Deutschland · Europa · Reisegeschichten

Mecklenburg kreuz und quer

Enduro-Training im Nordosten: zwei Tage Sand, Wald und Schaalsee mit ENDUROFUN Tours, dazu Rehna, Gadebusch und das Möllin-Rauchhaus.

Eine Reise in die Welt des Endurofahrens abseits von geteerten Straßen in Nordostdeutschland: Vom Reiseveranstalter ENDUROFUN Tours bekam ich die Einladung, ein Enduro-Training in Mecklenburg mitzumachen. Das war für mich als leidenschaftlicher Tourenfahrer eine völlig neue Herausforderung.

Sandgruben, Waldwege und Brennesselfelder: Mecklenburg abseits des Asphalts.
Sandgruben, Waldwege und Brennesselfelder: Mecklenburg abseits des Asphalts.

Die Natur einmal ganz anders als gewohnt kennenzulernen, nämlich im Gelände, also in ihr selbst, fernab der großen Straßen. Ich lieh mir von einem Bekannten eine BMW G 650 GS für dieses Training, stellte dann vor Ort aber fest, dass ich mir auch ein passendes Motorrad direkt beim Veranstalter hätte mieten können. Nach einer Anfahrt quer durch ganz Deutschland komme ich an unserem Standorthotel „Alter Gutshof“ in Demern an, wo die meisten der rund 20 Teilnehmer schon eingetroffen sind.

Ich gönne mir zunächst eine kurze Erholungspause im geschmackvoll eingerichteten Zimmer und lasse mir dann im Hotelrestaurant eine gebratene Ostseescholle mit zerlassener Butter bei einem Glas Rostocker Schwarzbier munden. Nach dem Essen machen wir Teilnehmer uns bei einem weiteren Glas Bier miteinander bekannt und schnell ergibt sich daraus eine gesellige Runde.

Der erste Tag

Frisch gestärkt am reichhaltigen Frühstücksbuffet geht es nun endlich los! Für einen Neuling in der Endurowelt ist der Umstieg auf eine Geländemaschine schon wegen ihrer Sitzhöhe ziemlich gewöhnungsbedürftig. Wegen meiner Körpergröße war das für mich jedoch kein echtes Problem, aber Hut ab vor Jannet, einer Teilnehmerin aus unserer Gruppe. Sie ist etwas kleiner und hat zudem noch eine Geländemaschine mit Kickstarter bekommen. Ehrgeizig will sie sich auch nach dem zehnten missglückten Startversuch nicht helfen lassen – und schafft es dann schließlich auch allein.

An diesem ersten Morgen kommen auch die Fahrer dazu, die nur einen Tag der Tour gebucht haben. Wir werden in zwei Gruppen eingeteilt – in die erfahrenen Biker und in die Neulinge. Schon die Ausrüstung macht deutlich, wer in welche Gruppe gehört. So sehe ich bei den Fortgeschrittenen Hard-Enduros der Marken KTM, Husqvarna, Beta und sogar eine Scorpa, während ich mit meiner G 650 GS in der Anfängergruppe mitfahre, zwischen Modellen wie zum Beispiel einer Honda Africa Twin oder einer Suzuki DRZ 400.

In den tiefen sandigen Pisten braucht die GS eine erfahrene Hand am Gasgriff.
In den tiefen sandigen Pisten braucht die GS eine erfahrene Hand am Gasgriff.

Nachdem wir einige Dehn- und Streckübungen absolviert haben, steigen wir auf die Maschinen und verlassen Demern. Zunächst bewegen wir uns gemächlich auf öffentlichen Wegen in Richtung Schaalsee. Dort machen wir dann die ersten Erfahrungen, wie das Motorrad auf die unterschiedlichen Untergründe reagiert, die mal sandig sind, mal hart mit ausgetrockneten Spurrillen oder auch, wie im Fall von Waldwegen, matschig. Dabei kommt es in unserer Gruppe auch schon mal zu kleinen Stürzen, die aber allesamt harmlos sind und uns lehren, dass ein beherzter Dreh am Gasgriff oft mehr Sicherheit gibt als ein allzu verhaltenes Fahren.

Während unserer ersten größeren Pause erzählt uns unser Tour-Guide Burkhardt etwas über das Biosphärenreservat Schaalsee: Es liegt an der Grenze zu Schleswig-Holstein und ist aus dem Sperrgebiet der innerdeutschen Grenze entstanden. Die staatlich verordnete Zwangsruhe prägte in dieser Zeit das „Niemandsland“ und die Natur gewann an Raum, sodass im Jahr 2000 dieses schützenswerte Gebiet als Biosphärenreservat ausgewiesen wurde. Auf schleswig-holsteinischer Seite der Grenze schließt sich unmittelbar der bereits 1961 gegründete Naturpark „Lauenburgische Seen“ an.

Jetzt erfahren wir mehr über die Techniken des Endurofahrens. Über das Gewichtverlagern beim Beschleunigen, über das Lenken mit den Beinen und über die korrekte Haltung beim Fahren im Stehen. Gleich anschließend wird alles in die Praxis umgesetzt. Auf einem kleinen Waldrandstreifen stellt sich dann schnell heraus, dass ich mich mit meiner 650er GS auch als absoluter Neuling nicht hinter den anderen Teilnehmern verstecken muss. Während der Weiterfahrt durch ein gut einen Meter hohes Brennesselfeld bekomme ich schon ein wenig weiche Knie – bloß nicht anhalten oder gar stürzen! Weiter geht es Richtung Zarrentin, wo wir an der Tankstelle nicht nur Sprit, sondern auch die original „Roten Kracher“ bekommen.

Selbst Waldwege lassen sich im Stehen sicherer fahren.
Selbst Waldwege lassen sich im Stehen sicherer fahren.

Gut gesättigt und voller Tatendrang fahren wir in eine Industriebrache. Auf dem Weg dorthin müssen wir auch über richtig tief ausgefahrene Sandwege fahren. Hier zeigt uns Bettina, wie ein richtig guter Wheelie im Gelände aussieht, und bald gibt es auf dieser riesigen Spielwiese für uns alle kein Halten mehr. Wir toben uns nach Herzenslust aus, und so wird auch schon mal die Africa Twin eingegraben oder eine Yamaha TT 350 flachgelegt.

Und wieder geht es auf sandigem Untergrund weiter Richtung Norden. In der ländlichen Gegend fühlen wir uns in die Vergangenheit zurückversetzt. Alte, malerische Dörfer mit schönen Fachwerkhäusern im Zentrum entschädigen für den Anblick riesiger LPG-Bauten am Rande der Ortschaften. Es bleibt noch Zeit für einen Abstecher ins idyllisch gelegene Lassahn. Das Dorf wurde 1945 zur sowjetischen Besatzungszone zugeordnet und in der Zeit der deutschen Teilung durch die immer stärker ausgebauten Grenzanlagen stark beeinflusst. Die Bewohner waren vom See vollkommen abgeschnitten. An verschiedenen Stellen wurden sogar ganze Ortsteile abgerissen, um die Grenzanlagen zu erweitern. Umso mehr erfreut uns jetzt während einer Pause im Gasthof „Seeblick Pavillon“ die freie Sicht auf den See.

Nach diesem wirklich abwechslungsreichen ersten Trainingstag führt uns Burkhardt zurück nach Demern. Während sich die anderen Teilnehmer zum gemeinsamen Abendessen verabreden, entschließe ich mich, mit Burkhardt noch eine kleine Runde über Carlow nach Rehna zu fahren und die schöne Abendsonne zum Fotografieren zu nutzen. Er erzählt mir die Geschichte des Wappens von Rehna, das am 10. April 1858 von Friedrich Franz II., Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, festgelegt wurde. Es zeigt „einen schwarzen Stierkopf mit goldener Krone, silbernen Hörnern, aufgerissenem Maul, ausgeschlagener roter Zunge und abgerissenem Halsfell, welches bogenförmig aufgeschnitten ist und sieben Spitzen zeigt“. Gruselig! Dafür wirkt das aus rotem Backstein gebaute Kloster am Fluss Radegast in der Abendsonne wunderschön und wird von alten Bäumen im Vorhof stimmungsvoll eingerahmt.

Jetzt treibt uns der Hunger zurück nach Demern. Frisch geduscht treffen wir den Rest der Truppe schon beim Nachtisch an, während wir uns einen Hirschkalbsbraten an Preiselbeersoße mit Apfelrotkohl und Kroketten schmecken lassen. Anschließend schauen wir uns in einer gemütlichen Runde noch ein paar Fotos von ENDUROFUN Tours an, aufgenommen auf einer Tour an die Ardèche.

Der zweite Tag

Am Sonntagmorgen verlassen wir Demern nordwestwärts Richtung Carlow. Von dort aus geht es in großem Bogen vorbei an einem riesigen ehemaligen LPG-Gelände gen Rehna, das wir aber links liegen lassen und stattdessen auf einer Anhöhe halten. Dort überrascht uns eine phantastische Aussicht, sogar das mehr als 20 Kilometer entfernte Lübeck können wir am Horizont erkennen. Und wieder führen uns sandige Wege weiter, bis hin zu einer alten Obstbaumwiese, die zu einem Tummelplatz für Crossfahrer geworden ist. Das Areal ist gut sechs Hektar groß und bietet für jeden Fahrer etwas.

Auf den für den öffentlichen Verkehr freigegebenen Radwegen kommen wir weiter voran, durchfahren Tunnel aus Gestrüpp und kämpfen uns durch tiefen, weichen Sand. Die Strecke fordert uns einiges ab, aber im Vergleich zum Vortag geht es doch schon sehr viel besser. Die gut vermittelte Theorie und die praktischen Übungen zeigen Wirkung und der Spaßfaktor steigt im Tun. Später treffen wir in einem ziemlich urwüchsigen Waldstück auch die andere Gruppe, die uns durch ihre zügige Fahrweise und die sichere Beherrschung ihrer Maschinen doch ein wenig beeindruckt. Es ist sicher nicht einfach, die Maschine auf dem matschigen Weg über einen Baumstamm zu balancieren oder zwischen den Bäumen hindurch Zickzack zu fahren, doch hier sieht es fast spielerisch aus.

Das Überqueren einer alten Bahnstrecke aus Kaiserzeiten erfordert Gemeinschaftsarbeit.
Das Überqueren einer alten Bahnstrecke aus Kaiserzeiten erfordert Gemeinschaftsarbeit.

Im Laufe des Tages stellt sich unser Tour-Guide Burkhardt als Experte im Reparieren der Enduros heraus, aus seinem Werkzeuggürtel zaubert er ganze Kupplungszüge und bekommt so auch die ausgefallene Maschine eines Teilnehmers schnell wieder zum Laufen.

Nach einer Tankpause fahre ich mit Rainer Richtung Gadebusch. Im Rahmen einer Stadtführung erfahren wir, dass der Name als Landschaftsbezeichnung erstmals im Isfriedschen Teilungsvertrag von 1194 erwähnt und ab 1210 als Ortsname benutzt wurde. Schon im 8. Jahrhundert stand hier eine slawische Burg mit mächtigem Burgwall. Der Ort wurde im 12. Jahrhundert dann deutsch besiedelt. Die günstige Lage am Fernhandelsweg Schwerin–Lübeck begünstigte seine weitere Entwicklung. 1220 wurde mit dem Bau der spätromanischen Backsteinkirche St. Jakob begonnen. Bereits im Jahr 1225 erhielt Gadebusch Stadtrechte verliehen und ist damit eine der ältesten Städte Mecklenburgs. Von Beginn an hatte Gadebusch auch das Münzrecht. Besondere Bedeutung hatte die Gadebuscher Münze im 16. und 17. Jahrhundert. Im Großen Nordischen Krieg trafen 1712 Dänemark und Schweden in der Schlacht bei Gadebusch (auch Schlacht von Wakenstädt genannt) aufeinander.

In der Nähe der Burg besuchen wir auch das Heimatmuseum und genießen anschließend in einem Café die schöne Aussicht über den Burgsee. Auf dem Weg nach Möllin verzaubert uns dann das Lichtspiel zwischen den Bäumen der Alleen. In Möllin angekommen machen wir Halt am Rauchhaus, welches ebenfalls zu einem Heimatmuseum ausgebaut wurde. Als eine der letzten komplett erhaltenen Hofanlagen aus den Jahren um 1800 bietet sie heute einen Ort zum Entspannen und Genießen.

Wieder in Demern angekommen, werden erst einmal die Motorräder vom Schmutz befreit, hierzu steht am Hotel ein großer Hochdruckreiniger zur Verfügung. Am Abend dieses anstrengenden, aber auch erfüllten langen Wochenendes gönne ich mir im Wellnessbereich unseres Hotels noch eine Massage zwischen zwei Saunagängen.

Beim gemütlichen Zusammensein am Abend diskutiert die Gruppe noch lange über das Für und Wider des Enduro-Fahrens. Wir sind uns einig, dass sich die geführte Tour sehr gelohnt hat, denn nur die erfahrenen Tour-Guides verfügen über die nötigen Ortskenntnisse und wissen, welche Strecken und Plätze mit unseren Motorrädern befahren werden dürfen.

Orte der Tour

  • Demern (Standorthotel „Alter Gutshof“) – Schaalsee – Zarrentin – Lassahn
  • Carlow – Rehna (Kloster am Fluss Radegast)
  • Gadebusch – Möllin (Rauchhaus)

Fotos und Text: Michael Dietrich · Erstveröffentlichung im GS:MotorradMagazin, Ausgabe 03/2014. Alle Angaben ohne Gewähr.

Jede neue Geschichte direkt in dein Postfach. Dazu die Tourenkarte Bayerischer Wald gratis.Trag dich in den Spurenbrief ein: Du bekommst eine Mail, sobald eine neue Reisegeschichte erscheint, und sofort die Tourenkarte als PDF. Kostenlos, jederzeit abbestellbar.

Mit der Anmeldung willst du den Spurenbrief per E-Mail erhalten. Du bestätigst per Link, Abmeldung jederzeit möglich. Datenschutz