Mitte September nach Rumänien – das verspricht insbesondere mit einem einheimischen, bestens informierten Führer eine entspannte Herbsttour zu werden. Wurde es aber dann doch nicht ganz, denn das Wetter zeigte sich von der regnerischen Seite. 1.800 spannende Kilometer vorwiegend durch Siebenbürgen zeigen das Land nicht nur aus der Perspektive der Europastraßen.

Dass ich Motorradtouren organisieren kann, brauche ich niemandem mehr zu beweisen: Fast ganz Europa habe ich schon „abgeradelt“. Doch dabei habe ich gelernt, dass es in manchen Gegenden ausgesprochen wertvoll ist, verständliche (!) Informationen aus erster Hand zu bekommen. Das ist der Grund, warum wir am ersten Tag in Rumänien Andi treffen. Der examinierte Jurist hat zusätzlich einen akademischen Abschluss in Europäischen Studien, ist ausgebildeter Reiseleiter und spricht sehr gut Deutsch – vor allem aber fährt Andi auch noch Motorrad, und zwar eine BMW R 1150 GS Adventure. Andi hat das Tourenfahren in Rumänien inzwischen zum Beruf gemacht: Er ist als Tourguide tätig. Dass wir dadurch viele Vorteile haben, zeigt sich bereits beim Kennenlernen in der Stadt Oradea während eines kleinen Rundgangs durch die Fußgängerzone. Andi schafft es mühelos, uns Einblick in das Leben, die Geschichte und Kultur Rumäniens zu vermitteln.
Von Oradea nach Cluj und Bistrița
Am folgenden Tag sammeln wir erst einmal Erfahrungen auf der Europastraße Nummer 60, die von Oradea ostwärts führt; sie ist recht gut ausgebaut und verläuft ohne großartige Krümmungen durch eine an Ungarn erinnernde, weitgehend ebene Landschaft. Nun gut, manchmal muss man einfach Distanzen überwinden … Schöner wird das Fahren, als wir die Ausläufer des Apuseni-Gebirges erreichen und die Straße deutlich kurviger und auch bergiger verläuft. Auf der weiteren Strecke nach Cluj-Napoca (Klausenburg) verliert sich der aufgekommene Fahrspaß dann aber doch wieder im Verkehr. Den Namenszusatz „Napoca“ erhielt Cluj, wie die Stadt umgangssprachlich heißt, von Diktator Ceaușescu im Jahr 1974.

Cluj ist mit über 325.000 Einwohnern Rumäniens zweitgrößte Stadt. Es waren deutsche Siedler, welche die Stadt im 13. Jahrhundert erbaut haben; das Land gehörte seinerzeit zum Königreich Ungarn, war also Teil der Habsburgischen Monarchie. Als Hauptstadt des Großfürstentums Siebenbürgen nahm Klausenburg im 18. und auch 19. Jahrhundert eine bedeutende Stellung ein. Dies erkennt man als Besucher an der Stadtstruktur: Rund um den Hauptplatz mit der St.-Michaels-Kirche sowie den Avram-Iancu-Platz weist Cluj zahlreiche repräsentative Gebäude auf, etwa den Babos-Palast oder das als Kunstmuseum dienende Bánffy-Palais von 1780. Andi kennt viele Hintergründe der Entwicklung von Siebenbürgens Hauptstadt und weiß sie interessant zu erzählen, auch wenn nicht alle Mitfahrer gleichermaßen Interesse zeigen – aber so ist das halt in Gruppen. Umgeben ist die Stadt übrigens von ausgedehnten Plattenbausiedlungen aus der kommunistischen Ära.
Nach der Besichtigung von Schloss Bánffy in Bontida, unweit von Cluj gelegen, schlagen wir uns – fahrtechnisch gesehen – „in die Büsche“. Andi wählt Nebenstraßen aus, sodass wir die von sehr starkem Verkehr gekennzeichnete Europastraße endlich vergessen können. Obwohl die Höhenunterschiede nicht gerade gewaltig sind, ist die Trassierung kurvig; erfreut bemerken wir, dass die vielen EU-Gelder für Rumäniens Straßenbau auch positive Auswirkungen haben – die von uns befahrene Strecke ist überwiegend in gutem Zustand. Die Gegend ist recht dicht besiedelt; Andi pflegt dennoch ein zügiges Grundtempo und hält sich nicht wirklich an die Innerorts-Tempolimits. Es scheint allerdings nicht so, als würde sich von den Bewohnern irgendjemand über unsere Tempo-80-Fahrt wundern oder gar aufregen. Polizeikontrollen auf Nebenstrecken sind offenbar ohnehin selten und werden zudem üblicherweise vom Gegenverkehr durch Betätigen der Lichthupe angezeigt.

Moldauklöster und Borgo-Pass
Unser Tagesziel heißt Bistrița, eine im 12. Jahrhundert ebenfalls von deutschen Siedlern gegründete Stadt (Bistritz) mit heute etwa 75.000 Einwohnern. Anderntags haben wir etwa 150 Kilometer Fahrtstrecke vor uns, bis unser Kulturprogramm beginnt – auf unserer „Speisekarte“ stehen die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählenden Moldauklöster. Acht Kirchen und Klöster erhielten 1993 das kulturelle Adelsprädikat. Doch bis dahin gilt es erst einmal, das ziemlich bescheidene Wetter mit gelegentlichem Regen zu verdauen. Auch die Lkw-Dichte ist auf der von uns genutzten Europastraße 58 nicht unbeträchtlich, aber auf den langen geraden Streckenabschnitten können wir sie problemlos überholen. Langsam gewöhnen wir uns auch an das von Andi gewählte Tempo während der Ortsdurchfahrten.
Etwa 30 Kilometer nach dem Start wird die Strecke kurviger, bald darauf steigt sie sogar recht steil an. Trotz der ausgesprochen schlechten Wetterprognose sind wir uns bei einem Stopp kurz vor dem rund 1.200 Meter hohen Borgo-Pass einig, dass das Wetter „gar nicht so schlecht“ ist. Schade ist freilich, dass die tief hängenden Wolken das vermutlich sehr eindrucksvolle Panorama fast zur Gänze verbergen. Die Temperatur ist allerdings in der Passregion grenzwertig: Auf mehr als 2,5 Grad will sich das Bordthermometer erst wieder aufraffen, als wir im Osten wieder deutlich tiefer kommen. Dort trocknet die Straße auch wieder ab und wir freuen uns des unbeschwerten Motorradfahrens.

Das erste der von uns angesteuerten Moldauklöster ist Kloster Voroneț, das vor allem wegen seiner sensationellen Fresken bekannt ist und oftmals als „Sixtinische Kapelle des Ostens“ bezeichnet wird. Hier erkennen wir, wie vorteilhaft es ist, Andi als Führer zu haben: Anstatt die Schönheit der Fresken lediglich zu bestaunen, können wir dank seiner Erläuterungen auch die Hintergründe der Darstellungen verstehen, sodass die Kunstwerke eine weitaus größere Wirkung entfalten. Ja, hier wird unsere Motorradtour zu einer Kul-Tour! Egal ob zum Baustil, zu den Fresken oder zu den theologischen Feinheiten im Inneren der Kirche – Andi gibt nicht nur erschöpfend Auskunft, sondern vermag eben auch die Zusammenhänge darzustellen. Eigentlich ein perfekter Tag … wenn das Wetter nicht wäre. Es beginnt, wie schon während eines Teils der Anfahrt nach Voroneț, wieder zu regnen.
Kloster Humor ist der nächste Programmpunkt, zum Glück nicht weit entfernt. Seine Kirche zählt zu den ältesten bemalten Gotteshäusern in der südlichen Bukowina, wie diese Landschaft heißt. Das Kloster ist ein rumänisch-orthodoxes Frauenkloster, seine Kirche ist reich geschmückt. Bemerkenswert ist der mächtige viereckige Turm, der schon 1641 errichtet worden ist. Einige der Fresken werden derzeit in mühevoller Arbeit restauriert – erstaunlich ist dennoch, wie gut 500 Jahre alter Putz auch heute noch ausschauen kann. Manch moderne Fassade schaut nach 50 Jahren schon schlechter aus als diese historischen Werke.
Der Besuch eines dritten Klosters fällt dem inzwischen richtig schlechten Wetter zum Opfer. Wir entschließen uns, die Rückfahrt nach Bistrița anzutreten. Unterwegs zeigt sich, wer wirklich gut ausgerüstet ist: Während Andi, ich und meine Frau Jutta nur durchgefroren in Bistrița ankommen – auf der Passhöhe messen wir diesmal 2 Grad –, hat unser Freund Volker auch noch ein nasses T-Shirt aufzuweisen: Seine Jacke ist im Frontbereich offenbar nicht dicht, und einen Regenkombi hat er ohnehin nicht dabei. Nun ja, shit happens.

Schäßburg, Viscri und Kronstadt
Der nächste Tag beginnt, wie der vorangegangene aufgehört hat – mit Regen. Doch er hält zum Glück nicht lange an, sodass wir schon bald wieder entspannt am Gasgriff drehen können. Die bis zum Städtchen Reghin – es macht seinem deutschen Namen Regen bei unserem Besuch keine Ehre! – befahrene Straße ist zwar auch als Europastraße kategorisiert, weist aber keine unangenehme Verkehrsdichte auf. Den ersten nennenswerten Stopp legen wir in Sighișoara (Schäßburg) ein; der Marktplatz wird von schön restaurierten, teils farbenfroh bemalten mittelalterlichen Häusern umgeben. Wir parken, Andi sei Dank, ganz zentral mitten am Platz und bewundern das großartige Ensemble.


Zu einer Bergkirche führt eine überdachte hölzerne Treppe hinauf; es sind gezählte 176 Stufen. Schäßburg zählt in unseren Augen zu Recht zum Weltkulturerbe der UNESCO. In dieselbe Kategorie gehört die Kirchenburg von Viscri (Deutsch-Weißkirch), die wir als Nächstes besuchen. Ein paar Kilometer der Anfahrtsstrecke sind nicht so berauschend, aber dennoch mit jeder Art Motorrad zu befahren. Auf unseren BMW-Boxern fehlt natürlich nichts, uns können ein paar Kilometer schlechte Wegstrecke nichts anhaben. Die Kirchenburg vermittelt eindrucksvoll, wie sich das Leben seit dem Mittelalter hier entwickelte. Freilich sieht auch der Ort selbst mit seiner zur Kirche hinaufführenden Kopfsteinpflasterstraße so aus, als hätte sich seit jenen dunklen Zeiten hier nicht viel verändert.
So wirklich ändert sich leider auch das Wetter nicht: Während der Fahrt zu unserem Tagesziel beginnt es erneut zu regnen, und so sind wir froh, als wir das Ortsschild Brașov passieren. Unser Zwischenziel ist eine Stadt durchaus respektabler Größe; mit 230.000 Einwohnern – Tendenz deutlich fallend – rangiert sie nicht weit hinter Cluj. Ihre Lage ist hübsch, ragen doch im Süden und Osten die Karpaten auf. Die Geschichte des einstigen Kronstadt, von Ritterbrüdern des Deutschen Ordens im frühen 13. Jahrhundert gegründet, weist eine Besonderheit auf: Sie trug im Zuge des Kults um den sowjetischen Diktator Stalin zehn Jahre, von 1951 bis 1961, den Namen Orașul Stalin, Stalinstadt. Grauenhafte Zeiten …
Schloss Bran und die Transfogarascher Hochstraße
… empfinden wir auch – allerdings in ganz anderem Zusammenhang – früh am nächsten Morgen: Irgendwo im Bereich unserer Pension kräht doch tatsächlich schon um 5.30 Uhr ein Hahn! Lautstark beginnt er sein Tagwerk. Motorradfahrer sind hier klar im Vorteil, des Gehörschutzes wegen. Dennoch starten wir zeitig, um Schloss Bran einen Besuch abzustatten. Es wird mit dem sagenhaften Grafen Dracula in Verbindung gebracht und lockt deshalb zahlreiche Besucher an. Sieht man mal vom Touristenhokuspokus ab, handelt es sich in der Tat um eine sehr schöne, den Besuch lohnende Burg.
Die sehr dunklen Wolken, welche die Karpatengipfel umhüllen, veranlassen uns zu einer Routenänderung. Zwar wollen wir nach wie vor die Transfogarascher Hochstraße befahren, die die Karpaten ein Stück östlich der Europastraße 81 überquert und bis in eine Höhe von rund 2.000 Metern führt, aber wir entscheiden uns zur Risikominimierung. Denn angesichts des andauernden Schlechtwetters ist es nicht ausgeschlossen, dass es auf dieser kleinen Bergstraße zu einer Sperrung kommt. Und wenn das der Fall wäre, würde dies für uns einen immensen Umweg zur Folge haben. So bleiben wir erst eine ganze Weile nördlich des Gebirgskammes, bis wir dann nach Süden ab- und auf die Transfogarascher Höhenstraße einbiegen.

Welch ein Fahrspaß! Die etwa 35 Kilometer lange Route braucht sich weiß Gott hinter keinem Alpenpass zu verstecken! Allerdings haben die Rumänen im oberen Bereich eine arge Schikane eingebaut: Es gibt beharrliche Längsfräsungen. Diese und die fast auf den Gefrierpunkt gesunkenen Temperaturen veranlassen uns zu einer kräftigen Temporeduzierung, und auch in den eigentlich sehr schönen Kurven im oberen Bereich vermeiden wir jedes Risiko. Jenseits des Gipfeltunnels erkennen wir, dass die Südrampe des Passes bestimmt nicht weniger Fahrspaß bereithält als die von uns eben bezwungene Nordrampe. Doch wir hatten uns ja entschlossen, diesen Trip nur als Abstecher zu machen, weshalb wir konsequenterweise umdrehen und uns eine Möglichkeit suchen, uns irgendwo aufzuwärmen. In einer an einem ruhigen See gelegenen Hütte serviert man uns eine heiße Suppe – herrlich! Durchs Fenster fällt der Blick auf verschneite Berghänge.

Hermannstadt und die Transalpina
Etwa 80 Kilometer nach unserem Umkehrpunkt ist Sibiu (Hermannstadt) erreicht, wo wir zweimal übernachten werden. Die Rückfahrt verläuft heute mal ausgesprochen zügig, weil wir ein ganzes Stück eine teils sogar vierspurige Europastraße nutzen. Das macht es möglich, dass wir uns heute mal um unsere Motorräder kümmern und kleine Defekte, wie kaputte Birnchen, beheben. Das regnerische Wetter bleibt uns treu. Wir reduzieren unser Tagesprogramm und starten erst ziemlich spät mit einem ausgiebigen Altstadtspaziergang. Die Altstadt zerfällt in zwei Teile, die Oberstadt und die Unterstadt. Die Zahl der noch genutzten mittelalterlichen Häuser ist beeindruckend groß; viele von ihnen sind mittlerweile renoviert, aber es bleibt ganz offensichtlich noch eine ganze Menge zu tun.
Auch hier glänzt Andi wieder mit seinen Geschichtskenntnissen und vermittelt uns eine Menge Informationen über das wechselvolle Schicksal dieser Stadt. Sie hat gut 150.000 Einwohner und wurde, wie so viele hier, von deutschen Siedlern gegründet, und zwar im 12. Jahrhundert. Anders als vielerorts, wo der deutsche Einfluss längst minimal ist, spielen die Nachkommen der Siebenbürger Sachsen in Hermannstadt noch eine große Rolle: Obwohl nur etwa 2.000 Einwohner zur deutschen Minderheit zählen, stellte ihre Partei zum Zeitpunkt der Reise die Mehrheit im Stadtrat von Sibiu. Zudem wurde das Stadtparlament seit dem Jahr 2000 von dem deutschstämmigen Klaus Johannis regiert. Vielleicht erklärt das, warum im Lauf der vergangenen Jahre dermaßen viele Direktinvestitionen aus dem deutschsprachigen Ausland nach Hermannstadt geflossen sind. Andi weiß natürlich auch, dass es in der Stadt eine wöchentlich erscheinende deutschsprachige Zeitung sowie drei deutschsprachige Verlage gibt.
Gegen Mittag reißen die Wolken auf und es hört auf zu regnen. Wir entschließen uns, doch noch auf Tour zu gehen, auch wenn wir die eigentlich wohl sehr lohnenswerte Transalpina, die mit 2.132 Metern höchste Straße des Landes, nicht mehr überqueren wollen. Aber ein paar Kurvenkilometer müssen doch noch sein. Wieder zeigt es sich, dass ein mit den Gegebenheiten vertrauter Guide das Vergnügen deutlich erhöhen kann: Während unsere Navigationsgeräte nach dem Abzweig auf eine Nebenstraße einhellig vermelden, dass die Straße hinter der Ortschaft Jina endet, weiß Andi – natürlich – weiter. Es gibt nämlich doch eine Verbindung zur Transalpina; die nagelneue Fahrbahn überwindet auf sechs Kilometern Strecke 500 Höhenmeter, sieben schöne Serpentinen wurden eingebaut. Drunten im Tal folgen wir der Transalpina in südlicher Richtung bis Tău Bistra, und wir wären ihr wohl noch weiter gefolgt, wenn … ja, wenn es nicht wieder angefangen hätte zu regnen. Aber was heißt regnen! Der Niederschlag entwickelt sich auf der Heimfahrt zu einem fulminanten Gewitter, es laufen an vielen Stellen kräftige Rinnsale über die Straße. Trotzdem finden wir Gefallen an der kurvenreichen Strecke und sind, einige Zeit später (bei Trockenheit) wieder in Sibiu angekommen, sehr zufrieden mit unserem Ausflug. Anstrengend war er, nicht zuletzt wegen der doch erneut niedrigen Temperaturen, freilich schon.
Wehrkirchen, Alba Iulia und die Hütte im Apuseni-Gebirge
Es wird Zeit, die Rückkehr zum Ausgangsort Oradea zu beginnen. Freilich nicht auf direktem Weg, denn Andi besitzt eine Hütte im Apuseni-Gebirge, das zu den westlichen Karpaten gehört. Die Fahrt dorthin ist nicht ohne, weder fahrerisch noch kulturell. Denn auch diesbezüglich ist an diesem Tag wieder allerhand geboten. Es fängt schon kurz hinter Hermannstadt an, wo wir in Axente Sever (Frauendorf) eine sehr schöne Wehrkirche erblicken. Ein wenig spät allerdings, um sie auf direktem Wege anzufahren. So verlassen wir die Hauptstraße – und erleben ziemlich drastisch, dass es in Rumänien schon noch sehr derbe Nebenstrecken gibt. Nach dem gestrigen Regen präsentieren sie sich als wahre Schlammlöcher.
Die Wehrkirche lohnt den Dreck zum Glück. Das in den ehemaligen Wehrgebäuden untergebrachte „Muzeul Cetate“ vermittelt einen guten Eindruck von der Entstehung der sächsischen Siedlungen und Kirchenburgen in Siebenbürgen. Wer hier mal länger bleiben will, findet vier rustikale Gästezimmer innerhalb der Burg; mit zehn Euro pro Person für die Übernachtung (plus fünf Euro fürs Frühstück) waren sie seinerzeit sehr preiswert. Nur ein Dutzend Kilometer später, in Mediaș (Mediasch), machen wir die nächste Pause, weil wir dort in der schön renovierten Innenstadt die spätgotische Marienkirche besichtigen wollen; sie ist von einem sogenannten Kirchenkastell aus Mauern und Türmen umschlossen und demzufolge ebenfalls eine Wehrkirche. Teile der ehemaligen Befestigung sind heute noch sichtbar.
Auf der Weiterfahrt nach Alba Iulia (Karlsburg) erleben wir mal wieder, wie unterschiedlich der Straßenausbau zwischen den Dörfern fortgeschritten ist. Mitten in der kleinen Ortschaft Boian wird aus der bis dahin geteerten DJ142B eine, allerdings auch mit der R 1200 RT noch ordentlich zu befahrende Schotterstraße. Drei Kilometer später, an der Verwaltungsgrenze zwischen Sibiu und Alba, fängt die Teerdecke wieder an.

Alba Iulia wurde schon von den Römern als „Castrum Apulum“ gegründet und hat seither eine sehr wechselvolle Geschichte hinter sich. Andi fährt mit uns direkt hinein in die Festungsanlage, wo wir die römisch-katholische Kathedrale und direkt daneben die Bischofskirche der rumänisch-orthodoxen Kirche besichtigen. Letztere wurde extra für die Krönung des in Sigmaringen geborenen Hohenzollern-Abkömmlings Ferdinand zum König des nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Großrumänien erbaut. Nach Andis Erklärungen haben wir uns einen kleinen Mittagssnack redlich verdient, bevor wir die letzten 120 Kilometer zu seiner Hütte in Angriff nehmen.
Diese liegt im Apuseni-Gebirge. Die Straßen, die uns dorthin führen, sind zwar schön kurvig und bieten einigen Fahrspaß, verlangen aber wegen sehr unterschiedlicher Qualität des Straßenbelags höchste Aufmerksamkeit vom Fahrer. Die letzten Kilometer zur Hütte überraschen uns gleich zweimal: erst durch sechs Kilometer mit nagelneuem Belag und dann durch knapp zweieinhalb Kilometer ziemlich üble Naturstraße. In der Hütte selbst verleben wir einen sehr schönen Abend, wobei alle beim Feuermachen, Wasserholen und der Zubereitung des Abendessens zusammenarbeiten. Nach Sonnenuntergang bewundern wir den wolkenlosen Himmel, der in der Einsamkeit und Dunkelheit der Berge ganz besonders reich an Sternen ist und uns einen schönen nächsten Tag verspricht.
Eishöhle und Rückkehr nach Oradea
Versprechen sind das Eine, das Halten derselben das Andere. Der Himmel ist am nächsten Morgen nämlich nicht klar, sondern bewölkt. Immerhin regnet es (noch) nicht. Wir nutzen die Zeit zu einer naturkundlichen Exkursion (zu Fuß!) und suchen eine Karstquelle auf, die sich einige hundert Meter von Andis Hütte entfernt befindet. Aber natürlich steigen wir lieber in den Sattel unserer BMWs und machen uns auf zur letzten Tagesetappe in Rumänien, zurück nach Oradea. Erst einmal fahren wir zur nächsten und sicherlich wichtigsten Natursehenswürdigkeit in der Gegend, der Eishöhle von Scărișoara. Entgegen einiger im Web zu findenden Beschreibungen führt heute eine sehr gut geteerte Straße von Gârda Seacă zu einem Parkplatz, von dem aus es nur noch ein paar hundert Meter bis zum Höhleneingang sind.
An diesem angekommen, führt eine ziemlich steile und in Teilen nicht sehr vertrauenerweckende Treppe fast 50 Meter hinunter in die Höhle. Auch die hier verlegten Stege, auf denen man über das Eis bis zur sogenannten „Biserica“ (Kirche) gelangt, sehen eher behelfsmäßig aus. Das ist aber verständlich, wenn man bedenkt, dass sich das Eis, ähnlich einem Gletscher, ständig in Bewegung befindet. Nach dem ziemlich beschwerlichen Weg zurück zur Oberfläche und einer kurzen Mittagspause am Parkplatz geht es dann richtig los gen Oradea.
Die DN75 Richtung Westen bringt uns nochmal auf über 1.200 Meter Höhe und mitten hinein in die Wolken … aus denen es wieder zu regnen beginnt. Die Sicht ist stark eingeschränkt und die nasse Fahrbahn verhindert, dass wir auf der sehr kurvigen Strecke so richtig Spaß haben. Der kommt aber auch später nach dem Erreichen der folgenden Europastraße 79 nicht auf. Die Strecke beweist mit ihren Bodenwellen und Schlaglöchern eindrucksvoll, dass nicht jede Fernstraße in Rumänien in gutem Zustand ist.
Fazit
In Oradea übernachten wir wieder im gleichen Hotel, in dem wir schon vor einer guten Woche genächtigt haben. 2.100 Kilometer haben wir hinter uns gebracht, ohne uns wirklich einmal gefährdet gefühlt zu haben. Vor uns liegen noch 1.300 Kilometer, die wir auf Landstraßen innerhalb von drei Tagen hinter uns bringen wollen. Hinter uns liegt hier in Oradea ein sehr eindrucksvolles Erlebnis in einer uns zuvor unbekannten Region, die wir schätzen gelernt haben.
Für uns ist Rumänien – und hiermit meinen wir den Schwerpunkt unserer Reise, nämlich Siebenbürgen – absolut eine Reise wert. GS-Fahrer sind dafür bestens ausgerüstet, aber selbst mit einer RT ist es eigentlich kein Problem, hier genussvoll unterwegs zu sein. Ganz klar gezeigt hat sich hier für uns, dass ein orts- (und sprachkundiger!) Führer eine gute Sache ist: Die sehr unterschiedlichen, teils schon schwierigen Straßenzustände lassen sich nämlich weder aus einer Karte noch aus dem Navigationsgerät herauslesen. Wenn der Guide, wie Andi, dann auch noch sehr gute Kenntnisse nicht nur von seinem Heimatland, sondern auch von dessen Geschichte hat, kommt natürlich weit mehr „rüber“ als im Rahmen einer selbst organisierten und alleine absolvierten Tour. Sorge um unsere persönliche Sicherheit hatten wir übrigens keine, wobei allzu große Vertrauensseligkeit sicherlich nicht hilfreich ist – aber das ist sie in den meisten anderen Ländern Europas ebenfalls nicht.
Route
- Oradea – Cluj-Napoca – Bontida – Bistrița
- Borgo-Pass – Kloster Voroneț – Kloster Humor – Reghin – Sighișoara – Viscri – Brașov – Schloss Bran
- Transfogarascher Hochstraße – Sibiu – Jina/Transalpina
- Axente Sever – Mediaș – Alba Iulia – Apuseni-Gebirge – Eishöhle Scărișoara – Oradea
Text und Fotos: Hartmut Obermann · Erstveröffentlichung im GS:MotorradMagazin, Ausgabe 12/2013. Alle Angaben ohne Gewähr.
