Wer Atlantikroad hört, hat sofort eine Vorstellung von Wasser und Straße. Die Norweger nennen die Route ganz im Westen ihres Landes Atlanterhavsveien: ein Unikat, das quer durch den Atlantik mit spektakulär geformten Brücken von Insel zu Insel springt. Dieses Bauwerk war der Wendepunkt einer Fjordtour von Garching bei München bis nach Lom und zurück.

Nur 850 Kilometer bis zur Fähre
Doch fangen wir ganz von vorne an. 2014 stand mal wieder Norwegen auf der Liste meiner Tourenplanungen. Dank der langjährigen Erfahrungen standen die Tagesetappen schnell fest. Diesmal sollte es von Garching bei München aus nach Kiel zur Fähre gehen, wie immer möglichst ohne Autobahn. Das bedeutete erst einmal zwei stramme Fahrtage durch unser schönes Heimatland: Garching – Ingolstadt – Nürnberg – Coburg – Erfurt – Halberstadt – Wolfsburg – Lüneburg – Lübeck – Kiel. Dabei habe ich mir wieder jede Menge Ideen für neue Tourenziele geholt. Entspanntes, aber zügiges Reisen war angesagt, und da kam es mir sehr gelegen, dass ich als Guide-Bike und zum ausführlichen Testen eine brandneue GS 1200 Adventure mit Vollausstattung zur Verfügung hatte. Einfach souverän, wie die jedes Geläuf unter ihre Gummis nimmt, wirklich beeindruckend.
Pünktlich an der Fähre angekommen, erlebte ich mit meiner Reisegruppe ein Novum. Statt wie üblich die Motorräder zuerst zu verladen, zogen es die „Lademeister“ vor, uns bei fast 30 Grad im eigenen Saft schmoren zu lassen. Nie werde ich die sehnsüchtigen Blicke meiner Mitreisenden vergessen, die sie in Richtung Sonnendeck warfen, auf dem sich mittlerweile die Autofahrer ihre ersten Etappen-Biere zu Gemüte führten. 15 Minuten vor Abfahrt waren auch wir endlich an der Reihe. Kaum hatten wir das kleine Bordgepäck von den Moppeds geschnallt und diese verzurrt, machte sich die Übernachtfähre schon auf den Weg nach Göteborg.
Schären, so weit das Auge reicht
Der erste Tag auf skandinavischem Boden sollte uns durch die schwedische und norwegische Schärenlandschaft führen. Etwa 320 Kilometer nördlich lag das Tagesziel Oslo. Sensationell sind immer wieder die Ausblicke, die sich einem in dieser typischen und einmaligen Landschaft bieten. Und einmalig auch immer wieder die Erlebnisse entlang der Straße. In der Vorsaison sucht man schon einmal etwas länger nach einem Café, das bereits geöffnet hat. Auf dieser Suche verschlug es uns zu einem kleinen Zeltplatz irgendwo entlang der Strecke. Der hatte zwar noch „Winterpause“, aber da seine Eigentümer gerade beim Saubermachen waren und selbst Lust auf einen Kaffee hatten, gab es eine Runde schwarzen Muntermacher inklusive Tratschrunde für alle. Zu unserer Truppe gesellte sich noch ein deutscher Pilger, der den Sankt Olavsleden ging, eine Art norwegisch-schwedischer Jakobsweg. Auf diesem war er schon drei Wochen unterwegs und hatte dementsprechend Rede- und Duschbedarf. Gut, dass wir weiter mussten. Etwa eine Stunde später als geplant kamen wir am Abend in Oslo an. So waren wir gezwungen, anstelle der ersten norwegischen Köstlichkeiten kurzerhand auf Thaiküche auszuweichen; es war trotzdem (oder gerade deshalb) ausgezeichnet.
Kirchen ganz aus Holz
Nachdem wir in Oslo von den Bikes aus noch ein kurzes Sightseeing gemacht hatten, ging es in Richtung Telemark. Etwa eine Stunde Fahrzeit hinter Oslo wartet der sonst eher unscheinbare Ort Drammen mit einer Kuriosität auf: einem Spiraltunnel. Dieser führt auf einer Länge von 1.650 Metern von 50 auf 213 Meter in die Höhe. Mit dem weltweit größten Drehwinkel war er zwar nie zur Behebung von Verkehrsproblemen gedacht, doch stellt er eine touristische Attraktion dar. Er wurde in den 1950er Jahren zwecks geländeschonender Gewinnung von Baumaterial in den Berg getrieben.
Circa 80 Kilometer oder anderthalb Stunden später erreichen wir zur Mittagszeit die größte Stabkirche Norwegens in Heddal. Bei unserer Ankunft wurde die Kirche von einer Horde rocktragender Männer umringt. Die Lösung des Rätsels war eine norwegisch-schottische Hochzeit, von der wir leider keine Fotos machen durften, aber es war ein echter Hingucker. Aber auch ohne dieses Spektakel ist die Stabkirche ein lohnendes Ziel. Weiter führte uns unser Weg durch die Telemark zu unserem Nachtquartier in der Kunsthochschule von Rauland. Hier kann man je nach Jahreszeit gut und günstig übernachten und die wirklich empfehlenswerte Kantinenkost genießen.

Der erste Schnee
Am Tag 5 standen fast 290 Kilometer auf dem Plan, was in norwegischer Zeitrechnung ungefähr 6,5 Stunden auf den Moppeds bedeutet hätte. Dazu die Fährpassagen – es sollte also ein langer Tag werden, und er wurde noch länger als gedacht. Nach einem ausgiebigen, sehr guten Frühstück in der Akademie dirigierte ich die Truppe erst einmal weiter Richtung Westen. Hinauf nach Haukeli, in den ersten Schnee auf dieser Tour. Um einen Tunnel zu umgehen, wollte ich die Gruppe auf der alten Straße 134 über einen wunderschönen kleinen Pass führen. Leider erachten ihn die Norweger selbst mittlerweile für so nebensächlich, dass er keinerlei Beschilderung mehr verdient. Da wir nun schon tagelang in schönstem Wetter unterwegs waren, ging ich das Risiko ein, ihn zu überqueren – und prompt war er wegen massiver Schneeverwehungen nicht passierbar. Mittsommer ist einfach zu früh für solche Experimente. Aber es gab tolle Bilder und wundervolle Augenblicke im ersten Schnee des Jahres.

Als die Bikes auf der schmalen Straße alle gewendet waren, begannen wir unsere Abfahrt zurück in Richtung Tunnel. Nachdem wir ihn passiert hatten, führte uns die E 134 über ein sehr reizvolles Hochplateau bis nach Skare. Hier beginnt das Tal der Busse in Richtung Odda. Ein Muss, denn es führt vorbei am weltberühmten Låtefossen, einem sehr auffallenden Wasserfall, den die Straße mit einer Brücke und der Biker mit einer dementsprechenden Dusche quert. Schilderverwirrung pur dann an der nächsten Fähre. Erst unser hartnäckiges Nachfragen bei einem einheimischen Handwerker führte uns auf die richtige Fähre Richtung Bergen.

In Bergen kamen wir abends so spät an, dass die Fischer ihre Verköstigungsstände am Hafen schon schließen wollten. Wir konnten gerade noch die Gelegenheit nutzen und uns an den fangfrischen Spezialitäten laben. Keiner von uns wollte den hier angebotenen Wal probieren. Ob diese Tiere jemals ihre Ruhe bekommen? Nachdem wir unseren Hunger gestillt hatten, fanden wir noch genug Muße, uns die berühmten bunten Häuser anzusehen und den Hansecharme dieses ehemaligen Kontors in uns aufzunehmen.
Dunkel wird’s um Sankthans nur im Tunnel
Tunnel, Tunnel und nochmals Tunnel. Der Tag begann unterirdisch: Etwa anderthalb Stunden rasten wir mit den hier erlaubten 70 km/h aus Bergen heraus, von Erdloch zu Erdloch. Jetzt weiß ich, warum hier Lichtpflicht für alle besteht. Natur pur und endlos viele Fossen, so nennen sie hier ihre Wasserfälle, begleiteten unseren Weg nach Skei. Dieser Ort liegt an einem großartigen See inmitten von Nichts. Dennoch gibt es hier eines der größten Hotels in Norwegen, denn als Zwischenziel und Ausgangspunkt für alle möglichen Touren liegt das Dorf einfach genial. Mit gefühlten 1000 Japanern schlemmten wir uns durch das nicht ganz billige, aber erlebenswerte Abendmenü. Elch, Rentier und mehr ließen unsere Gaumen jubilieren und uns Kraft tanken für den nächsten Tag. Anschließend gab es noch ein Bad, wahlweise im kalten See oder im völlig überheizten Pool.


Geiranger, Heimstätte aller Trollgeschichten
Es ist immer einer meiner Lieblingstage auf dieser Tour: der Tag, an dem es mit der Fähre von Hellesylt nach Geiranger geht. Bevor wir aber nach Hellesylt kamen, hatten uns die Eiszeiten noch ein paar Hindernisse in den Weg gelegt, und so wurden aus 60 Kilometern Luftlinie schlanke 160 Kilometer Fahrstrecke. Und zwar hoch auf den Berg, hinunter zum Fjord, dann wieder hoch auf den Berg und hinunter zum Fjord. Dieses Spiel ging so bis zum Mittag, dann durften wir endlich auf die Fähre. Leider war der Geirangerfjord an diesem Tag ein wenig nebelverhangen, aber das tat unserer Stimmung keinen Abbruch. Dieser sagenumwobene Fjord ist einfach immer wundervoll. In Geiranger, der Endstation, lagen die schwimmenden Hotelburgen reihenweise vor Anker. Hier wirkten diese Riesenpötte wie Spielzeugschiffchen in der Badewanne.

Mit einigen Touristenbussen teilten wir uns den einzigen das ganze Jahr befahrbaren Pass nach Eidsdal. Eine weitere, diesmal sehr kleine Fähre brachte uns von da aus zu einem weiteren Highlight des Tages, dem Trollstigen. Leider verhüllte dieser sein Antlitz völlig im Nebel, und bei Sichtweiten unter 30 Metern ist er eher anstrengend als aufsehenerregend. Abends im Quartier in Åndalsnes beschlossen wir deshalb, ihn auf der Rückreise noch einmal in Angriff zu nehmen.
Drunken Bridge
Am nächsten Morgen hatte sich das Wetter wieder verbessert, und nach zwei Stunden Fahrt war er dann erreicht, der Atlanterhavsveien, Wendepunkt unserer diesjährigen Tour. Einmalig, was sich die Ingenieure hier ausgedacht haben. Bei der Form der Straßen und Brücken, die von Insel zu Insel springen, wundert es mich nicht, dass sie Spitznamen tragen wie „Drunken Bridge“. Als wir auf einem der Rastplätze mitten im Atlantik standen, beschäftigte uns der Gedanke, wie es sich hier wohl in einem Sturm fahren ließe. Und wir waren allen nordischen Göttern und Trollen dankbar, dass wir an diesem Tag passables Wetter hatten. Danach galt es, sich auf den Rückweg Richtung Åndalsnes zu machen, denn hier hatten wir noch eine Verabredung mit dem besten und wahrscheinlich einzigen italienischen Koch der Stadt.

Dalsnibba, der Königinnenstuhl
Åndalsnes – Lom via Trollstigen, so lautete der Tagesplan, den wir vor zwei Tagen bei der beschlossenen Routenänderung gefasst hatten. Unser zweiter Angriff auf den Trollstigen stand bevor. Zwar ist er nicht gerade für sein schönes Wetter bekannt, aber im dichten Nebel macht er halt so gar keinen Spaß. Diesmal hatten wir mehr Glück. Er war natürlich nass, aber das erwartet man von Norwegen ja eigentlich auch nicht anders. Glücklicherweise konnte man den Pass in voller Länge einsehen. Das war für uns sehr hilfreich. Wir haben uns dann unten auf einem Parkplatz so lange in Lauerstellung gelegt, bis er einigermaßen wohnmobilfrei war. Dann galt es, diesen einzigartigen Pass in einem Zug und ohne lästige Hindernisse zu nehmen. Es war, wie immer, ein tolles Erlebnis, entlang der Felsen und unzähligen Wasserfälle die Passhöhe zu erklimmen. Oben auf dem Gipfel kamen wir mit allerlei GS-Fahrern aus aller Welt ins Gespräch und hätten fast den Zeitpunkt zur Weiterfahrt verpasst.
Der erneut aus Westen hereinziehende Nebel erinnerte uns daran, dass wir noch weiter nach Lom wollten. Aber erst einmal führte uns unser Weg zurück nach Geiranger. Von dort aus fuhren wir die Passstraße hinauf bis zum Einstieg auf den Dalsnibba, den sogenannten Königinnenstuhl oberhalb von Geiranger. Hier trennte sich unsere Truppe für die nächsten anderthalb Stunden. Während die einen unbedingt hinauf auf den Aussichtspunkt wollten, hatten die anderen ein wenig Bedenken wegen der Schotterpiste, die hinaufführt. Die Mutigen wurden belohnt; zwar kostet es immer noch Maut, um die Straße nutzen zu dürfen, aber sie ist mittlerweile komplett geteert und führt zu einem der atemberaubendsten Aussichtspunkte im gesamten Norwegen.
Nachdem wir die anderen wieder im Café eingesammelt hatten und von unserem kurzen Ausritt Bericht erstattet hatten, ging es über ein lang gezogenes Hochplateau zum Ziel- und Touristenort Lom. Dort bezogen wir auf einem Campingplatz in den landesüblichen Holzhäusern Quartier und resümierten am Lagerfeuer in der nicht untergehen wollenden Sonne über die Bilder des Tages.
K-Putt
Etwas verschlafen bestiegen wir am nächsten Morgen unsere Bikes, und so kam es, wie es kommen musste: Einem unserer Begleiter rutschte beim Rangieren seine K 1100 RS aus der Hand. Sie schlug beim Aufprall auf einen Stein die Kofferhalterung samt Soziusraste ab. Nach einer etwa einstündigen Reparatur mit allem, was wir so dabeihatten und was der örtliche Baumarkt aufzuweisen hatte, ging es dann endlich weiter Richtung Hønefoss. Spät am Abend erreichten wir hier unser Hotel. Das lag zum Teil an der morgendlichen Aufregung und zum Teil daran, dass ich wider mein besseres Wissen einem Navi vertraut hatte. Der auf der GS verbaute Navigator hat zwar fleißig die Schalt- und Bremsvorgänge (getrennt nach Vorder- und Hinterrad) mitgezählt, beim Navigieren ist er jedoch ein wenig rechthaberisch. Als wir an eine gesperrte Straße kamen, fuhr ich leichtsinnigerweise einfach daran vorbei, ohne es mit dem Navi abzusprechen. Dämlicherweise lag einer meiner Wegpunkte 1,5 Kilometer hinter dieser Abzweigung. So kam es, dass der Navigator immer wieder versuchte, genau diesen Wegpunkt anzufahren. Dabei waren für ihn auch die von mir eingegebenen Vermeidungen wie unbefestigte Straßen Makulatur und wurden schlichtweg ignoriert. Da die Reisegruppe aber keine Lust auf Offroad-Einlagen hatte, zog ich nach dem zweiten Mal Rückkehr zur selben Einmündung die Notbremse und meine gute alte Landkarte aus dem Tankrucksack. Mit ihrer Hilfe gelang es mir, die Gruppe auch ohne Navi nach Hønefoss zu bringen. Ich liebe Papier.
Der endgültige K.O.
Der letzte Tag auf norwegischem Geläuf bedeutete das endgültige Tour-Aus für die im letzten Absatz erwähnte K. Nachdem das Koffermalheur ausgestanden war, bekam ein kleines Bauteil seinen großen Auftritt – Vorhang auf für den Gabelsimmerring. Dieser gab etwa 350 Kilometer von der Fähre entfernt seinen Dienst auf. Das dadurch austretende Gabelöl ergoss sich über Bremsscheiben und Reifen. So war an ein Weiterfahren auf eigener Achse nicht zu denken. Das geschah an einem Freitagnachmittag gegen 15 Uhr. Auch in Norwegen gehen die Firmen früh ins Wochenende, und nach schier endlos langen Diskussionen mit dem ADAC (trotz entsprechendem Schutzbrief) hatte dann auch die letzte Werkstatt zum Unterstellen des waidwunden Gefährtes geschlossen. Nur dem wirklich sehr hilfsbereiten Fahrer des NAF (ADAC-Partnerclub) verdanken wir eine artgerechte Unterbringung der Patientin bis zu ihrem Rücktransport.
Die Adventure zeigt, was in ihr steckt
Nun hatte die Adventure ihre große Szene und konnte zeigen, was sie kann. Fast das komplette Gepäck des Pechvogels bekam sie zusätzlich auf ihre breiten Schultern geschnürt. Und eine Sozia on top. Da sich nämlich der Unglücksfahrer schon nach kurzer Fahrt als schlechter Sozius erwies, erklärte sich eine der Teilnehmerinnen bereit, ihm für die Rückreise ihr Bike zu überlassen; sie selbst nahm hinter meinem Rücken Platz. So ging es zurück nach Göteborg, wo wir erschöpft, aber glücklich darüber, dass alles einigermaßen glimpflich verlaufen war, an Bord der Fähre gingen. An diesem Abend saßen wir noch lange bei völlig überteuerten Getränken beisammen, besprachen den Tag und den Ausblick aufs nächste Jahr. Da wollen wir nämlich wieder nach Norwegen. Farvel Norge – auf Wiedersehen, Norwegen!
PS: Die verbleibenden zwei Tage mit Sozia auf heimischen Böden waren die pure Entspannung; von mir aus kann es gleich wieder in den hohen Norden gehen.
Unterkünfte der Reise
- Rauland (Telemark) – Rauland Akademie
Route
- Garching – Nürnberg – Erfurt – Lüneburg – Kiel – Fähre nach Göteborg
- Oslo – Drammen (Spiraltunnel) – Heddal (Stabkirche) – Rauland
- Haukeli – Låtefossen – Odda – Bergen
- Skei – Hellesylt – Geirangerfjord – Trollstigen – Åndalsnes
- Atlanterhavsveien – Dalsnibba – Lom – Hønefoss – Göteborg
Text: Robert Scheu · Fotos: Ingrid Mages, Robert Scheu · Erstveröffentlichung im GS:MotorradMagazin, Ausgabe 12/2014. Alle Angaben ohne Gewähr.
