Mit seiner faszinierenden Vielfalt und sanften Schönheit ist der größte und bevölkerungsreichste Staat des Baltikums ein interessantes Motorradreiseland. Die unbekannte Mitte Europas ist gut erreichbar und beeindruckt auf vielerlei Weise.

Kiel, das Tor ins Baltikum
„Warum sollen wir denn nach Kiel?“, fragte Martin erstaunt, „was hat Kiel mit Litauen, dem Baltikum und Motorradreisen zu tun?“ „Ganz einfach“, entgegnete ich, „Kiel ist für mich das Tor ins Baltikum, für jede unserer Motorradreisen nach Litauen und weit darüber hinaus.“ Schon seit Jahren wähle ich fast immer diese entspannte Form der Anreise – mit der Fähre von Kiel nach Klaipėda/Memel. Statt auf dem Landweg durch Polen anzureisen, ist die knapp eintägige Seereise über die Ostsee der ideale Weg, die Reise nach Litauen, in die beiden anderen baltischen Staaten oder nach Russland zu starten.
Nun sind wir also im Kieler Hafen und warten zusammen mit anderen Motorradfahrern darauf, an Bord der „Optima Seaways“ fahren zu können. Dann geht es los. Wir rollen langsam über die Laderampe der Fähre in den Parkbereich, der uns zugewiesen wird. Die ersten Fahrer nehmen ihr Gepäck ab und wollen hektisch ihre Motorräder verzurren. Aber die Jungs von der Crew übernehmen das und sichern die Motorräder professionell und routiniert. Ich sehe mir das trotzdem an, besser ist’s. Ein kurzer Check, alles in Ordnung, Klasse gemacht. Das habe ich auch schon anders erlebt! Mit dem kleinen Gepäck geht’s gleich hoch an die Bar. Noch bevor wir auf unsere Kabinen gehen, gibt es das traditionelle „Stiefelbier“, das erste Bier nach der Ankunft, noch in voller Montur und eben noch in Motorradstiefeln. Runterkommen, entschleunigen, in Ruhe mit den Mitreisenden „klönen“, die Seefahrt genießen. Der Urlaub hat schon begonnen.
Klaipėda und das Kurische Haff
Nach gut 21 Stunden fahren wir mit der DFDS-Fähre durch eine schmale Passage in das Kurische Haff ein, eingerahmt von der Kurischen Nehrung auf der Westseite und den Hafenanlagen von Klaipėda/Memel im Osten. Kurze Zeit später machen wir fest und verlassen – dank Schengen – nach völlig problemloser Einreise den Fährhafen. Gut 15 Kilometer sind es ins Zentrum. Nach dem Einchecken im Hotel ziehen wir gleich wieder los. An den Abenden und vor allem an den Wochenenden im Sommer geht in Klaipėda die Post ab. Viele junge Leute sind in der Altstadt dieser alten Hansestadt unterwegs. Aus den Kneipen und den alten Speichern am Fluss Danė tönt Musik, es steppt der Bär. Ehe wir uns ins Getümmel stürzen, schaffen wir uns mit der leckeren litauischen Rote-Bete-Suppe Šaltibarščiai und mit Didžkukuliai, den mit Hackfleisch oder Quark gefüllten Kartoffelklößen, eine gute Grundlage. Auf den vollen Magen kommt im Laufe des Abends noch das eine oder andere Švyturys, das bekannteste Bier Litauens. Nach deutscher Brautradition wird dieses Bier seit 1784 in Klaipėda, dem alten Memel, hergestellt. Beliebt ist hier auch das Grogtrinken. Das müssen wir uns aber verkneifen, denn am nächsten Morgen wollen wir weiter, und außerdem gilt in Litauen die 0,4-Promille-Grenze. Das bringt uns rechtzeitig und noch ziemlich nüchtern ins Bett.
Unterwegs im Osten

Wir verlassen Klaipėda nach Südosten. Unser erstes Ziel ist Ventė, die Windenburger Ecke, eine Landzunge, die ins Kurische Haff ragt. Neben dem Leuchtturm aus Backstein gibt es eine ornithologische Station. Sie wurde 1929 eingerichtet, um den Vogelflug zu studieren. In großen Netzen werden Vögel gefangen, untersucht, beringt und anschließend wieder freigelassen. An den Wochenenden ist die Landzunge ein beliebtes Ziel für Brautpaare.
Über Šilutė verlassen wir das Nemunas-Delta und erreichen die Nemunas, die wir als Memel kennen. Ihr folgen wir flussaufwärts. Es ist wie eine Reise in eine vergangene Zeit. Gerade hier im Grenzbereich zum Königsberger Gebiet scheint sie stillzustehen: kaum Autoverkehr, gelegentlich ein Pferdewagen, Kinder baden in einem der kleinen Flüsse und immer wieder Störche. Dann der Abzweig nach Tilsit/Sowjetsk, und der Verkehr wird dichter. Auf dem Geesthügel, der sich parallel zum Flussverlauf hinzieht, ragt immer wieder ein Schloss oder eine Burg aus den Baumwipfeln heraus.
Kaunas, Trakai und Vilnius
Wir folgen der Straße in die alte Hansestadt Kaunas. Kirchen dominieren deutlich die Silhouette der Altstadt – und natürlich die vielen jungen Leute, die auch wochentags bis spät in die Nacht die Kneipen am Hauptplatz und in den Fußgängerzonen mit Leben erfüllen. Aber auch zwei Teufeleien hat Kaunas zu bieten. Da ist zum einen das Teufelsmuseum, in dem unzählige Teufelsdarstellungen mit überwiegend humoristischem Charakter zusammengetragen wurden, zum anderen aber ein wirklich teuflischer Ort, das IX. Fort. In dieser Anlage ermordeten Deutsche und ihre litauischen Helfer 80.000 Menschen, Juden aus dem Ghetto der Stadt, Deportierte aus anderen Ländern, auch aus Deutschland, und russische Kriegsgefangene. Eine Ausstellung informiert über das Leben und Sterben in dieser Festungsanlage.
Einige Kilometer östlich gelangen wir nach Trakai. Auf einer Insel im Galvė-See ist die einzige gotische Wasserburg in diesem Teil Europas. Ein interessanter Ort, hervorragend restauriert.

Eine kurze Fahrt, und wir erreichen Vilnius, die litauische Hauptstadt, die uns in ihrer Vielfalt beeindruckt. Die Altstadt, inzwischen Weltkulturerbe, ist ein Juwel und gilt als das schönste Barockensemble nördlich von Rom! Vilnius ist historisch und modern zugleich. Wir bummeln durch die verwinkelten Gassen, kehren in den Cafés ein. Aber am liebsten bin ich im „Montmartre von Vilnius“. Hier haben Künstler und Leute, die bewusst und satirisch gegen Zeitgeist und Konsumwahn agieren und leben, 1997 die „Unabhängige Republik Užupis“ ausgerufen. Sie haben sich eine eigene Verfassung gegeben. Darin steht zum Beispiel, dass jeder Einwohner das Recht hat, missverstanden zu werden und unglücklich zu sein – es aber nicht sein muss. Besucher können sich in der Galeriekneipe Užupio Kavinė gleich hinter der Užupio-Brücke, dem Sitz der „Regierungsbehörde“, ein Visum in den Pass stempeln lassen. Ihr Schutzpatron ist Frank Zappa, der allerdings nie in Vilnius war. Ein ganzes Stück entfernt von Užupis steht sein Denkmal, einsam auf einer kleinen Grünfläche vor einer Klinik, eine zierliche Büste auf einer Metallsäule.
Mitte Europas und Berg der Kreuze
Wir verlassen Vilnius nordwärts auf der A12. Nach einigen Kilometern stoppt uns die Polizei. Freundlich werden wir auf Englisch nach den Papieren gefragt. Doch dann geht es zu unserem Erstaunen auf Deutsch weiter: „Schöne Motorräder habt ihr. Ich fahre privat auch eine BMW. Passt auf und fahrt bitte nicht zu schnell. Zu eurem Ziel biegt ihr die nächste Möglichkeit nach links ab.“ Kurz danach sehen wir den Hinweis „Europos centras“ und erreichen das geografische Zentrum Europas. Einige Schritte weiter stehen wir auf einem alten Burghügel an einem Findling und lesen die folgenden Koordinaten: 25° 19′ östlicher Länge und 54° 54′ nördlicher Breite. Als Schnittpunkt der Achsen Nordkap–Kreta und Ural–Gibraltar befindet sich hier der Mittelpunkt Europas, 1989 vom Nationalen Geografischen Institut Frankreichs mit Computerhilfe vermessen und festgelegt. Unweit davon gibt es eine später errichtete gekrönte Säule. Mir gefällt der alte Stein aber besser.
Über Pisten fahren wir weiter. Während die Hauptstraßen gut geteert sind, haben die meisten Nebenstrecken „nur“ eine feste Erddecke. Gut so, denn das ist es doch, was wir suchen und weswegen wir auch mit einer GS unterwegs sind. Weiter nördlich stoppen wir in der Kleinstadt Molėtai auf einen Kaffee. Durch eine Seenlandschaft geht es weiter in den Kurort Anykščiai. Viele litauische Schriftsteller lebten und wirkten in dem Städtchen, das als „Weimar Litauens“ gilt. Ansätze von Kurven sind zu erkennen, ein welliges Auf und Ab lässt das Motorradfahren wieder mehr Spaß machen. Wir sind in der Hügellandschaft der „Litauischen Schweiz“ unterwegs. Mehrfach kreuzt die Straße kleine Flüsse und bringt uns über Panevėžys nach Šiauliai. Ein unscheinbarer Hinweis nördlich der Stadt: „Kryžių kalnas“. Fast verpassen wir den Abzweig zum „Berg der Kreuze“, unserem nächsten Ziel. Zahlreiche Sagen und Legenden ranken sich um diesen „Berg“, der trotz der Touristengruppen ein ganz besonderer Ort ist, voller Spiritualität.
Bei der Weiterfahrt nach Westen passieren wir eine eher unspektakuläre Landschaft. Weit ist sie, nur verstreute Siedlungsinseln, gelegentlich eine Kuh, eine Baumgruppe. Dabei kommen mir Zeilen eines Dichters über das Baltikum in den Sinn: von einem Himmel, so hoch, und Wäldern ohne Ende, von weißen Birken und grünem Moos.
Palanga und die Kurische Nehrung
An der Küste erreichen wir den beliebten Badeort Palanga. Aber einen Strandurlaub an der Ostsee wollen wir hier nicht machen, das örtliche Bernsteinmuseum reizt viel mehr. In einem pittoresken Schloss untergebracht, beherbergt es eine bemerkenswerte Sammlung von Bernsteininklusen. Von festem Harz eingeschlossen und konserviert, haben so Tiere und Pflanzen bis heute „überlebt“. Auf dem Weg nach Klaipėda passieren wir Nemirseta, eine Häusergruppe, die bis 1919 der nördlichste Ort des Deutschen Reiches war – Nimmersatt, „wo das Deutsche Reich ein Ende hat“.
Dann fahren wir durch Klaipėda zum kleinen Fährhafen, um mit der Fähre über das Kurische Haff auf die Kurische Nehrung überzusetzen. Diese 98 Kilometer lange und zwischen 380 Metern und 3,8 Kilometern breite Halbinsel trennt das Haff von der Ostsee. Der etwas größere Teil gehört zu Litauen, der übrige mit der „Kaliningrad Oblast“, dem Königsberger Gebiet, zu Russland. Über Jahrhunderte wurde an ihren Wäldern Raubbau betrieben. Die Abholzung hatte riesige Wanderdünen zur Folge, die immer wieder Ortschaften unter sich begruben. Die Große Düne bei Nidden ist eine der größten Europas. Seit dem Jahr 2000 ist die Halbinsel UNESCO-Weltnaturerbe und steht unter Naturschutz. An einer Mautstelle stoppen wir und entrichten eine Gebühr für die Einfahrgenehmigung.

Am Ende der Strecke erreichen wir das Fischer- und Künstlerdorf Nidden. Hier ließ sich 1930 der Schriftsteller Thomas Mann ein Sommerhaus bauen, in dem heute ein Museum untergebracht ist, Ziel vieler Bildungsreisender, insbesondere aus Deutschland. Von dort aus haben wir einen großartigen Blick auf das Kurische Haff. Auf diesem Brackwasser ist auch noch ein Kurenkahn unterwegs, an der Mastspitze ein Kurenwimpel, an dem Kenner den Besitzer des Segelbootes erkennen können. Hier könnten wir auch noch einen weiteren Tag verbringen, aber wir müssen zurück nach Klaipėda, nicht ohne unterwegs einige Zwischenstopps einzulegen. Ein letzter Rundgang über den Theaterplatz mit dem bekannten Brunnen, ein letztes typisches Abendessen, dann fahren wir zum Fährhafen weiter, denn um 22 Uhr beginnt für uns das Einschiffen nach Kiel. Aber schon bald werden wir wieder zurück sein. Ganz sicher. Doch zuvor wartet auf uns an Bord noch ein Stiefelbier.
Die Rückfahrt mit der „Victoria Seaways“ gibt uns Gelegenheit, von einem kleinen Abenteuer im Baltikum Abschied zu nehmen. Wir lassen die vergangene Zeit Revue passieren und sind uns einig, dass es ein Wiedersehen geben wird mit Litauen, seinen quirligen Städten, seinen mystischen Orten, seinen fast menschenleeren Landschaften und vielen anderen, einzigartigen Gebieten dieses aufregenden, abenteuerlichen Landes. Lettland und Estland sind noch zu entdecken. Wir müssen doch noch dem Ruf des Himmels, der Erde, der Wälder, der weißen Birken und des grünen Mooses folgen und den gastfreundlichen Menschen begegnen.

Reise-Infos
- Anreise: Fähre Kiel – Klaipėda, gut 21 Stunden, Rückfahrt ab Klaipėda mit Einschiffen um 22 Uhr.
- Unterkunft: Nahezu überall werden Privatunterkünfte angeboten, besonders in Küstennähe, dazu Hotels aller Kategorien und Campingplätze. Im Küstenbereich kann es in den Sommerferien zwischen Juni und Ende August schwierig werden.
- Tanken: Überall entlang der Strecke möglich. Engpässe kann es auf kleineren Nebenstraßen geben, vor allem nach 19 Uhr.
- Strom: Es gibt die bekannten zweipoligen „Euro-Steckdosen“. Bei Steckern mit Schutzkontakt gibt es Unterschiede zu Deutschland, ein Adapter ist in jedem Supermarkt erhältlich.
- Zeit: Es gilt osteuropäische Zeit (MEZ plus eine Stunde).
- Währung: Euro.
- Promille: In Litauen gilt die 0,4-Promille-Grenze.
Route
- Kiel – Klaipėda – Ventė – Šilutė – Nemunas – Kaunas – Trakai – Vilnius
- Europos centras – Molėtai – Anykščiai – Panevėžys – Šiauliai (Berg der Kreuze)
- Palanga – Nemirseta – Klaipėda – Kurische Nehrung (Nidden) – Klaipėda – Kiel
Text & Fotos: Jürgen „Juri“ Grieschat · Erstveröffentlichung im GS:MotorradMagazin, Ausgabe 03/2015. Alle Angaben ohne Gewähr.
