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Wasser hat keine Balken!

Auf der Deutschen Fährstraße von Kiel an die Oste: Nord-Ostsee-Kanal, Schwebefähren, Deiche, Mühlen und Deutschlands tiefste Landstelle.

Mit dem Motorrad im hohen Norden Deutschlands unterwegs: zwischen zwei Meeren, drei Kanälen und vielen Flüssen. Deiche, Schleusen, Tunnel und Brücken schützen dabei zuverlässig vor nassen Füßen. Die Deutsche Fährstraße führt von Kiel an der Ostsee bis an die Oste.

Frank Sachau mit seiner GS am Gieselaukanal.
Frank Sachau mit seiner GS am Gieselaukanal.

Kieler Sprotte

Kiel – ich bin ein Kind dieser Stadt. Und wer wie ich in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt das Licht der Welt erblickt, ist von Geburt an eine echte „Kieler Sprotte“. Die gleiche Bezeichnung tragen übrigens auch jene kleinen Ostseefische, die in speziellen Öfen über Buchenholz geräuchert ihre goldgelbe Farbe annehmen. Bei meiner Oma gleich um die Ecke gab es noch so eine uralte Räucherei, mit riesigem Schornstein und rauchgeschwärzten Wänden. Als kleiner Bengel holte ich mir immer ein paar Sprotten, noch warm riss ich ihnen den Kopf ab, drückte den Fischbauch leicht ein und zog mit dem Schwanz die Mittelgräte heraus, denn „Kopp un Steert sünt nix weert“. Schwuppdiwupp, zwei Bissen und die Leckerei wanderte in meinen Magen. Gleich hinter der Räucherei lagen die Werften, die sich einst über das gesamte Ostufer der Kieler Förde erstreckten. Wo Kräne in den Himmel ragten, stehen nun Bürotürme, wo Frachter repariert wurden, liegen nun Sportboote.

Ein lautes Klingeln reißt mich aus meinen Erinnerungen: Mit diesem unüberhörbaren Warnsignal faltet sich das filigrane Bauwerk der Dreifeldklappbrücke zusammen und gibt den Weg für einen Ausflugsdampfer frei. Ganz in der Nähe lag einst die Kaiserliche Werft, deren Einfahrt zu den mächtigen Docks von einer Schwebefähre überspannt wurde. Sie hatte eine nur geringe Halbwertzeit: Von dieser revolutionären Zwitterkonstruktion – halb Brücke, halb Fähre – blieb nichts erhalten. Schon bald rolle ich gemächlich am Hindenburgufer entlang in Richtung Nordostseekanal und genieße dabei den Blick über die weite Wasserfläche hinaus zu den Leuchttürmen, dem Laboer Ehrenmal und den weißen Segeln zahlreicher Jollen. Eine kühn geschwungene, moderne Brückenkonstruktion lässt mich hoch über die stark frequentierte Wasserstraße schweben, die auf 100 Kilometer Länge quer durch Schleswig-Holstein führt.

Bei Holtenau am Nordostseekanal.
Bei Holtenau am Nordostseekanal.

Der Kaiser und der Kanal

Pickelhauben, Marschmusik, zackige Kommandos – so muss es damals zugegangen sein, als Kaiser Wilhelm II. im Juni 1895 die künstliche Wasserstraße einweihte und sie dem Weltverkehr übergab. Zum Gedenken an seinen Großvater trug sie den Namen Kaiser-Wilhelm-Kanal. Aus dieser Zeit scheint auch das Pflaster zu stammen, über das ich bis an die Kaimauer in Holtenau rumpel. Am Sandsteinobelisken vor dem historischen Packhaus vorbei, nehmen die Adventure und ich Kurs auf Brunsbüttel und bummeln durch den Wald bei Knoop zur stillgelegten Schleuse Rathmannsdorf. Die 250 Seemeilen lange Skagerrakumrundung galt als zeitraubend und sehr gefährlich, so reifte seit dem Mittelalter der Plan, Schleswig-Holstein auf einer Wasserstraße zu durchqueren. In den Jahren 1777 bis 1784 arbeiteten bis zu 3000 Mann an der Verwirklichung dieses technischen Wunderwerks, auf dem Seeschiffe mit einem Ladegewicht von bis zu 300 Tonnen verkehren konnten. Die Ostsee wurde durch den Eiderkanal mit der Eider bei Rendsburg verbunden. Von dort ging es dann nach Tönning in die Nordsee. Bei Flaute wurde getreidelt, bei rauem Wind gesegelt.

Um in die Region des historischen Eiderkanals zu gelangen, setzte ich mit der Fähre Landwehr über. In Sehestedt muss ich noch die Vorbeifahrt einiger dicker Pötte abwarten, dann schipper ich auch schon wieder mit der nächsten Fähre über die Wasserstraße, auf der große Schiffe Vorfahrt haben, kleinere warten müssen. Passieren oder Überholen dürfen sie nur in Ausweichstellen, den sogenannten Weichen. Im nahen Rendsburg, dem einzigen Binnenhafen des Kanals, wird die B 77 im Tunnel unter dem Schifffahrtsweg hindurchgeführt. Viel schöner ist die Schwebefähre, die seit 1913 unter der historischen Eisenbahnbrücke hängt und unermüdlich ihren Dienst versieht. So viel Einsatzbereitschaft muss belohnt werden! Das betagte Vehikel könnte bald zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt werden.

Tiefer geht es nicht

Eider und Kanal laufen von nun an parallel zueinander und bilden dabei einen schmalen, aber befahrbaren Damm, bevor die Eider in Richtung Nordsee abzweigt. Viele Kilometer lasse ich den Bayernboxer geradeaus laufen, gefangen von der künstlichen Wasserstraße links und dem natürlichen Wasserlauf rechts, bis zur Schleuse am Gieselau-Kanal. Der wurde 1937 in Betrieb genommen und sollte damals eine Abkürzung zur Untereider bieten. Heute wird die nur 2,8 Kilometer lange Passage ausschließlich von Freizeitkapitänen genutzt. Ich schlage einen Haken durch eine menschenleere Gegend, wo sich Fuchs und Hase noch persönlich Gute Nacht sagen, nutze die Fähre Fischerhütte zum Sprung über den Kanal und erreiche wenig später das beschauliche Hanerau-Hademarschen, wo der berühmte schleswig-holsteinische Heimatdichter Theodor Storm im 19. Jahrhundert seinen Lebensabend verbrachte.

Nach Wacken geht’s noch mal runter

Auch wenn meine Rente noch ein paar Jahre entfernt ist, täte eine Pause gut – da kommt der Kiosk an der Grünentaler Hochbrücke gerade recht: Eine kleine Prise Fernweh keimt auf, als ich hoch über dem meistbefahrenen Kanal der Welt, mit einem Pott Kaffee in der Hand, Schiffe aus aller Herren Länder bestaune. Die Fähre Hohenhörn transportiert meine GS und mich ans südliche Ufer. Statt der Fährstraße weiter zu folgen, treibe ich die Maschine nach Wacken. Das unscheinbare, verschlafene Nest gerät alljährlich aus den Fugen, wenn hier im August ein Rockfestival von Weltformat unter dem Motto „Louder than Hell“ gefeiert wird. Gott sei Dank muss ich nicht bis in die Hölle reisen, um bei Neuendorf in den feuchten Niederungen der Wilster Marsch Deutschlands tiefste Landstelle mit 3,5 Metern unter dem Meeresniveau zu finden.

Ich bin wieder auf Kurs und erreiche Brunsbüttel, wo mächtige Schleusen den NOK zur Elbe hin abschotten. Achtern Diek, also hinterm Deich, brumme ich stromaufwärts nach Glückstadt, wo ich mich brav in die Warteschlange der Elbfähre Glückstadt–Wischhafen einreihe.

Im nassen Dreieck

Wenig später erreiche ich mit einem kräftigen Bumms Niedersachsen, oder besser gesagt das Land Kehdingen, im nassen Dreieck Hamburg – Bremen – Cuxhaven. Weil ich trockene Füße behalten möchte, bleibe ich schön am Baljer Außendeich, bis sich ein großes Loch im Erdwall auftut. Bei Neuhaus mündet die Oste in die Elbe, und weil die Oste ein sogenannter Tidenfluss ist, also von den Gezeiten beeinflusst wird, schützt ein Sperrwerk mit seinen mächtigen Toren die Region vor Überflutungen, wenn Hochwasser droht. Am Außendeich informiert das Natureum Niederelbe mit spannenden Ausstellungen über die hiesige Flora und Fauna. Um nicht als Dummerjan aufzufallen, ist es ratsam, das Wort Oste mit ganz langem „O“ auszusprechen! Nicht weit entfernt im Binnenland, auf dem Gipfel des Wingster Geestrückens, ragt der 29 Meter hohe Aussichtsturm Deutscher Olymp in den Himmel. Er ist nur an Wochenenden und Feiertagen geöffnet, bietet dann aber einen traumhaften Rundumblick über die wunderschöne und abwechslungsreiche Landschaft bis zu den Schiffen auf der Elbe.

Als ich bei Hemmoor auf der B 495 einen Katzensprung über die Oste wage, entdecke ich schon von Weitem das seit 100 Jahren spinnengleich über den Fluss ragende, filigrane Stahlskelett der Schwebefähre. Damals war sie der deutsche Prototyp von 20 weltweit errichteten Exemplaren, von denen nur noch acht erhalten sind. Seit 1975 ist sie ein technisches Baudenkmal und befördert ausschließlich Fußgänger. Ich bin auf der richtigen Seite, bleibe dem mäandernden Gewässer mit gebührendem Abstand treu und folge der vorbildlichen Ausschilderung durch das flache und feuchte Land.

Der ständig vorherrschende Wind war des Müllers bester Freund. Als hätten wir noch nicht genug Mühlen gesehen, stellt sich uns in Elm „Henriette“ in den Weg. Die aus dem 18. Jahrhundert stammende rüstige Dame hat sogar schon einen abenteuerlichen Umzug mitgemacht. Sie stand einst in Hamburg-Övelgönne und wurde vor über 100 Jahren mit Flößen über Elbe und Oste hierher transportiert. Die Sonne steht schon tief, eine kräftige Brise zaubert Wogen in die Getreidefelder, als mir kurz vor Bremervörde ein besonderes Schild am Chausseerand in die Augen sticht: Eine freundlich dreinschauende Windmühle winkt mir zu und wünscht „Gute Fahrt“. Die hatte ich, denn auf dem Weg von der Ostsee an die Oste hat mich die Deutsche Fährstraße sämtliche technischen Möglichkeiten erfahren lassen, mit meiner Adventure ein Gewässer zu überqueren. Danke!

Unterwegs im flachen Land an der Oste.
Unterwegs im flachen Land an der Oste.

Die Deutsche Fährstraße

Die im Mai 2004 als 150. Deutsche Ferienstraße eröffnete „Deutsche Fährstraße“ von Kiel nach Bremervörde führt am Nord-Ostsee-Kanal, an der Elbe und der Oste entlang. Auf der Tour werden Schleusen, Fähren, Brücken, Binnenhäfen und Mühlen angefahren. Die Benutzung der Kanalfähren ist kostenlos, weil es sich um eine künstliche Wasserstraße handelt. In Schleswig-Holstein ist die Ausschilderung spärlich, in Niedersachsen dagegen vorbildlich. Alle Strecken sind in gutem Zustand und bereiten selbst Anfängern keine Probleme. Für die 320 Kilometer lange Tour sollte man sich mindestens zwei Tage Zeit nehmen.

Route

  • Kiel – Holtenau – Nord-Ostsee-Kanal – Rathmannsdorf
  • Sehestedt – Rendsburg (Schwebefähre) – Gieselau-Kanal – Hanerau-Hademarschen
  • Grünentaler Hochbrücke – Wacken – Neuendorf (tiefste Landstelle) – Brunsbüttel
  • Glückstadt – Wischhafen – Neuhaus – Hemmoor (Schwebefähre) – Elm – Bremervörde

Text & Fotos: Frank Sachau · Erstveröffentlichung im GS:MotorradMagazin, Ausgabe 03/2015. Alle Angaben ohne Gewähr.

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