Europa · Italien · Reisegeschichten

Am Felsenmeer: Gardasee und Dolomiten

Achttägige Gruppenreise von Aalen über den Reschenpass an den Gardasee, auf den Monte Baldo und durch die Dolomiten bis in den Schnee.

Warum denn schon wieder Italien? So lautete die Frage an mich während der Planung der Reisen 2013. Der Liter Sprit kostet fast zwei Euro, verstopfte Straßen rund um den Gardasee und auf den bekanntesten Dolomitenpässen, chaotische Autofahrer … Bella Italia, und besonders der wohl schönste See Oberitaliens, der Lago di Garda mit seinem alpin-mediterranen Flair, ist nach wie vor eine (Motorrad-)Reise wert.

Pflichtprogramm einer jeden Dolomitentour: Cortina d’Ampezzo.
Pflichtprogramm einer jeden Dolomitentour: Cortina d’Ampezzo.

Und da so eine Tour mit einer Gruppe Gleichgesinnter noch viel mehr Spaß macht, stand diese Reise auch unter dem Namen „Felsenmeer“ im Reiseprogramm 2013 des Veranstalters KULTourBIKES. Eine achttägige Motorradreise an den Gardasee und in die Dolomiten.

Über den Reschenpass an den Gardasee

16 kurvenhungrige Biker auf 13 Motorrädern brechen in Begleitung eines Autos am frühen Morgen im schwäbischen Aalen auf und steuern auf dem kürzesten Wege den Reschenpass an. Dort begrüßt uns der einsam aus dem See ragende Kirchturm des versunkenen Ortes Graun.

Am Reschenpass gab es bis zur Seestauung 1950 drei Seen: den Reschensee, den Mittersee und den Haidersee. Bei der Stauung wurde das Dorf Graun und ein Großteil des Dorfes Reschen versenkt. 163 Häuser wurden zerstört und 523 Hektar fruchtbarer Kulturboden überflutet. Heute zeugt nur noch der aus dem Reschensee ragende Kirchturm vom versunkenen Alt-Graun.
Am Reschenpass gab es bis zur Seestauung 1950 drei Seen: den Reschensee, den Mittersee und den Haidersee. Bei der Stauung wurde das Dorf Graun und ein Großteil des Dorfes Reschen versenkt. 163 Häuser wurden zerstört und 523 Hektar fruchtbarer Kulturboden überflutet. Heute zeugt nur noch der aus dem Reschensee ragende Kirchturm vom versunkenen Alt-Graun.

Der erste Cappuccino ist dann im Vinschgau fällig. Bei Meran biegen wir zum Gampenpass ab; die Auffahrt dorthin begeistert immer wieder durch faszinierende Blicke auf die Obstgärten Südtirols tief unten im Tal. Öde Tristesse dagegen herrscht im Frühsommer im Wintersportort Madonna di Campiglio. Dieser Ort blüht wirklich erst im Schnee auf. Den können wir aber bei unserem Vorhaben gar nicht gebrauchen. So führt uns die weitere Fahrt über Tione di Trento und am türkisfarbenen Tennosee vorbei nach Brenzone, am Ostufer des Gardasees gelegen. Unser Quartier, das Hotel Brenzone, eignet sich hervorragend als Basisstation für die geplanten Touren durch die sehenswerten Regionen rund um den See.

Seen, Kurven und der Monte Baldo

Seen sehen wollen wir am nächsten Tag – und wir beginnen mit dem Ledrosee, der, wunderbar in die Berge eingebettet, westlich von Riva liegt. Neben dem Besuch des Freilandmuseums am Ufer empfiehlt sich der Gang in die Apotheke von Pieve di Ledro. Dort sollte man unbedingt die heilsame Medizin mit dem Namen „Picco Rosso“ erwerben, einen Erdbeer-Himbeer-Likör mit sagenhaften 61 % Alkohol. Gibt’s leider nicht auf Rezept, man muss schon selber zahlen.

Bis zum südlich gelegenen Nachbarn, dem wesentlich größeren Idrosee, ist locker-flockiger Kurvenswing angesagt. Dieser setzt sich auch auf der danach folgenden Strecke zum Lago di Valvestino fort, allerdings in wesentlich gemäßigterem Tempo. Motorradfahren in seiner schönsten Form: Hier kann man sich schwindlig fahren! Diese Streckenführung wurde nicht geplant, sie wurde komponiert. Ein Wahnsinnsblick auf den Gardasee, wie von einem riesigen Balkon, bietet sich uns von Navazzo aus. Nun noch die Serpentinen nach unten, dann hat uns die Küstenstraße auf der Westseite des Sees wieder. Ein leckeres Gelato im Touristenort Limone ist als Tagesabschluss natürlich Pflicht.

Der Monte Baldo ist das Ziel des zweiten Ausflugstages. Bis auf über 2.200 Meter ragt der Gardasee-Hausberg östlich des Wasserspiegels auf. Egal welche Straße man auf dem Hochplateau erwischt – „falsch machen“ geht nicht! Duftende Kiefernwälder, sattgrüne Almwiesen, gurgelnde Bäche, idyllische Gehöfte – von der oft hektischen Betriebsamkeit rund um den Lago ist hier oben rein gar nichts zu spüren.

Madonna della Corona, ein Wallfahrtsort nahe Spiazzi im Veneto, auf 773 Metern Höhe spektakulär in den Fels gebaut, hoch über dem Tal der Etsch.
Madonna della Corona, ein Wallfahrtsort nahe Spiazzi im Veneto, auf 773 Metern Höhe spektakulär in den Fels gebaut, hoch über dem Tal der Etsch.

Madonna della Corona heißt die spektakulär in den Fels gehauene Kirche, hoch über der Brennerautobahn. Die kleine Wanderung dorthin ist keine Pflicht, sondern Kür! Dabei folgen wir einem Weg, den auch der Papst schon zurückgelegt hat. Als landschaftlicher und fahrtechnischer Höhepunkt erweist sich die Abfahrt vom Monte-Baldo-Plateau hinunter nach Brenzone. 20 Prozent Gefälle, enge Kurven und ein unvergleichliches Panorama. Vorsichtig tasten wir uns diese abenteuerliche Straße hinunter. Ob ich die uns entgegenkommenden Mountainbiker mit ihren feuerroten Köpfen bewundern soll oder ob da doch eine gehörige Portion Verrücktheit im Spiel ist, lass ich mal außen vor.

Rund um den See und in die Dolomiten

Am Tag vier der Reise widmen wir uns dem großen Wasser: Eine Seeumrundung steht auf dem Programm. Allerdings kann das ganz schön zäh werden. Unzählige Autos, Busse und Anlieger-Lkw schieben sich auf der teilweise sehr engen Uferstraße entlang. Trotzdem lohnt sich ein Abstecher nach Sirmione, der Halbinsel am südlichen Zipfel des Sees. Die historische Altstadt mit dem Castello Scaligero zieht jeden Tag Tausende von Touristen in ihren Bann. Wir entspannen uns nach der streckenweise doch etwas nervigen Fahrt bei Vino Rosso auf der Promenade vor unserem Hotel und genießen die letzten Sonnenstrahlen, die auf den leichten Wellen des Wassers tanzen.

Kurvenspaß auf den Passstraßen der Region.
Kurvenspaß auf den Passstraßen der Region.

Ein hässliches Geräusch weckt uns am folgenden Morgen: Regentropfen schlagen gegen die Fenster. Das bedeutet: Regenkombi an, Maschinen mit dem Gepäck und einer Zusatzladung Optimismus bepacken und unserem nächsten Ziel entgegen, den nordöstlichen Dolomiten. Und schau an, was eine positive Einstellung so alles bewirken kann: Kurz vor Belluno hat die Sonne ihr Lachen wieder entdeckt, und so nehmen wir das einzigartige Kurvengewirr des Passo San Boldo in Angriff. Über die Olympiastadt Cortina d’Ampezzo und Toblach landen wir im Pragser Tal. Wieder haben wir einen guten Griff mit unserer Hotelwahl getan. Das Hotel Trenker, inmitten von Wiesen nahe dem geheimnisvollen Pragser Wildsee gelegen, ist ein Vorbild an Gastfreundlichkeit.

Tunnels und Kurven am Passo San Boldo.
Tunnels und Kurven am Passo San Boldo.

Schnee auf Falzarego und Giau

Leider kann da das Wetter die nächsten Tage ganz und gar nicht mithalten. Bisher habe ich die prächtige Bergwelt der Dolomiten meist aus der Hochglanzperspektive erlebt, aber nun schaut es leider ganz anders aus. Was mit Regen begann, sollte im Schneetreiben enden. Denn auf den Passhöhen von Falzarego und Giau verwandeln sich die dicken Tropfen urplötzlich in weiße Flocken. Anstatt Cappuccino auf der Terrasse heißt es Schneeballschlacht auf dem Parkplatz! Gruselig die Abfahrt ins Tal: Immer wieder prüfen wir mit den Füßen die Asphaltdecke, ob sich das Nass nicht in Eis verwandelt. Schließlich zeigt die Temperaturanzeige im Cockpit verdächtige 1,5 Grad – minus, versteht sich. So herrscht am Nachmittag drängende Enge in der Hotelsauna, und am Abend gehört Glühwein zu den gefragtesten Getränken.

Programmänderung am nächsten Tag: Wir pfeifen auf eine weitere Regenrunde und demonstrieren unsere Schießkünste beim Gästeschießen im Biathlon-Stadion von Antholz. Den Schützenkönig stellen wir leider nicht, dafür haben wir aber mehrere Kaminwurz- und Bauernspeck-Meister unter uns. Eine zünftige Marende (Brotzeit) mit dem dazugehörenden Enzian entschädigt für die entgangene Motorradtour.

Auf unsere Bikes müssen wir uns tags darauf auf jeden Fall wieder schwingen, schließlich heißt es nun Abschied nehmen von den wolkenverhangenen Bergriesen. Die geplante Rückreise-Route über den Staller Sattel und den Gerlospass ändern wir deshalb auch wetterbedingt auf die Hauptstrecke über den Brenner und den Fernpass. Alle kommen zwar nass, aber gesund wieder zu Hause an. Eine weitere Reise, die gezeigt hat, welchen Spaß eine geführte Motorradtour mit sich bringen kann. Gut geplant mit den richtigen Leuten unterwegs zu sein – solange nur der Himmel weint und die Biker lachen, haben wir das meiste wohl ziemlich richtig gemacht!

Route

  • Aalen – Reschenpass – Vinschgau – Gampenpass – Tione di Trento – Tennosee – Brenzone (Gardasee)
  • Ledrosee – Idrosee – Lago di Valvestino – Navazzo – Limone
  • Monte Baldo – Madonna della Corona – Sirmione
  • Passo San Boldo – Cortina d’Ampezzo – Toblach – Pragser Tal – Falzarego und Giau – Antholz
  • Rückreise: Brenner – Fernpass – Aalen

Text: Jürgen Hägele · Fotos: Silke Weißflog, Eddy Domhan · Erstveröffentlichung im GS:MotorradMagazin, Ausgabe 03/2014. Alle Angaben ohne Gewähr.

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