarstadt Seweromorsk zu machen. Bekannt geworden ist Seweromorsk vor allem durch die Katastrophe des U-Bootes K-141 Kursk, bei der 118 Seeleute ums Leben kamen. Das ist der Karte nach auch theoretisch möglich. Die Realität lehrt uns aber etwas anderes. Die Stadt und die Zufahrt dazu sind nämlich militärisches Sperrgebiet. Also wird das nichts mit unserem Ausflug, denn auf stundenlange Diskussionen mit dem Geheimdienst habe ich keine Lust. Murmansk selbst kann von Ausländern problemlos besucht werden.

In der Zeit des „Kalten Krieges“ galt Murmansk als Hochburg militärischer Geheimnisse. In dieser Region wurde das gewaltige Atombombenpotential der gesamten Eismeerflotte gelagert. Die Gegend um Murmansk ist wohl das größte Atommülllager der Welt, denn hier lagert ein großer Teil der ausgebrannten Brennstäbe und Kernreaktoren stillgelegter Atom-U-Boote. So bleiben wir noch ein wenig länger bei „Aljoscha“ und sehen von dort aus auf die Buchten unter uns, in denen Teile der Nordmeerflotte und der russischen Eisbrecherflotte vor Anker liegen. Durch den Golfstrom, der bis hierher kommt, ist der Hafen auch im Winter eisfrei.

Petschenga und die Grenze nach Norwegen

Um nach Norden weiterzufahren, müssen wir erst ein ganzes Stück nach Süden fahren, ehe wir auf einer Brücke den Murmansk-Fjord überqueren. Auf der A138, der E105, geht es nach Nordosten. An einem riesigen Kreisverkehr stoppe ich. Das ist aber ungewöhnlich. Auf einem Verkehrsschild, sonst nur in Kyrillisch, ist auf Deutsch zu lesen „Gebirgsjägerdenkmal“. Ich wüsste kein Verkehrszeichen in Deutschland, auf dem etwas in russischer Sprache geschrieben steht. Da lohnt doch ein Abstecher.

Durch eine Ebene gelangen wir bei Petschenga zu einem Soldatenfriedhof, in dem viele der im Zweiten Weltkrieg an der Eismeerfront gefallenen deutschen und österreichischen Soldaten bestattet worden waren. Wir treffen auf ein Fernsehteam aus St. Petersburg, das wir zu diesem Ort befragen. Wir hören, dass am Ende des Krieges die Anlage eingeebnet und später als Lagerplatz der Marine genutzt wurde. Nichts erinnerte mehr an einen Friedhof. Doch dann begann man den Soldatenfriedhof zu sanieren. Heute befinden sich dort neben Grabstätten das angekündigte Gebirgsjägermahnmal, ein sowjetisches Kriegerdenkmal und ein Friedenspark. Im Gegenzug werden wir zu unserer Reise befragt und gefilmt.

Weiter geht es auf unserem Weg zur Grenze. Vorbei an großen Truppenübungsgeländen erreichen wir den Ort Nickel, in dem, wie der Name schon sagt, im großen Stil Nickel gefördert wird. Die Erze werden in einem Kombinat vor Ort verhüttet, was auch hier zu extremer Luftverschmutzung und zu einem großflächigen Waldsterben geführt hat. Eigentlich wollen wir nur schnell weiter, aber wir müssen doch zum Tanken in die Stadt fahren. Letzte Möglichkeit vor der Grenze, und es ist in jedem Fall deutlich günstiger als in Norwegen. Wir wirbeln mächtige Staubwolken auf, als wir durch die Stadt fahren und endlich die Tankstelle finden. Nun aber hurtig raus, dorthin, wo die Luft besser ist.

Nach geraumer Zeit erreichen wir den norwegisch-russischen Grenzübergang, wo Pässe und Visa genau kontrolliert werden. Eine weitere Kontrolle hatten wir schon 50 km vor Petschenga hinter uns bringen müssen. Es geht aber erstaunlich zügig, denn außer uns ist auch niemand da, der ausreisen will. Die längste Zeit brauchen wir, um den Grenzern unsere Motorräder zu erklären. Wenn das alles ist, sei’s drum.

Kirkenes und die Hurtigruten

Wieder in der EU: Kirkenes in Nord-Norwegen ist erreicht.
Wieder in der EU: Kirkenes in Nord-Norwegen ist erreicht.

Am Nachmittag erreichen wir das norwegische Kirkenes. Die Europastraße E105 endet hier und die E6 beginnt, die vielen von Reisen durch Norwegen geläufig ist. Wir checken im Hotel ein und stromern dann noch durch die Stadt. Am nächsten Morgen sind wir rechtzeitig am Hafen, denn um 10 Uhr legt die MS Richard With der Hurtigruten an. Im Nu sind unsere Motorräder verstaut und kurz nach Mittag werden dann auch schon die Leinen losgemacht. Mit der „schnellen Linie“ fahren wir auf diesem kombinierten Fracht-, Passagier- und Kreuzfahrtschiff um das Nordkap herum nach Tromsø, der größten Stadt im Norden des Landes. Spät kommen wir an, trotz allem noch ein letztes – teures – Bier. Dann gehen wir schlafen. Bei der Weiterfahrt am nächsten Morgen stoppen wir natürlich an der Eismeerkathedrale, der markantesten modernen Kirche Norwegens mit dem größten Glasmosaikfenster Europas. Schon beeindruckend. Aber irgendwie hatte ich sie mir doch größer vorgestellt.

Ein Schiff wird kommen … Die MS Richard With der Hurtigruten läuft in Kirkenes ein.
Ein Schiff wird kommen … Die MS Richard With der Hurtigruten läuft in Kirkenes ein.

Huskys, Erz und Weihnachtsmann: Narvik, Kiruna, Rovaniemi

Südwärts geht es Richtung Narvik. In Innset machen wir noch für eine Nacht Station auf der Hundeschlittenfarm von Björn Klauer und Regina Elpers. Gute Gelegenheit, mal wieder eine Weile zu wandern. Als wir zurück sind, bekommen wir eine Führung über die Huskyfarm und schauen zu, wie abends um 18.00 Uhr die Hunde gefüttert werden. Ein ziemliches Spektakel … Grillen ist angesagt und das ist auch nicht so schlecht, denn in der Nähe des Feuers sind die Begegnungen mit den Mücken einigermaßen erträglich. Aber dann ziehen wir uns doch lieber ins Gästehaus zurück und klönen noch recht lange. Mit der Nachtruhe ist das aber so eine Sache, draußen müssen immer wieder spannende Dinge passieren, denn immer wieder geben die Hunde Laut und es sind derer viele.

Nächste Station ist der Erzhafen Narvik. Ein Abstecher Richtung Lofoten und ein Stadtrundgang in Narvik geben wieder ganz neue Eindrücke. Vom Verschiffungshafen des Eisenerzes folgen wir der Erzbergbahnstrecke über die Berge ins schwedische Kiruna, wo wir das Erzbergwerk besuchen. Die Stadt entstand als Siedlung für den Eisenerzbergbau. Inzwischen ist der Untertagabbau so weit an das Stadtzentrum herangerückt, dass es in den nächsten Jahren um fünf Kilometer nach Osten verlegt werden muss. Das schwedische Bergbauunternehmen LKAB bietet Führungen durch die Mine an. Vor dem Touristenbüro von Kiruna steigen wir in einen Bus und fahren mit ihm auf 500 m unter die Erde. Das ist schon beeindruckend. Meiner Sitznachbarin gefällt die Fahrt aber nicht so sehr – durch die Jacke spüre ich ihre Fingernägel auf meiner Haut. Ich wäre ja lieber mit dem Motorrad hinuntergefahren. Aber das geht leider nicht. Ein Werksführer erklärt, wie man Eisenerz gewinnt und wie das Erz weiterverarbeitet wird.

Durch das nördliche Schweden fahren wir in südöstliche Richtung durch Wälder und Moorlandschaften weiter, bis wir den Tornionjoki erreichen, den wir bei Pello überqueren. Das ist gleichzeitig die Grenze zu Finnland. Unser heutiges Ziel ist Rovaniemi. Wenige Kilometer nördlich der Stadt befindet sich seit 1985 das Weihnachtsmanndorf, das wir uns nicht entgehen lassen wollen. Aber lange halten wir es dort doch nicht aus. Das ist zu viel an Weihnachten. In dieser Touristenattraktion können nicht nur Kinder ganzjährig den leibhaftigen Weihnachtsmann begrüßen. Angeschlossen ist ein „Weihnachtsmann-Postamt“, das Briefe von Kindern aus aller Welt an den Weihnachtsmann bearbeitet und beantwortet. Als weitere Attraktion dieses Santa Claus Village gilt der am Boden eingezeichnete Polarkreis. Was macht man nicht alles für die Touristen – der tatsächliche Polarkreis befindet sich aber ein Stück weiter nördlich des Weihnachtsmanndorfes. Rovaniemi selber ist eine neue Stadt, denn sie wurde bei den Kämpfen am Ende des Zweiten Weltkrieges nahezu völlig zerstört. Unter der Leitung von Alvar Aalto, dem bekannten finnischen Architekten und Designer, wurde Rovaniemi neu aufgebaut, wobei der Stadtgrundriss in Form eines Rentiergeweihes entstand. Seinen Bauten werden wir in Helsinki wieder begegnen.

Finnisch-Karelien: Ilomantsi und Uusi Valamo

Auf der 4 geht unsere Fahrt weiter zum Bottnischen Meerbusen bei Oulu. Dann queren wir Mittelfinnland wieder und gelangen in eine uns inzwischen vertraute Landschaft, nach Finnisch-Karelien. Auf dem Weg nach Ilomantsi stoppen wir am Kloster Uusi Valamo. Ursprünglich war das Kloster auf der Inselgruppe Walaam im Ladogasee beheimatet, von dem aus die Mönche im Winterkrieg 1940 mit ihren Schätzen evakuiert wurden. Sie flüchteten nach Westen und gründeten eben dieses Kloster, das einzige orthodoxe Mönchskloster Finnlands. Die prächtige Hauptkirche der Anlage ist das Zentrum der Orthodoxie. Im Gegensatz zum mehrheitlich protestantischen Finnland pflegt man die Religion in Karelien als eigene Tradition. Auf Brücken über Flüsse und Kanäle, vorbei an den typischen, abgelegenen Sommerhäusern, die nur spärliche Spuren menschlicher Besiedlung darstellen, und durch eine malerische Seenplatte, übersät mit unzähligen Inseln, gelangen wir in die Stadt Ilomantsi. Vor dem Beitritt Zyperns war hier, in Sichtweite Russlands, der östlichste Punkt der Europäischen Union. So ist es nicht überraschend, dass Ilomantsi auch als „Hauptstadt“ der orthodoxen finnischen Minderheit gilt.

Im Museumsdorf von Ilomantsi bewahrt man das Kalevala auf, die Sammlung uralter mündlich überlieferter Gesänge, die erst im 19. Jahrhundert niedergeschrieben wurden. Rund um die Kleinstadt sind noch die Spuren der Finnisch-Russischen Kriege sichtbar. Reste eines Panzers finden sich ebenso wie ein verrostetes Geschütz im Morast. Erst 1917 erlangte Finnland als Folge der Russischen Revolution die Unabhängigkeit und schlug mit Hilfe deutscher Truppen die kommunistischen Aktivitäten im Inland nieder. In mehreren Kriegen zwischen 1918 und 1945 kämpften Russland und Finnland erbittert um Karelien. Beim Friedensschluss wurden über 400.000 Menschen umgesiedelt. Die Stadt Ilomantsi wurde Grenzstadt. Das verlorengegangene Territorium haben wir bereist, es gehört heute zur russischen Republik Karelija.

Heimreise über Savonlinna und Helsinki

Während wir über die Via Karelia auf einer leicht hügeligen und kurvigen Strecke nach Süden schwingen, schweifen die Gedanken immer wieder auch auf die andere Seite der Grenze zurück. Wenn wir zurückdenken, könnte man meinen, Russisch-Karelien läge auf einem anderen Stern, so anders ist der Zustand der Häuser, so sehr viel schlechter sind die Straßen und so arm erscheint die Bevölkerung. Aber es war es wert, es gesehen zu haben, die Freundlichkeit der Menschen erlebt zu haben. Über die 6 gelangen wir nach Savonlinna, der Stadt der Opernfestspiele mit der Burg Olavinlinna, der besterhaltenen mittelalterlichen Festung Nordeuropas.

Der Traum von Zuhause: Wegweiser der Gebirgsjäger aus unsäglicher Zeit.
Der Traum von Zuhause: Wegweiser der Gebirgsjäger aus unsäglicher Zeit.

Auf dem Weg in die finnische Hauptstadt Helsinki machen wir noch in Lahti Station bei RUKKA. Hier ist die Zentrale der Firma, deren Name schon seit Jahrzehnten als Synonym für hochwertige textile Motorradbekleidung gilt. Gerne lassen wir uns bei einem Imbiss die Technologie der Motorradbekleidung erklären und die neuen Modelle zeigen, die jedes Jahr mit richtungsweisenden Innovationen für Aufsehen sorgen. Eine gute Stunde später erreichen wir über die 4 / E75 die finnische Hauptstadt Helsinki. Der Dom, die Felsenkirche und die Uspenski-Kathedrale, die bedeutendste orthodoxe Kirche Finnlands, sind schon interessant, aber zumindest für uns genauso lohnend ist die alte Fischmarkthalle und der Wochenmarkt am Hafen, der eine besondere Art von Gemütlichkeit ausstrahlt.

Dann wird es Zeit. Wir fahren hinüber zum Fährterminal, denn von Helsinki aus startet die Fähre zurück nach Travemünde. Während wir in die Nacht hineinfahren, gehen uns noch viele Gedanken und Erinnerungen an diese spannende Motorradtour durch den Kopf, an die vielen interessanten Menschen, die wir getroffen haben, an ihre Gastfreundschaft, an die wechselvolle Geschichte und an die vielschichtige Natur in einem Gebiet, das mir durch Klaus Bednarz und sein Buch „Kreuz des Nordens“ näher gerückt ist.

Route

  • Travemünde – Fähre nach Helsinki – Imatra – Wyborg – St. Petersburg
  • Ladogasee – Petrosawodsk – Kishi – Medweschjegorsk – Kem – Solowezki-Inseln
  • Kandalakscha – Murmansk – Petschenga – Nickel – Kirkenes
  • Hurtigruten nach Tromsø – Narvik – Kiruna – Rovaniemi – Oulu – Ilomantsi – Savonlinna – Helsinki – Fähre nach Travemünde

Text und Fotos: Jürgen „Juri“ Grieschat · Erstveröffentlichung im GS:MotorradMagazin, Ausgabe 03/2013. Alle Angaben ohne Gewähr.

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