Tschechien liegt – geografisch gesehen – in Mitteleuropa. Dennoch ist das bei vielen immer noch nicht so angekommen. Umso mehr ein Grund, dieses Land und seine Hauptstadt Prag, die einst Hauptstadt des Deutschen Reiches war, mit dem Motorrad zu erkunden.

Treffpunkt Nepomuk
Mein Freund Jan hatte mich schon mehrfach nach Prag eingeladen, aber nie hatte es geklappt. Auf dem Rückweg von einem Motorradtreffen in Garmisch zurück nach Hamburg war das die Gelegenheit, um einen kleinen Umweg über die Stadt der Goldenen Dächer zu fahren.
„Gibt es denn keine Alternative für unser Treffen?“, rief ich ihn an, „Prag ist doch etwas aus der Richtung.“ „Dann lass uns bei Nepomuk treffen, dem Brückenheiligen!“, antwortete er. Das war wirklich eine der unpräzisesten Ortsangaben, die ich je bekommen hatte, denn jede Brücke in Tschechien, in Süddeutschland und in vielen anderen katholischen Regionen hat einen Nepomuk. Schnell ist mir aber klar geworden, dass Jan den Ort Nepomuk meint, dort, wo dieser Brückenheilige geboren wurde. Ein paar Wochen später treffen wir uns in Nepomuk, gut 100 Kilometer südöstlich von Prag. Jan, sein Freund Radovan und ich sitzen im Restaurant Schwejk des Hotels „U Zeleného stromu“ – „Zum grünen Baum“ bei mehr als einem guten tschechischen Bier zusammen. Zwar nicht „Nach dem Krieg um 6“, doch bis lange nach sechs.
Von beiden erhalte ich derart viele und gute Tipps, dass ich beschließe, kurze Zeit später wiederzukommen und von hier aus meine Rundfahrt zu starten. Der Ort Nepomuk bietet eine gute Ausgangsbasis, um Böhmen zu erkunden. Hier wurde Johannes von Nepomuk geboren, der als bischöflicher Generalvikar mit König Wenzel IV. in Streit geriet. Nepomuk wurde verhaftet, gefoltert und schließlich in der Moldau ertränkt. In der Legende – ein gutes Marketing würden wir heute dazu sagen – wurde aus einem kirchenpolitischen Konflikt mit dem König die Weigerung Nepomuks, das Beichtgeheimnis der Königin zu brechen, das der eifersüchtige Gatte wissen wollte. Schon bald setzte die Verehrung von Nepomuk als Märtyrer ein, die zu seiner Heiligsprechung führte. Und so finden sich auf oder neben Brücken in vielen Regionen Statuen dieses exemplarischen Heiligen.

An der Moldau: Budweis, Krumau und Tábor
Vom Ort Nepomuk fahren wir nach Süden an der Moldau entlang, für die Tschechen ein Fluss voller Emotionen. Selbst Hardrock-Fans dürfte die gleichnamige Musik von Bedřich – Friedrich – Smetana etwas sagen. Wir erreichen Budweis, bekannt für seine prachtvolle barocke Altstadt. Noch bekannter ist die Stadt aber für das Budweiser Bier, offiziell „Budvar“. Man sollte es jedoch nicht mit dem amerikanischen „Budweiser“ verwechseln. Zum großen Ärger der Tschechen hat sich die amerikanische Brauerei Anheuser-Busch die Namensrechte für „Budweis“ gesichert. Kenner wissen das süffige tschechische Original deutlich mehr zu schätzen als die dünne Variante von jenseits des großen Teiches.

Auf kurvenreicher Strecke schwingen wir uns weiter nach Südwesten und erreichen bei Český Krumlov/Krumau wieder die Moldau. Der Fluss umschließt die 1253 gegründete, heute UNESCO-geschützte Altstadt fast vollständig. Oberhalb erhebt sich ein Schloss mit einer wunderschönen Parkanlage, mit dem das einflussreiche böhmische Adelsgeschlecht der Rosenbergs seit dem 14. Jahrhundert eindrucksvoll seine Macht in Szene setzte. Schon Rainer Maria Rilke empfahl Reisenden, in dem malerisch gelegenen Städtchen einen Tag Aufenthalt zu nehmen. Wir bleiben keinen Tag, denn Jahr für Jahr begeistert die Stadt Millionen Touristen, und so ist es richtig voll. Aber für einen Kaffee am Markt nehmen wir uns allemal die Zeit. Danach fahren wir weiter, denn uns sind es hier einfach zu viele Menschen, und die kleinen tschechischen Landstraßen machen deutlich mehr Spaß.
Der sich anschließende Teil Südböhmens ist eine ruhige, fast vergessene Gegend, kaum industrialisiert. Zu Zeiten der Tschechoslowakei wurde die Schwerindustrie überwiegend im slowakischen Teil der Republik angesiedelt. So scheint hier vieles noch in einem Dornröschenschlaf zu liegen.
Entlang der Moldau fahren wir nun wieder nordwärts. Týn nad Vltavou/Moldautein hat einen eindrucksvollen Marktplatz und ein Schloss, das eine Moldavit-Sammlung beherbergt. Moldavite sind grüne, natürliche Gläser, die beim Einschlag eines großen Meteoriten im heutigen Bayern vor 15 Millionen Jahren entstanden. Die meisten Bruchstücke sind im Gebiet der heutigen Tschechischen Republik niedergegangen. Durch das Auf und Ab des südböhmischen Hügellandes erreichen wir Tábor. Die Stadt ist als Hochburg der Hussitenbewegung bekannt. Nach der Hinrichtung des Glaubensrevolutionärs Jan Hus im Jahre 1415 organisierten sich seine Anhänger und zogen zu einem Berg, auf dem die Burg Kotnov stand. Sie benannten ihre Stadt nach dem biblischen Berg Tabor und richteten eine Art Gottesstaat ein. Rigorose Moralvorschriften und das Verbot von Privateigentum waren Bestandteil dieser Bewegung. In der Folge kam es zu den 20 Jahre währenden verheerenden Hussitenkriegen zwischen Katholiken und den tschechischen Protestanten. Jan Hus wurde quasi zum tschechischen Nationalheiligen, seine Verbrennung förderte entscheidend das Nationalbewusstsein. Tábor wurde ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts ein wichtiges Zentrum der nationalen tschechischen Wiedergeburt.
Pilsen und das Bäderdreieck
Zurück in Nepomuk, fahren wir am nächsten Tag auf kleinen Straßen nach Pilsen. Diese Stadt ist Namensgeberin des Bieres der weltberühmten Pilsner Brauart, namentlich des Pilsner Urquell. Klar, dass auch hier ein Besuch der Brauerei ein absolutes Muss unseres selbstgewählten Pflichtprogramms ist. Mein Freund Jan hatte die Besichtigung schon organisiert. Es ist aber ausgesprochen ungerecht und traurig, eine Brauerei zu besichtigen und kein Bier trinken zu dürfen. Aber in Tschechien beträgt die Promillegrenze 0,0! Und dieser Wert wird bereits nach dem Genuss eines kleinen Bieres überschritten. Das gilt auch für den Restalkohol nach einem „feuchtfröhlichen“ Abend!
Wir lassen die Motorräder auf dem Parkplatz der Brauerei stehen und laufen noch eine Runde durch die viertgrößte Stadt Tschechiens, die um 1295 als Königsstadt gegründet wurde. Beeindruckend ist vor allem der Hauptmarkt, einer der größten Marktplätze Europas, und die Gebäude, die ihn säumen. Pilsen war später auch Kulturhauptstadt Europas, ein Besuch lohnt sich also doppelt.
Waldreich ist die Landschaft im Nordwesten, kurvenreich und – abgesehen von den ganz kleinen Straßen – auch gut zu befahren. Unweit der Grenze zu Deutschland liegt das Westböhmische Bäderdreieck, eine der bedeutendsten Regionen des Fremdenverkehrs in der Tschechischen Republik. Die bekanntesten Orte sind Mariánské Lázně/Marienbad, Františkovy Lázně/Franzensbad und Karlovy Vary/Karlsbad. Weit über 200 Quellen mit Heilwirkung entspringen unterirdischen Seen im Gebiet des Kaiserwalds und haben schon unsere Vorväter, Goethe eingeschlossen, zum Kuren hierhergeführt. Der verspielte Charme des Baustils der Jahrhundertwende ist wieder zum Leben erwacht, dazwischen immer wieder ein grauer Klotz aus sozialistischen Zeiten. Auf den Promenaden flanieren die Kurgäste mit ihren kitschigen Schnabeltassen, um ihre Trinkkuren abzuhalten.
Kurz vor Marienbad fahren wir auf kurvenreicher Strecke durch das hügelige Tepler Hochland. Dabei gelangen wir zum Prämonstratenserkloster Teplá/Tepl. Durch seine zentrale Lage in Westböhmen hatte es zu allen Zeiten wichtige religiöse, aber auch politische Schlüsselpositionen inne. Heute ist es wieder ein Ordenskloster mit angeschlossener Herberge.
Loket und Karlsbad
Weiter cruisen wir Richtung Karlsbad und stoppen bei der Burg Loket, genauer gesagt unterhalb von Burg Neudeck in Elbogen, tschechisch Hrad Loket, im Ort Loket, und legen unser Gepäck im Hotel Císař Ferdinand direkt am Stadttor hinter der Brücke ab. Dort werden wir die nächste Nacht verbringen. Die Burg oberhalb der Ortschaft ist das bedeutendste Denkmal der Region und gehört zu den gewaltigsten Anlagen in Mitteleuropa. Beim Anblick der Burg weist mich mein Freund Hans, eingefleischter James-Bond-Fan, darauf hin, dass sie im Film „Casino Royale“ mit Daniel Craig als „Burg Montenegro“ Kulisse war.

Karlsbad ist einer der berühmtesten und traditionsreichsten Kurorte der Welt. Die Heilwirkung des sogenannten Egerer Wassers war bereits im 12. Jahrhundert bekannt. Seit der Zeit wurden die heißen Karlsbader Quellen zunächst für Bäder, ab dem 16. Jahrhundert auch für Trinkkuren genutzt. Karlsbad besitzt insgesamt 13 Quellen. Aber auch ein anderes Heilmittel stammt aus Karlsbad und wird gerne als seine 14. Quelle bezeichnet: Becherovka, ein grünlich-gelber Kräuterbitterschnaps, der vom Unternehmen Jan Becher hergestellt wird. Auch hier lohnt der Besuch des Museums mit einer interessanten Führung, bei der wir viel über die Geschichte und die Herstellung dieses Kräuterlikörs erfahren.

Auch die Moser-Glasfabrik mit ihrem neu gestalteten Museum ist in jedem Fall einen Besuch wert. Frau Zvonarova führt und gewährt uns tiefe Einblicke in den Herstellungsprozess dieser hochwertigen Gläser. Traditionell wurde in dieser Region Glas hergestellt. Aber in Zeiten von Massenproduktion und Globalisierung sind viele Betriebe in Konkurs gegangen, und nur die mit einem speziellen und handwerklich hochwertigen Angebot, wie wir es bei Moser sehen, haben überlebt.
Geschichtlich Interessierte werden sich daran erinnern, dass Karlsbad 1819 durch eine Konferenz traurige Berühmtheit erhielt. In den Karlsbader Beschlüssen setzte der österreichische Kanzler Fürst Metternich in allen Staaten des Deutschen Bundes eine strenge Pressezensur und weitere Maßnahmen durch, um die sich seit den Befreiungskriegen regenden Demokratiebestrebungen einzudämmen.
Prag, Melnik und die Böhmische Schweiz
Natürlich machen wir noch einen Abstecher in die tschechische Hauptstadt Prag, denn Jan hatte für den Abend auf ein Bier eingeladen. Aber wir fahren schon am nächsten Vormittag weiter. Prag allein ist eine Reise wert! Wir müssen unbedingt mit etwas mehr Zeit wiederkommen.
Östlich von Prag liegt die alte Silberbergwerksstadt Kutná Hora mit der Barbarakirche, die eine der bedeutendsten gotischen Kathedralen in Mitteleuropa ist, ein gewaltiger Bau, der eigentlich viel größer hätte werden sollen. Aber dann gingen das Silber und damit das Geld aus. 60 Kilometer östlich von Prag gelangen wir nach Kolín, dessen historisches Stadtzentrum 1989 zum städtischen Denkmalreservat erklärt wurde. Dazu gehören der zentrale Karlsplatz, das jüdische Ghetto mit der Synagoge aus dem Jahre 1642 und der jüdische Friedhof, der bis 1888 genutzt wurde. Er ist mit 2.600 Gräbern der zweitgrößte und zweitälteste jüdische Friedhof in Böhmen. Unweit der Stadt fand auch während des Siebenjährigen Krieges im Juni 1757 eine Schlacht statt, in der zur Abwechslung die Österreicher die Preußen unter Friedrich dem Großen schlugen.
Wir folgen der Elbe flussabwärts und treffen bei Mělník auf die Moldau. Es ist nicht immer ganz einfach, dem Flusslauf zu folgen, denn verschiedene Straßen enden im Nirgendwo. Immer wieder neue Kreisverkehre – vielleicht hätte ich doch noch mein Navi updaten sollen. Bei Mělník fließen Moldau und Elbe zusammen, genau gegenüber einem großen klösterlichen Weinberg. Der Ausblick ist großartig. Theoretisch könnten wir auf der Terrasse auch einen Wein aus der Produktion genießen. Aber leider nur theoretisch, denn die Promillegrenze in Tschechien ist – wie bereits erwähnt – 0,0!
Flach ist es nun für eine Weile, der Straßenverlauf nicht besonders aufregend. Eher historisch interessant. Wichtige Orte tschechischer Geschichte folgen rasch aufeinander: der sagenumwobene Berg Říp, früher ein katholischer Wallfahrtsort und heute eine national-tschechische Gedenkstätte; das bedeutende Kloster Doksany und das ehemalige Konzentrationslager Theresienstadt. Eine Runde durch die alte Festung und die benachbarte ehemalige Garnisonsstadt, die lange auch als jüdisches Ghetto dienen musste, stimmt nachdenklich. In der Ferne sehen wir die Chemiestadt Lovosice/Lobositz mit ihren zahlreichen „Chemiebuden“. Vielleicht zu Unrecht fahren wir dort nicht hin, aber das, was wir riechen können, reicht uns. Bei Litoměřice/Leitmeritz queren wir die Elbe und nehmen die Gelegenheit wahr, an dem wunderschönen Marktplatz mal wieder eine Kaffeepause einzulegen.
Auf der weniger befahrenen rechten Elbseite erreichen wir das Böhmische Mittelgebirge und gelangen auf nunmehr deutlich kurvenreicherer Straße in das canyonartige Durchbruchstal der Elbe. Wir kommen zur „Porta Bohemica“, der „Böhmischen Pforte“, passieren Ústí nad Labem/Aussig und Děčín/Tetschen, bis wir in eine der bemerkenswertesten Landschaften Europas gelangen, das Elbsandsteingebirge, hier „Böhmische Schweiz“ genannt. Durch Vulkangestein entstand hier eine Fülle von merkwürdigen Felsformationen. Auf kleinen, sehr kurvenreichen Straßen geht es um die mit dichtem Wald bedeckten Felsen herum. Hier kommen wir wirklich auf unsere Kosten und können uns mal wieder austoben. Das Gebiet ist für europäische Verhältnisse eher spärlich besiedelt. Doch dann erreichen wir Hřensko/Schmilka und erleben einen Stau, verursacht durch Einkaufstourismus. Nur weg hier! Ein paar hundert Meter weiter überqueren wir schon die Grenze nach Deutschland, völlig problemlos. Dank Schengen gibt es hier seit langem keine Staus mehr am Schlagbaum.
Unterkünfte der Reise
- Nepomuk (Südböhmen) – Hotel U Zeleného stromu
- Loket (Elbogen) – Hotel Císař Ferdinand
Route
- Nepomuk – Budweis – Český Krumlov – Týn nad Vltavou – Tábor – Nepomuk
- Pilsen – Tepl – Marienbad – Loket – Karlsbad
- Prag – Kutná Hora – Kolín – Mělník – Říp – Theresienstadt – Litoměřice
- Böhmisches Mittelgebirge – Děčín – Böhmische Schweiz – Hřensko/Schmilka
Text & Fotos: Jürgen „Juri“ Grieschat · Erstveröffentlichung im GS:MotorradMagazin, Ausgabe 12/2014. Alle Angaben ohne Gewähr.
